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Es ist okay, Leute absichtlich zu übersehen

Elegantes Ignorieren ist besser als Smalltalk aus Pflichtgefühl.
Von Mercedes Lauenstein
Sozialphobikerkolumne Folge 2_Cover
Illustration: Janina Schmidt

Lebensaufgabe Sozialkompetenz! So wichtig wie Wasser und Brot, so kompliziert wie eine Operation am offenen Herzen. In der Serie "Hilfe, Menschen!" berichten wir ab sofort von unseren Sozialphobien. Folge 2: die Kunst des Menschen-Übersehens.

Sie begegnen einem überall. In der S-Bahn, in der Bar, im Schwimmbad, im Museum, auf dem Mont Blanc, im Getränkemarkt. Menschen, die man kennt. „Oh Gott, bitte nicht“, denkt man. Nicht jetzt, da ich diesen guten Song höre, nicht jetzt, da ich innerlich grad den Schlafanzug oder das Psychiatriehemd anhabe, nicht jetzt, da ich nur in Ruhe aus dem Fenster glotzen will, nicht jetzt, da ich, kommt ja vor: akut Menschen hasse, nicht jetzt, da ich – nicht will.

Es ist ein großes Missverständnis, dass man kurz anhalten und Konversation pflegen sollte, so bald man außerhalb des eigenen Hauses jemanden erspäht, den man kennt. Menschen, die man kennt, auf der Straße absichtlich ignorieren, ist eine unterschätzte und völlig akzeptable Sozialpraktik. Denn Alleinsein ist grundsätzlich etwas Schönes, und Alleinsein unter Menschen kann noch schöner sein, wenn es freiwillig geschieht. Man schaut sich die Welt an wie einen Film, grübelt von hier nach da, sieht alles harmlos sprachlos an sich vorbeiziehen und ist auf zen-hafte Weise mit sich selbst eins. Darin von völlig unnötigen, aus beidseitigem Pflichtgefühl ausgeführtem Wurschtigkeits-Smalltalk unterbrochen werden, gleicht einem mittelschweren Gewaltakt. Es nimmt einem die Nadel von der Platte. Und wofür?

Mut zur Ignoranz!

Zufällige Begegnungen sind fast immer zu kurz für interessante Gespräche, die meisten entstehen nur aus Pflichtgefühl. Man sieht sich und meint, jetzt nicht einfach weglaufen zu dürfen. „Sei anständig, sag der Frau Soundso Guten Tag!“ sagt jemand im eigenen Kopf. Man ist sich nur nicht so sicher, wer. Sympathisch klingt die Stimme eigentlich nicht. Vielleicht ist es die von Frau Föhrenbusch, der Zugehfrau von Simone Koppenbrink aus der 3b. Man selbst ist es jedenfalls nicht. Man selbst schmollt. Und je älter man ist, desto höriger wird man. Nur warum? Wer sagt, dass Frau Föhrenbuschs Stimme Recht hat? Auch Frau Föhrenbusch möchte nicht mit einer ehemaligen Kommilitonin zwei Stunden lang im Zug zum Smalltalk gezwungen sein. Viel lieber möchte sie doch in Ruhe Sudokus machen oder ihren Krimi lesen. Deshalb: Mut zur Ignoranz! Sie bewahrt einen vor unnützem Informationsaustausch über das Wetter und anderen Verlegenheitsthemen, die in Rama-Werbung-Dialogen oder Fahrstuhlgesprächen münden. Nur weil man sich unter Menschen begeben hat, heißt das noch lange nicht, dass man mit ihnen sprechen möchte. Erst recht nicht mit welchen, die man kennt.

 

Es hilft nichts, man kann es nicht thematisieren. Man kann sich nicht rausreden, man kann sich nicht entschuldigen. Jemandem, der einen anspricht, ins Gesicht sagen: „Stopp! Nicht mit mir reden! Nicht heute! Nächstes Mal vielleicht auch nicht. Lieber verabreden und richtig reden mit Wein. Oder niemals. Und jetzt: Tschüss!“ geht nicht. Entweder also man perfektioniert die Kunst des Smalltalks (in der Zeit könnte man aber auch ein Instrument spielen lernen oder ein Hochzeitskleid von Hand nähen) oder man übt sich in der Kunst des eleganten Übersehens. Keine Angst. Die Leute nehmen es einem nicht übel. Sie wollen in Wahrheit ja auch nur ihre Ruhe.

 

 

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