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Foto: FemmeCurieuse / photocase.de; Bearbeitung: jetzt

Eigentlich war alles ziemlich perfekt. Ich saß auf der Terrasse vor meinem traumhaft schönen Haus in der Toskana. Dort hatte ich mich für einen Monat zum Schreiben eingemietet. Um mich herum in Nebel gehüllte Weinberge, vor mir ein eiskaltes Glas Weißwein. Langsam ließ ich mein Handy sinken. „Wie geht es dir, ich habe gehört du bist gerade in Italien – wie schön!“, hatte mir Sophie, eine Bekannte, gerade per SMS geschrieben. „Ja, aber es hat die ersten Tage echt viel geregnet und ich habe nur super langsames Internet. Ansonsten ist aber alles ok.“

Das war meine Antwort, die ich so schnell eingetippt und abgeschickt hatte, dass ich mir erst wenige Augenblicke später darüber klar wurde, was ich da gerade antwortete. Der Inhalt meiner Antwort war nicht nur pessimistisch, er war nicht mal realitätsnah, denn ich beleuchtete in ihr nur zwei Dinge: den Regen und das langsame Internet. Das waren die einzigen kleinen Störfaktoren, die mein Leben in den letzten Tagen davon abgehalten hatten, wirklich extrem entspannt  zu sein. Es war auch nicht nur „ansonsten alles ok“. Dort wo ich war, war (eigentlich) alles grandios. Es gab (eigentlich) keinen Grund zur Beschwerde. Doch was machte ich? Ich jammerte. Saß da, trank meinen köstlichen Weißwein und jammerte, weil ich meine Skype-Telefonate von hier aus nicht mit Videobild durchführen konnte, und weil ich durch das Wetter der ersten Tage dazu gezwungen war, tatsächlich auch ein wenig zu arbeiten. Je öfter ich, während der Regen (eigentlich) sehr malerisch gegen die Fenster prasselte, daran dachte, was mich hier nervte, desto weniger genoss ich, wo ich war und was ich hatte. Jammern scheint wie ein Magnet zu sein: Dort, wo es einen Grund zum Jammern gibt, wird schnell ein weiterer angezogen. Das Bett ist nicht bequem. Der Ausblick aus dem Fenster ist total verbaut. Die Milch ist auch alle. Super. Je mehr ich jammerte, desto besser wurde ich darin.

Als eine Freundin mich für ein paar Tage auf dem Weinberg besuchen kam, warnte ich sie sofort: „Ins Gästezimmer knallt morgens voll die Sonne rein! Länger als bis sechs kann man kaum schlafen“. Am nächsten Tag, als wir bei frischem Gebäck von Bienen umsummt unter den Olivenbäumen saßen, meinte sie: Stimmt, ja, die Sonne knallt. Sie hatte zwar ausschlafen können, war aber dennoch der Meinung, die Helligkeit störe. Und ja, „das Internet geht echt gar nicht hier“, sagte sie. Nicht, weil sie eine schlechte Freundin ist. Vielleicht sogar, weil sie eine besonders gute Freundin ist und durch ihr Mitjammern Empathie zeigen wollte. Zu zweit jammert es sich weniger allein, vor allem, wenn (eigentlich) alles wunderschön ist. Jammern wirkt also nicht nur magnetisch auf weitere Anlässe zum Jammern, sondern auch auf unsere Mitmenschen. Wie ein Rudel Wölfe steigt unser Umfeld mit lautem Geheul ein, wenn wir darüber reden, wie lange wir schon wieder bei der Ärztin warten mussten und wie schlecht wir vom Kellner in dem hippen Restaurant behandelt wurden. Es wird gemeinsam geschmollt und gescholten. Danach fühlen wir uns zwar alle ein bisschen mies, weil wir schon wieder nur gejammert haben. Aber wir verspüren auch eine grimmige Erleichterung: Wir sind also nicht die einzigen, denen das Leben mit seinen kleinen Gemeinheiten an den Kragen will. Ha!

Sind es vielleicht unser soziales Umfeld und unsere physische Umgebung, welche uns dazu anregen mehr zu jammern? Ich frage Diego Castro Franco, einen befreundeten Psychologen aus Mexiko, der sich dort auf Verhaltenstherapie spezialisiert hat. Er hat selbst mehrere Jahre in Deutschland gewohnt. Er könnte also vielleicht auch wissen, ob meine, ob unsere Jammerei, vielleicht sogar etwas sehr Deutsches ist.

„Unsere Verhaltensweisen und Denkmuster haben sogar sehr viel mit unserem sozialen Umfeld und dem Ort, an dem wir sie erlernt haben zu tun“, sagt Castro Franco. Insofern spielt es schon mal keine Rolle, in welchem Land man aufgewachsen ist.

Und mein Jammeranfall auf dem Weinberg? Hier bin ich, so sagt er, von eingefahrenen Verhaltensmustern überrollt wurden. Ein eingeprägter Hang zum Jammern? Ich? Das sitzt. Doch wenn ich länger überlege, hat er Recht: Ich bin in Ostberlin aufgewachsen, meine Familie stammt aus Sachsen. Jammern gehörte bei uns quasi zum guten Ton. „Dir geht’s wohl zu gut?“, war ein Standartspruch meiner Kindergärtnerinnen, wenn ich zu ausgelassen und fröhlich war. Kinder, die über den Spinat oder die Blutwurst jammerten hingehen, ließ man in Ruhe. Jammern war eine Reaktion, die anerkannt und bekannt war. Überschwang machte misstrauisch.

Die Dinge, über die wir jammern, scheinen sich im Laufe der Jahre kaum zu verändern

„Lang erlernte Verhaltensweisen wie das Jammern können, auch wenn es paradox klingt, dafür sorgen, dass wir uns geborgen fühlen“, so Castro Franco. Sie wirken vertraut, auch wenn sie natürlich Unbehagen und ein Gefühl von Bitterkeit schaffen. Und so begab ich mich in dem Moment dort in Italien, in dem alles fremd und gleichzeitig zu gut um wahr zu sein schien,  in die warmen Arme dessen, was ich kannte: meiner Jammerei.

Die Dinge, über die wir jammern, scheinen sich im Laufe der Jahre kaum zu verändern. Es kommen nur weitere hinzu: „Das Wetter ist schlecht“, „Die Bahn kommt nicht“. Und neuerdings auch: „Der Akku meines Smartphones reicht nur bis 13 Uhr“ oder eben „Was, wenn ich auf Airbnb ein Haus mit besserer Internetverbindung in der Toskana hätte finden können?“. Ja, das Leben ist hart. Auch wenn es eigentlich immer leichter werden sollte. „Ein weiteres Problem“, so Diego Castro Franco, „ist, dass wir unsere Gedanken immer für die Wahrheit halten“. Wir fragen uns nicht, ob wir überhaupt wirklich ein Problem haben und wie wir damit umgehen könnten. Auch ich fragte mich nicht, was ich gegen die Dinge, die mich störten, aktiv hätte tun können. Ich machte einfach das, was ich kannte und was sich richtig anfühlte.

Wie ich, wie wir das ändern können?

Statt zu jammern könnten wir daran arbeiteten, einen positiveren Einfluss auf unser Umfeld auszuüben. Wir könnten auch versuchen, uns selbst aus der pessimistisch-bequemen Umarmung unserer Gewohnheiten zu lösen, um ein bisschen mehr Überschwang zuzulassen. Schließlich haben wir (eigentlich) schon alles, um ganz schön dankbar zu sein. Lasst uns ein bisschen weniger jammern, auch wenn man das halt immer schon so gemacht hat. Ja ich weiß: Das wird anstrengend. Wir Armen.

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