Wer nicht wettet, wird zum Spießer

Und deshalb lohnt sich sogar der Verlierer-Sprung in einen eiskalten See.
Von Melanie Wolfmeier
Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Dass Leonardo Di Caprio endlich eine von diesen mordwaffentauglichen Skulpturen namens "Oscar" nach Hause getragen hat, hätte mir eigentlich völlig egal sein können. War es aber nicht, denn: Wegen diesem irrelevanten Hollywood-Preisverleihungs-Quatsch hatte ich eine Wette verloren. Weil ich fand, dass Leos Darbietung in "The Revenant" nicht überzeugend genug war. Obwohl er in dem Film sogar einem Pferd das Innenleben herausschneidet, um in dessen leerer Hülle die Nacht zu verbringen und so einem Kältetod  zu entgehen. Und dafür wurde er ausgezeichnet. Was wiederum für mich bedeutete: ab in den See. Im März. Ohne Neoprenanzug.

Als Kinder haben wir immer gewettet. Wer zuerst an der Ampel ist, wer sich am meisten Salzstangen auf einmal in den Mund stopfen kann. Meist liefen diese Spielchen ab, ohne dass wir einander irgendeinen nennenswerten Gewinn in Aussicht stellten. Als Erwachsene schließen wir hingegen kaum noch Wetten ab. Könnte man sich die Frage stellen: Wieso eigentlich? Denn Wetten machen Spaß. Und sie bringen uns dazu, Grenzen auszutesten und zu überschreiten. Kurz: Sie bewahren uns davor, zu Biedermännern zu mutieren, die nur etwas wagen, wenn sie so gut wie sicher sind zu gewinnen.

Wenn wir heute wetten, dann dreht es sich dabei meist um Sportereignisse; um Fußballergebnisse und so Zeug. Aber da setzen wir auf andere, wir hoffen auf den Erfolg fremder Personen. Und nicht auf unseren eigenen. Genauso war es ja auch, wenn man sich abends "Wetten, dass..." reingezogen oder Joko und Klaas bei ihrem "Wenn ich du wär"-Irrsinn zugeschaut hat. Da machen sich eben andere lächerlich, beweisen ihren Mut und zugleich ihre Unbedachtheit, während man selbst so weich geworden ist wie das Sofa, von dem aus man fernsieht.

In Deutschland gilt: Safety first

Deutschland gilt generell als ein Land, in dem ungern Risiken eingegangen werden. Das liegt daran, dass es uns gut geht – zu gut, um noch groß etwas verändern zu wollen, aus Angst, es könne dem eigenen Wohlstand schaden. Laut einer Umfrage von statista.de gehen von rund 20.000 der befragten Personen 6,1 Prozent überhaupt kein Risiko ein. Nur 1,9 Prozent der Befragten sind bereit, wirklich etwas zu wagen. Sicherheit geht bei uns eben vor. Und je weiter wir auf unserem persönlichen Zeitstrahl des Lebens voranschreiten, desto risikoaverser werden wir. Das hat etwas mit der Entwicklung des Gehirns zu tun. Während der Pubertät baut sich das Gehirn um, was unter anderem dazu führt, dass man riskante Handlungen in dieser Zeit nicht so gut einschätzen kann. Man lechzt sogar noch viel mehr nach gefährlichen Aktionen, weil sie dazu führen, dass mehr Dopamin ausgeschüttet wird, was sich wiederum beruhigend und zugleich stimulierend auf das Belohnungszentrum auswirkt. Sobald man die pickligen Jahre jedoch überstanden hat, beruhigt sich das Ganze wieder und man schraubt seine Sucht, Dummheiten zu begehen, wieder auf ein anständiges – aber auch irgendwie langweiliges – Maß herunter.

Als Erwachsene bleiben wir dank unseres geschliffenen Verstandes meist stocksteif in unserer Wiege der Sicherheit liegen. Wir denken gar nicht mehr daran, sie in Schwingung zu versetzen – wohl aus Sorge, aus ihr herauszufallen. Und natürlich ist es richtig, im Bereich Arbeit, Familie und Zukunft vorzusorgen und das alles nicht leichtsinnig aufs Spiel zu setzen. Aber während wir die Hauptpfeiler unseres Lebens mit Versicherungen und Verträgen lebenskrisensicher einbetonieren, sollten wir uns zumindest kleinen Alltagsherausforderungen stellen. Um dadurch über uns selbst hinauszuwachsen – selbst wenn sich unsere Wachstumsfugen schon längst geschlossen haben

Default Bild

Illustration: Julia Schubert

Ein bisschen spießige Vorsorge ist aber doch ganz gut – um zu überleben

 

Wetten zwingen einen dazu, zu dem zu stehen, von dem man überzeugt ist, dass es zutreffen wird. Dass es richtig ist. So auch die Leonardo-di-Caprio-Wette: Sie hat von mir verlangt, meine hingerotzte Meinung mit Ernsthaftigkeit aufzuladen – und sei es nur in Form dieser blödsinnigen Aktion, mitten im Winter in eiskaltes Wasser zu tauchen. Wetten zeigen einem aber auch, dass trotz all des Glaubens an sich selbst die Möglichkeit besteht, falsch zu liegen. Aber dadurch beinhalten sie ja nur die Chance, eines Besseren belehrt und vom Gegenteil überzeugt zu werden. Und wenn man dann verliert, muss man sich darin üben, ein guter Verlierer zu sein. Indem man seinen Irrtum einsieht, ins kalte Wasser hüpft und sich davon nicht abschrecken, sondern abhärten lässt. Um die Weichheit des Sofas abzulegen. Und auch das nächste Mal wieder ein Risiko einzugehen – weil man ja schon den ein oder anderen Rückschlag überstanden hat.

 

Ein bisschen Spießigkeit habe ich mir dann vor dem Einlösen der Wette aber trotzdem erlaubt. Schließlich sollte sich mein Gehirn nicht umsonst die Mühe der Umstrukturierung gemacht haben, weshalb ich mir ganz vernünftig und auch ein bisschen ängstlich Regeln für das Eisschwimmen durchgelesen habe. Da stand jedoch hauptsächlich: Bloß nicht Kopf und Hände unter Wasser tauchen! Und sofort raus aus dem Wasser, wenn man das Gefühl hat, es würde plötzlich warm werden. Weil man dann nämlich kurz vorm Erfrieren ist.

Daran hab ich mich dann gehalten. Ich habe ganz vorbildlich, vernünftig und erwachsenenmäßig die Wette umgesetzt. Habe warme Klamotten, ein Handtuch und Tee mitgenommen. Und zwei Freundinnen, die mir Mut gemacht haben und die Aktion dokumentieren sollten. Ich habe ihre Anweisungen befolgt ("Lieber langsam rein!" - "Ok, aber nicht so langsam!" - "Und tauch' ja nicht unter!"). Und obwohl meine Zehen bei der ersten Berührung mit dem See beinahe abgefallen wären, bin ich hinein. Ein Schwimmzug. Dann die Überwindung des Schocks. Realisierung der Kälte. Und Gekreische. Nach ein paar Sekunden war's auch schon wieder vorbei und ich stand zitternd, aber auch ein bisschen stolz am Ufer.

 

Die Wette ist also abgeschlossen. Keine Lungenentzündung, kein Herzinfarkt. Nur die Geschichte bleibt, der Nachhall der Spannung und des Lachens – von den Augenzeugen und mir selbst. Nach Wiedererlangen normaler Körpertemperatur bin ich um zwei Erkenntnisse reicher geworden: dass es wohl einer der schönsten Momente im Leben ist, wenn man plötzlich wieder seine Zehen spüren und bewegen kann. Und dass im eiskalten Wasser zu schwimmen immer noch besser ist als in einem toten Pferd zu schlafen. Und obwohl das bestimmt auch spannend und – nun gut, lustig weniger, aber auf jeden Fall nicht langweilig, wäre: Darauf wetten würde ich nicht.

  • teilen
  • schließen