Komm mir nicht zu nah!

Unserer Autorin kommt ein Mann unangenehm nahe. Wie man aus so einer Situation rauskommt.
Von Anna Farwick
Foto: emoji / photocase.de

Ich laufe eine Straße entlang. Rechts und links Häuserwände und Mauern. Neben mir ein Mann, mit dem ich mich für ein Interview treffe. Unser Ziel ist ein Café. Der Weg dorthin führt noch mindestens 15 Minuten durch enge und verwinkelte Gassen. Wir unterhalten uns. Ich gehe rechts, er links. Als wir losgehen, sind etwa 30 Zentimeter Platz zwischen uns.

Während wir uns unterhalten und durch die Straßen gehen, verringert sich dieser Abstand. Ich gehe unbewusst etwas nach rechts, näher an die Häuserwände. Mein Gesprächspartner schwenkt ebenfalls etwas nach rechts. Ich mag diese Nähe nicht. „Bestimmt ist er mir nicht absichtlich so nah gekommen“, denke ich wohlwollend.

 Ein zweiter Versuch. Ich gehe noch weiter nach rechts, nur wenige Zentimeter trennen meine Jacke und die rauen Steine der Mauer, an der wir jetzt entlanglaufen. Und wieder rückt er nach. Ich spanne meine Muskeln an. Mir wird mulmig. Ich kann mich nicht mehr richtig auf das Gespräch konzentrieren. Mein Blick ist auf den Boden gerichtet. Fragen schwirren mir durch den Kopf: „Was soll sein Verhalten? Und vor allem: Wie soll ich mich verhalten?“ Gleichzeitig denke ich: „Stell dich nicht so an, vielleicht hört er einfach nicht gut!“ Ich versuche ein letztes Mal der ungewollten Nähe zu entkommen und verlangsame mein Tempo, lasse mich kurz zurückfallen, um dann einen großen Schritt nach links zu machen. Raus aus der Enge von Mauer und fremdem Körper, die so beklemmend ist. Doof nur, dass mich mein Gesprächspartner immer noch nicht versteht. Er lässt sich auch zurückfallen, läuft wieder ganz nah neben mir. Unsere Arme berühren sich fast. Ich empfinde sein Verhalten als aufdringlich. An seiner Stelle hätte ich meine Reaktion längst verstanden.

„Menschen haben ein unterschiedliches Distanzempfinden“

„Die Person hat das für Sie offenkundige Verhalten nicht richtig wahrgenommen. Das liegt daran, dass Menschen ein unterschiedliches Empfinden von Distanz haben“, erklärt mir Michael Ehlers später. Ehlers ist seit über 20 Jahren Rhetorik- und Motivationstrainer und kennt sich mit der Wahl der richtigen Worte aus.

Ich mache meinem Interviewpartner in Gedanken Vorwürfe. Vorwürfe, dass er mir mehr Raum lassen soll - und dass er aufhören soll, mich anzumachen. Denn so verstehe ich das Verhalten auch: als Annäherungsversuch. Gleichzeitig schäme ich mich, dafür: Wie kann ich ihm unterstellen, er würde mich anmachen? Das ist anmaßend und beleidigend.

Ehlers erklärt mir, dass diese Gefühle der Scham und Machtlosigkeit in meiner Situation nicht sein müssen. „Je emphatischer ein Mensch ist, umso weniger stressstabil ist er. Man kann aber trainieren, mit dem Stress umzugehen.“

In der Wissenschaft existiert ein eigener Begriff für das Verständnis von Nähe eines jeden Individuums: die Proxemik. Sie definiert die Abstände, die wir anderen gegenüber einhalten, um uns wohlzufühlen. Sie ist in verschiedene Spannen eingeteillt. Von Intimdistanz spricht man bei einem Abstand zwischen Null und 45 Zentimetern. In diesen Raum lassen wir nur die engsten Freunde, Familienmitglieder und den eigenen Partner. Die nächste Stufe ist die persönliche Distanz, die bei 45 bis 120 Zentimetern liegt. 

Auf diese Nähe lassen wir gute Freunde und Verwandte an uns heran. Manchmal auch gute Kollegen oder jemanden, der uns auf einer Party sympathisch erscheint. Steht man in einer vollen U-Bahn oder einem Bus, lässt sich nicht vermeiden, dass Fremde in unsere persönliche Zone dringen. Dabei reagieren wir meist abweisend. So wie ich: Wir versuchen der Enge zu entkommen, sind angespannt und fühlen uns unwohl. Bei einem Abstand von 120 bis 360 Zentimetern sprechen Experten von sozialer Distanz. In diesem Raum erleben wir unseren Alltag: Wir unterhalten uns zum Beispiel mit Arbeitskollegen oder mit Kommilitonen in der Uni.

Keine Vorwürfe machen

 

Wie sage ich jemandem auf eine freundliche Art und Weise, dass er oder sie mir zu nahe ist, ohne ihm oder ihr zu nahe zu treten? Ehlers empfiehlt:„Sie sollten keine Du-Postition einnehmen und den anderen beschuldigen. So wie es erst mal jeder im Kopf macht. Die einfachste Methode, die nicht schmerzt, ist das Formulieren einer Ich-Botschaft. Sagen Sie offen heraus: ‚Ich fühle mich unwohl, wenn ich nicht genug Raum habe. Ich habe eine ausgeprägte Wahrnehmung für mein Distanzempfinden.‘“

 

Wenn ich intensiver darüber nachdenke, fallen mir weitere Situationen ein, in denen mir Menschen zu nahegekommen sind. Eine Bekannte hat die Angewohnheit, ihrem Gegenüber beim Sprechen die Hand auf den Arm zu legen. Besonders dann, wenn sie eine Bestätigung hören will. Als ich sie darauf angesprochen habe, sagte sie, dass ihr das gar nicht bewusst gewesen sei. Es war ihr sogar ein bisschen unangenehm. Dieses Verhalten bestätigt mir Ehlers: „Jedem ist es unangenehm, wenn er darauf angesprochen wird, dass er jemandem ein ungutes Gefühl gibt. Umso wichtiger ist es, ihm das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben, wieder zu nehmen.“

 

In meinem Fall, in dem ich später noch das Interview führen und nicht als seltsam gelten möchte, empfiehlt mir Ehlers: „Stellen Sie zum Beispiel eine Motivationsfrage mit einem versteckten Lob, um elegant und ohne Peinlichkeiten aus der Situation zu kommen. Das wird die Hemmungen beim Gesprächspartner abbauen und sein Selbstwertgefühl steigern.“

 

Es ist immer etwas situationsabhängig, wie ich am besten auf den Alarm meines Distanzempfindens reagiere. Besonders wichtig sind daher deutliche Worte. Kommt mir ein Kollege in der Arbeit zu nah, dann könnte ich das professionelle Umfeld erwähnen, in dem ich mich aktuell befinde. „Benutzen Sie keine Metaphern, wählen Sie klare Worte, die keinen Raum für Interpretation lassen. Denn im Regelfall fängt durch Metaphern das Desaster erst an.“

Klarheit und Wahrheit

 

Diese Situationen, in denen Menschen Grenzen nicht wahrnehmen, gibt es sehr oft. Den Onkel, der mir auch mit 23 Jahren immer noch den Kopf tätschelt wie bei einem kleinen Kind. Der Bekannte, der, sobald er betrunken ist, anhänglich wird und mir direkt ins Ohr spricht.

 

Ehlers rät für all diese unangenehmen Situationen: „Suchen Sie das ehrliche Gespräch. Schaffen Sie Klarheit und bleiben sie bei der Wahrheit. Denn nur so kann man Sie verstehen.“

 

Ich nehme mir für die Zukunft vor, den Mut zu haben, in Situationen, die mir unangenehm sind, zu sagen, was mich stört. Bei Bekannten geht das einfacher als bei Fremden. Aber ich habe auch kein Problem, jemanden anzusprechen, wenn er mich in der U-Bahn anrempelt. Ich nehme mir vor, beim nächsten Mal, wenn mein Distanzempfinden überstrapaziert wird, meine Meinung zu sagen. Außerdem sagt Ehlers: „Freunde und Verwandte sollten es wert sein, dass wir ihnen unsere Gefühle mitteilen.“

 

Später sitzen mein Interviewpartner und ich im Café. Zwischen uns steht ein Tisch mit Heißgetränken und einem Diktiergerät darauf. Ich fühle mich wesentlich wohler. Der Tisch zwischen uns garantiert eine Distanz, die meinem Empfinden von sozialer Distanz entspricht. Endlich.

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