Warum wir das Verlieren feiern

Zumindest in TV-Shows.
Von Mercedes Lauenstein
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Illustration: Julia Schubert

Die Menschen lieben Verlierer-Sounds aus Game- oder Quizshows. Egal, ob es sich dabei um die Melodie aus „Geh aufs Ganze“ handelt, aus „Familienduell“  oder „Wetten-Dass“ , egal ob „Wak wak waaaak“  oder „De döööh“: die kurzen, absteigenden Tonfolgen des Unterhaltungsshow-Scheiterns machen wortlos und unmissverständlich klar, dass gerade irgendjemand irgendetwas versaut hat und voll danebenliegt. Man kann sich diese Verlierer-Sounds auf youtube anhören oder auf anderen Websiten als Sounddateien herunterladen, man kann sie in sozialen Netzwerken posten, wenn jemand was Dummes gemacht oder geschrieben hat, man kann sie als verdeutlichendes Stilmittel lautmalerisch in Unterhaltungen einbauen oder in Büchern verewigen. Lena Dunham zum Beispiel schreibt an einer Stelle von „Not that kind of girl“: „Doch als er sich umdrehte, war es nicht Joey. Es war Barry. O-oh, ging es mir durch den Kopf wie der Verlierer-Sound einer japanischen Gameshow. Ooooh, o-oh, o-oh.“

Das Schöne am Verlierer-Sound ist: Ihm haftet etwas Versöhnliches an. Er schafft es, ursprünglich unschöne Dinge oder Momente innerhalb von Sekunden auf eine tragikomische Ebene zu hieven. Er animiert zur Selbstironie. Wird er im richtigen, das heißt natürlich: im falschen, weil unglücklichen Moment, eingesetzt, lachen alle. Man könnte angesichts der heiteren Liebe der Menschen zur Verlierermelodie beinahe den Eindruck bekommen, sie liebten das Scheitern mehr als den Triumph. Beziehungsweise: Als läge im Scheitern eine Art von Triumph, die die Menschen auf dramatische, aber tröstliche Weise miteinander vereint.

Man könnte angesichts der heiteren Liebe der Menschen zur Verlierermelodie beinahe den Eindruck bekommen, sie liebten das Scheitern mehr als den Triumph.

 

Weitergedacht: Geht es in Fernsehshows vielleicht vor allem darum, Menschen verlieren zu sehen? Zuzuschauen, wie Kandidaten bei Jauchs 500-Euro-Fragen danebenliegen? Wie Joko und Klaas sich Aufgaben stellen, bei denen ein Scheitern vorprogrammiert ist? Warum muss Klaas, der Höhenangst hat, sich immer wieder über Klippen hangeln oder in 100 Metern Höhe an Ballons über der Wüste schweben? Warum essen sie Labellos um die Wette, bis einer kotzt? Warum wurde Takeshis Castle, wo Japaner in schlabbrigen Jogginghosen massenweise durch unschaffbare Hindernissparcours stolpen und gegen Holztüren klatschen, zu einer Kultsendung?

Der Medienwissenschaftler Prof. Dr. Gerd Hallenberger erforscht seit Jahren die Quiz- und Unterhaltungsshowkultur. Ruft man ihn an, um mit ihm über den Reiz der Zuschaustellung des Verlierens in Unterhaltungsshows zu sprechen, verweist er zuerst auf die US-amerikanischen Wurzeln des Unterhaltungsfernsehens in den 1940er Jahren. In der ursprünglichen Radiosendung „Truth or consequences“ mussten Kandidaten, die eine falsche Antwort gaben, etwas Erniedrigendes tun. Zum Beispiel mit der Nase eine Erdnuss auf dem Studiofußboden herumschieben. Das Publikum fand die Bestrafungsmomente so viel interessanter als die Triumphmomente, dass man schnell dazu überging, den Kandidaten überwiegend dämliche Scherzfragen zu stellen, die kaum mehr jemand richtig beantworten konnte. „Beim Unterhaltungsfernsehen geht es ja immer um Gefühle“, sagt Hallenberger. „Menschen beim Verlieren zuzusehen, kann deshalb auch ein etwas amüsanteres Vergnügen sein, als ihnen beim Gewinnen zuzusehen, weil es gleich mehrere sehr starke Gefühle auf einmal erzeugt: Schadenfreude, die erhebende Genugtuung des „Ich hätte es gewusst“-Gedankens und das wohltuende Wissen, gerade nicht selbst in der Verliererposition sein zu müssen“.

Die Menschen wollen andere Menschen also tatsächlich verlieren sehen. Klingt im ersten Moment sadistisch und brutal. Im Grunde aber ist es das vielleicht gar nicht. Im Gegenteil, vielleicht ist es ja sogar höchst empathisch: Andere Menschen verlieren zu sehen ist ja immer nur aus dem Gefühl heraus so bewegend und belustigend, weil man selbst ein Mensch ist, der weiß, wie sich das anfühlt, Fehler zu machen. Zu sehen, dass es anderen auch mal passiert, ist sehr tröstlich. Niemand will der einzige Depp auf der Welt sein.

Niemand will der einzige Depp auf der Welt sein.

Überhaupt Empathie: Hallenberger sagt, der Erfolg einer Sendung hänge maßgeblich davon ab, wie sehr sie es schaffe, den Zuschauer emotional zu involvieren. Ob die Kandidaten nun gewinnen oder verlieren, sei nicht immer das Wichtigste. Das Wichtigste sei, dass sie es auf eine interessante Art tun. Denn: „Nichts ist schlimmer als neutrale Kandidaten, zu denen man kein Verhältnis aufbauen kann“. Im amerikanischen „Let’s make a deal“, dem Vorbild von „Geh aufs Ganze“ wurden die Besucher im Vorhinein aufgefordert, sich besonders exzentrisch anzuziehen, erzählt Hallenberger. Die Kandidaten sollten vor allem eines: polarisieren. Je polarisierender ein Kandidat sei, je interessanter er aussehe und sich verhalte, desto interessanter finde man die Sendung und desto dringender wolle man wissen, wie es mit ihm ausgehe. Den Sympathischen gönne man den Erfolg, den Unsympathischen die Niederlage – Hauptsache, man könne mitfiebern. Langweilige Kandidaten seien einem egal, was zur Folge habe, dass man die Lust am Zuschauen verliere und abschalte. Das sei ja auch der Witz an „Wer wird Millionär“, so Hallenberger. Dass es keine Zeitvorgabe gebe zur Beantwortung der Fragen und so erst ein richtig persönliches Gespräch zwischen Spieler und Moderator möglich werde. Und wenn da dann noch so einer sitzt wie Jauch, der die Kunst des Smalltalks auf höchstem Niveau beherrscht und nebenbei auch noch auf eine dem Publikum bekannte Weise sofort durchblicken lässt, welche Kandidaten er persönlich mag und welche nicht, dann überträgt sich das fast unweigerlich auf den Zuschauer.

Völlig egal, ob du gewinnst oder verlierst. Hauptsache, du tust es mit Stil. Beziehungsweise der richtigen Melodie.

 

Was lernen wir nun daraus? Wichtiger als die tatsächliche Wissenskompetenz, Sportlichkeit, oder das Spielerglück der Kandidaten, wichtiger als ihr Triumph oder ihre Niederlage, ist, dass sie eine starke Persönlichkeit haben. Auf das Leben an sich bezogen ist das doch mal eine erhebende Nachricht: Völlig egal, ob du gewinnst oder verlierst. Hauptsache, du tust es mit Stil. Beziehungsweise mit der richtigen Melodie. Denn wenn irgendwo aus dem Off „Wak wak waaaaak“ ertönt, weißt du: du hast eigentlich alles richtig gemacht.

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