Warum es okay ist, mehrere Menschen parallel zu daten

Und wie es funktioniert, ohne dass am Ende jemand verletzt ist.
Von Katharina Mau

Zu Beginn erst mal eine Frage: Findet es irgendjemand komisch, wenn Menschen den Sommer über in verschiedene Eisdielen gehen? Nein. Warum auch? Man probiert halt aus, vielleicht findet man irgendwann die eine Eisdiele, die so gut ist, dass man zu keiner anderen mehr gehen möchte. Vielleicht aber auch nicht, vielleicht findet man mehrere ganz gut und geht mal hierhin, mal dahin. Hat keiner ein Problem damit. Man isst Eis ja auch nicht ständig mit dem Anspruch, das einzige, allerbeste Eis der Stadt zu finden. Man isst Eis, weil es so schön unter der Zunge weg schmilzt, weil die Sonne scheint und vielleicht auch, um sich an eine neue Sorte heran zu wagen.

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Genauso ist das auch beim Daten. Nicht jeder tut das mit dem Ziel vor Augen, einen festen Partner zu finden. Sondern probiert einfach mal hier, und mal da. Weil es Spaß macht. Mit diesem Verhalten haben aber viele Menschen ein Problem. Sie sehen Dates als etwas Exklusives. Wer mehrere Personen gleichzeitig datet, wird schnell abgestempelt als jemand, auf den man sich nicht verlassen kann. Man soll sich voll auf eine Person einlassen und erst dann die nächste treffen, wenn es mit dieser nicht geklappt hat. Diese Denke ist weit verbreitet. Aber sie ist falsch.

Denn zunächst könnte man Daten doch als einen Zeitvertreib begreifen, der einfach schön ist. Der Momente wegen: Im Idealfall sitzt man mit einem Menschen zusammen, den man irgendwie interessant findet. Oder weil er Brauwesen und Informatik studiert hat, weil er in seiner Freizeit Gedichte schreibt oder weil er Punkte und Streifen kombiniert. Und weil das oft ein über Tinder oder andere Dating-Apps gefundener Mensch außerhalb des eigenen Freundeskreises oder Studiengangs ist, sagt er vielleicht Dinge, die man so noch nie gehört hat. Dates erweitern den Horizont. Sie geben einem die Möglichkeit, öfter mal einen Einblick in das Leben anderer Menschen zu bekommen. 

Wieso geben wir Dates diesen Exklusivitätsanspruch?

Außerdem denkt man sich für diese Treffen meist etwas Schönes aus. Man schlägt das Café mit den bunten Sesseln vor, das man gerne einmal ausprobieren wollte. Man sitzt Bier trinkend am Fluss oder man kocht zusammen – mit Garam Masala, weil der andere nach dem Abi ein Jahr in Indien verbracht hat. Und es gibt diesen Moment, wenn man sich gegenübersteht und nicht weiß, ob man den anderen jetzt küssen soll oder darf. Und wenn man dann doch will und soll und darf und küsst.

Dates sind Ausflüchte aus dem Alltag und deshalb schon aus Prinzip schön und aufregend. Und diese Ausflüchte sollten wir uns nicht dadurch kaputt machen, dass wir Dates mit zu viel Bedeutung aufladen. Wenn wir doch sonst so unabhängig und locker und cool sein wollen, wieso geben wir dann Dates diesen Exklusivitätsanspruch und machen damit schöne Treffen unnötig kompliziert? Nicht jede zwischenmenschliche Beziehung, bei der es irgendwie knistert, muss zwangsläufig auf eine Beziehung oder ein sofortiges Ende zulaufen. Man kann schöne Momente miteinander erleben, ohne festes Ziel vor Augen. Wenn man mal so denk, ist es nur konsequent, sich mit mehreren Menschen parallel zu treffen. Dann kann man nämlich mehr Dates haben. 

Trotzdem muss man natürlich aufpassen – auf sich selbst und auf die anderen. Dates haben ja selbst bei dieser unaufgeregten Herangehensweise mit Gefühlen zu tun, und da wird es ja fast schon zwangsläufig irgendwann gefährlich. Fangen wir mit dem anderen an, mit dem Datepartner. Vorsicht ist ab dem Moment geboten, wenn der sich nicht mehr nur auf das Date an sich freut, sondern auf die Person an sich. Wenn der andere sich verliebt, man selbst aber nicht. 

Man kann nicht niemandem wehtun, aber man kann dabei so fair wie möglich sein. Also offen sagen, dass man sich gerade an den Dates erfreut und das nicht nur mit einer Person. Dann kann der andere immer noch selber entscheiden, ob er erst einmal teilen kann oder lieber gleich ganz verzichtet. Manchmal möchte man Erfahrungen nicht missen, auch wenn sie wehtun. Manchmal möchte man lieber einen Schutzwall um sich herum aufbauen und jeden Schmerz von sich fernhalten. Diese Entscheidung kann der andere aber nur treffen, wenn er weiß, woran er ist. 

  • Auf sich selbst aufzupassen, ist schwieriger. Denn die Gefahr ist irgendwie subtiler: Sie besteht nämlich darin, dass man so sehr aufgeht in diesem Daten, dass man sich gar nicht mehr auf die einzelnen Menschen einlässt. Man berauscht sich an den Dates, wird zum  Momente-Konsumenten. Das nächste Date, das nächste Treffen mit Potenzial ist nur einen Wisch auf Tinder entfernt. Und vielleicht wird das noch toller und noch aufregender. 

Man läuft auch Gefahr, gleichgültig gegenüber den Menschen zu werden, die einem da gegenüber sitzen. Man würfelt Gesprächsthemen durcheinander. Man hört nicht richtig zu. Man ist getrieben von einer inneren Unruhe. Dann kann es passieren, dass man den Menschen übersieht, der toller ist als all das Parallel-Daten und das Ungebundensein. Den Menschen, mit dem man so tolle Momente erlebt, dass man noch viel mehr davon haben will. Nicht um der Momente willen, sondern wegen der Toller-Mensch-tolle-Momente-Kombination.

 

Dann muss man anfangen, auf die Dates zu verzichten. Beziehungsweise, besser gesagt: Man muss anfangen in die Beziehung verlagern. Zusammen in einem Café sitzen und Leute beobachten, an einem Fluss spazieren gehen, ein Konzert genießen und in der Disko zusammen tanzen. Und sich tief in die Augen schauen. Und wollen und sollen und dürfen und küssen. Ohne die ganze Unsicherheit. 

 

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