So überlebst du die Begegnung mit dem Kleinanzeigen-Verkäufer

Manchen Situationen müssen wir uns stellen. Diese Kolumne hilft, sie zu überstehen. Diese Woche: in der Wohnung eines Fremden.
Von Quentin Lichtblau

Illustration: Federico Delfrati

Nicht alles im Leben ist freiwillig. Die Survival-Kolumne ist Anlässen gewidmet, denen wir uns stellen müssen – ob wir wollen oder nicht. Ein Leitfaden zum Überleben. 

Bis vor einer Stunde wusstest du noch gar nicht, dass eine zwei Meter hohe Yucca-Palme genau das ist, was dir zu deinem ewigen Glück fehlen könnte. Dass du wenig später in einer wildfremden Wohnung stehen würdest und dir mit Erdkrümeln an der Hand Gedanken um die Psyche eines Kleinkinds machen würdest. Wie ist es soweit gekommen? Schuld war eine Kleinanzeige. Die Ebay- und Verschenks-Angebote locken Menschen nämlich regelmäßig in fremde Wohnungen – und da wartet eine der kompliziertesten Herausforderungen im Spätkapitalismus: sich plötzlich in der Privatsphäre eines Fremden zu befinden und da irgendwie wieder rauszukommen. Wir helfen dir dabei.

Es fing so an: Du saßt auf der Arbeit, kurz vor Feierabend. Irgendwie nichts gerissen heute, der Tag fühlte sich unvollständig an, umsonst verstrichen. Jetzt einfach aufbrechen? Du dachtest an deine Wohnung, der zwischen charakterlosen Ikea-Teilen, Omas Kommode und ein bisschen Sperrmüll irgendwie noch das Lebendige fehlte. Vielleicht brauche ich einen Hund, hörtest du dich laut sagen. Deine Kollegin neben dir ignorierte dieses Selbstgespräch diskret, machte sich dann aber dann schnell mit einem „äh, dann schönen Abend dir!“ aus dem Staub. Gott sei Dank hast du auf dem Bildschirm vor dir in deinen 20 Ablenkungs-Tabs auch immer diese Kleinanzeigen-Seite offen, oder die „Verkauf's“-Facebookgruppe. Und dann war der Gedanke da: Eine Pflanze! Irgendwie lebendig, aber braucht nur Wasser! Urban Jungle oder wie das heißt, voll angesagt. Zwei Klicks auf Kleinanzeigen und sie stand vor dir, also als Foto auf dem Bildschirm: Eine Yucca-Palme, aus Platzmangel günstig abzugeben. Fast umsonst. Bei dir ums Eck! Ein Traum.

Zwei Nachrichten später warst du auf dem Weg zu Rolf. Außer Vorname und Adresse wusstest du nichts über ihn. Gar nichts! Dich überfiel die Panik. Wie soll man sich in der Wohnung eines Fremden verhalten? Würde Rolf dir die Palme vor die Füße werfen und die Tür schließen? Oder dich auf ein stundenlanges Abendessen einladen? In diesem relativ jungen Kleinanzeigen-Business gibt es ja keinerlei eingespielte Konvention! Wie verhalten? Lies einfach weiter.

Zunächst mal solltest du überlegen, was du eigentlich willst. Das alles so schnell wie möglich hinter dich bringen, weil du dir nun mal keine neue Yuccapalme leisten kannst, ganz ohne voyeuristisches Interesse an fremden Wohnungen? Oder hast du Rolf vielleicht nur angeschrieben, weil du seinen Namen anziehend fandest? Eventuell ist es hilfreich, seine Interessen schon im Chat vorab klar zu beschreiben, damit hinterher niemand enttäuscht ist. Aber seien wir realistisch: Das passiert nicht. Letztendlich werdet ihr nie erfahren, mit welchen Hoffnungen ihr beide diesen Palmen-Deal abgeschlossen habt.

Nächster Hürde: Die Sprechanlage. Rolfs krächzendes „Hallo?“ klingt irgendwie so gar nicht sympathisch. Ein kurzer Hauch von Fluchtgedanke überlagert dein Sprachzentrum: „Hey, alles klar? Ich bin.. ich bin wegen der Palme!“ Keine Antwort. Du läufst zuerst ins Hinterhaus, dann ins Vordergebäude drei Stockwerke zu hoch, dann steht Gott sei Dank plötzlich Rolf im Gang. Die Lehre aus dieser Szene: Leg' dir deine Sätze zurecht! Übe sie vor dem Spiegel. Und rechne lieber mit unsympatischen Menschen, du kannst schließlich immer positiv überrascht werden. Aber vielleicht hat dich Rolf ja auch gar nicht absichtlich auflaufen lassen.

Bei ihm – wie bei allen Kleinanzeigen-Verkäufern kann man sich nämlich nie sicher sein – inwiefern man tatsächlich willkommen ist. Rolf ist jedenfalls einer dieser Gruppe von Menschen, die vier Mal so viel Geld wie du besitzen, aber keinerlei Stil, Stichwort Camp David Hemd. Aber richtig gemein ist er auch nicht, er bittet dich herein („aber Schuhe aus bitte!“) und führt dich zu der Palme. Das seltsame an vielen Kleinanzeigen-Verkäufern ist, dass sie sich meist im Gegensatz zu dir (der sich hier einen ellenlangen Texte reinfährt) in keinster Weise auf dich vorbereiten. Ihre Ware auch nicht. Die Palme steht deswegen eingeklemmt zwischen zwei weißen Ledercouchen und einem Glastisch in der Ecke. Davor ein ebenso weißer Teppich, er sieht aus wie das Fell eines Yeti.

Je weniger du auf die Privatsphäre achstest, desto weniger tangiert sie dich

Seit dem Schuh-Satz schweigt Rolf und macht keinerlei Anstalten, dir beim Herausmanövrieren der Palme zu helfen, also schiebst du die Sofas auseinander, unter denen neben etwas Staub auch ein verlorener Hausschuh, ein halbes Snickers und ein Buch mit dem Titel „The Art of Kamasutra“ zum Vorschein kommen. Dann fälllt um ein Haar die Palme um, du kannst sie gerade noch festhalten, etwas Erde landet auf dem Yeti-Teppich. Als du feststellst, dass dieser Privatsphäre-Flash und das aus dem Teppich kratzen der verschütteten Erde dich überfordern, kommt auch noch ein sehr süßes Kleinkind zur Tür herein und fragt, auf dich zeigend, „Papaaa, wer ist das?“. Sein Blick wandert von dir auf das Cover des Buches. Und während Rolf sein Kind zurück ins Kinderzimmer scheucht, musst du von nun an mit dem Gedanken leben, dass diesem kleinen Menschen Jahrzehnte später die nicht einsortierbare Erinnerung an ein Kamasutra-Wesen kommen wird, das eines Tages mit erdigen Händen in seinem Wohnzimmer stand.

Wie hätte sich diese Szene verhindern lassen? Im Grunde gar nicht. Allerdings solltest du dir für deine Kleinanzeigen-Abholereien in Zukunft die Haltung professioneller Handwerker angewöhnen: Je weniger du auf die Privatsphäre achstest, desto weniger tangiert sie dich. Beim nächsten Mal also einfach reinmarschieren, Palme raus, Rolf egal, verschüttete Erde egal, Kind egal, weg.

Hast du die Palme trotz aller Hindernisse aus der Wohnung manövriert, fehlt nur noch die Geldübergabe. Tipp hier: Hab es passend. Natürlich hast du es nicht passend, selbstverständlich kann Rolf nicht rausgeben und sorry, zwei Euro abrunden geht leider echt nicht. Nachdem du also noch schnell zum Geldwechseln beim  Bäcker gegenüber gerannt bist und nach dem Bezahlen und einer eigenartigen Winken-statt-Handschlag-Verabschiedung Rolfs Wohnung verlassen hast, rollst du nun die Palme in einem halbstündigen Akt nach Hause.

Während du sie die Treppe hinaufziehst, merkst du, dass du sie bereits jetzt nicht mehr magst. Was hast du dir dabei bloß gedacht? Aber hey: Wozu gibt es Kleinanzeigen?

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