Vor seinem Unfall war Dave ein Rassist

Dann pflegten ihn schwarze Ärzte. Ein Reset im Kopf.
Von Eva Hoffmann

Illustration: Julia Schubert

Da ist diese seltsame Nähe. Sofort. Ein Gespräch mit Dave fühlt sich an wie eine Mischung aus Therapiesitzung und Philosophievorlesung. Er hört aufmerksam zu, stellt sehr persönliche Fragen und ab und zu lässt er Sätze fallen, die so druckreif klingen, als hätte er sie schon vorher perfekt ausformuliert. Dave wirkt wie der Typ Mensch, dem man seine Sorgen anvertrauen möchte, mit dem man gleich auf Du ist. Nur mit sehr viel Fantasie kann man ihm glauben, wenn er sagt, dass er mal ein Arschloch war. Ein richtiges Arschloch.

Da ist also auch diese seltsame Distanz. Etwas später. „Der Dave von früher war ein anderer Mensch.“ Er spricht von diesem Typen, wie von einem entfernten Verwandten. Ein Junge, der in einer alteingesessenen Familie von ehemaligen weißen Kolonialherren in Simbabwe aufwächst. Noch vor 150 Jahren zwangen seine Großeltern dort, wo Dave in seiner Kindheit Fußball spielte, andere Menschen zur Sklaverei. 

Illustration: Julia Schubert

Zwar ist die Kolonialzeit seit 1980 vorbei, am  Lebensstil der Familie hat sich bis zu Daves Generation trotzdem wenig verändert. Zwar gehört sie zur weißen Minderheit in Simbabwe, trotzdem besitzt diese Minderheit in den Neunzigern noch 95 Prozent aller Farmen. Als Kind ist Dave es gewohnt, dass Schwarze im Garten seiner Eltern arbeiten, ihn in die Stadt chauffieren und das Haus putzen. Er besucht die beste Schule des Landes, eine Schule nur für weiße Kinder. „Die Verhältnisse wirkten wie naturgegeben, es kam mir gar nicht in den Sinn, mal drüber nachzudenken, woher der Reichtum meiner Familie kommt. Ich habe den Rassismus praktisch mit der Muttermilch eingesaugt.“, erzählt er.  

„Mir gehört die Welt“ denkt er als Jugendlicher. Und so verhält er sich auch. Er beginnt, Alkohol zu trinken und mit seinen Kumpels durch die Bars der Hauptstadt Harare zu ziehen. Rausch. Großmannssucht. Herrenmenschengehabe. In den Bars behandeln sie die schwarzen Kellner wie ihre Leibeigenen: „Wir wussten genau, dass man das „N-Wort“ nicht mehr sagen darf, aber es war uns egal. Wir wollten Arschlöcher sein und wir haben unsere Privilegien schamlos ausgenutzt.“  

Seine ersten Freundinnen mögen diesen Typen, der in Bars rumschreit, sich über Einwanderer und Sozialhilfeempfänger erhebt und grundlos Menschen beleidigt. Und Dave gefällt dieser Typ auch ziemlich gut. Er hat Erfolg bei den Frauen, immer genug Kumpels zum Feiern und muss sich um nichts im Leben selber kümmern. Er fühlt sich unbesiegbar. Bis zu diesem einen Tag im September, nach dem nichts mehr so sein wird wie früher.

„Wir wollten Arschlöcher sein und wir haben unsere Privilegien schamlos ausgenutzt.“

Dieser eine Tag, nach dem er sein eigenes Spiegelbild nicht mehr ertragen wird. Fünfzehn Jahre ist dieser Tag jetzt her. Ein Sommernachmittag. Ausflug mit Freunden an den See. Dave springt von einer Klippe, das Wasser ist nicht tief genug. Dave bricht sich das Genick. Er verliert achtzig Prozent seiner Körperfunktionen. „Am Anfang glaubte niemand, dass ich bei vollem Bewusstsein bin“, erzählt er. „Im Behandlungsraum sprachen sie über mich, als sei ich nicht da. Ich habe mir fast die Zunge abgebissen, um auf mich aufmerksam zu machen, und habe dann mit den Augen kommuniziert.“ 

Monatelang kann er nicht eigenständig atmen und wird künstlich ernährt. Seine Familie ist überfordert mit der Situation und zieht sich zurück. Seine Feier-Kumpels lassen gute Besserung ausrichten, sind aber zu beschäftigt, um vorbeizukommen. Im ersten halben Jahr nach dem Unfall sind Daves einzige Bezugspersonen die Ärzte und Krankenschwestern. Schwarze Ärzte und schwarze Krankenschwestern.  

Illustration: Julia Schubert

Plötzlich liegt sein Überleben in den Händen derer, mit denen er früher nicht mal an einem Tisch gesessen hätte. Er muss ihnen zuhören, ihre Ratschläge annehmen, ihre Verordnungen akzeptieren. In den endlosen Wartestunden zwischen Essen, Toilettengängen und Physiotherapie ist Dave mit seinen Gedanken allein. „Es hat sich angefühlt wie ein riesiges Erdbeben: Am Ende kannst du nicht mehr sagen, welcher Teil deines Lebens an welcher Stelle saß“, erinnert er sich. „Mir dämmerte, dass meine sogenannten Freunde genauso ätzende Typen waren, wie ich es bis dahin auch gewesen bin. Der alte Dave ekelte mich an. Ich war äußerlich gelähmt, aber auch innerlich. Ich schämte mich vor mir selbst.“

„Mit 22 hatte ich achtzig Prozent meiner Körperfunktion verloren. Aber ich war auch innerlich gelähmt. Der Typ, der ich mein ganzes Leben lang war, ekelte mich an.“

Da ist also dann dieser Bruch: Als er nach einem guten Jahr und intensiver Physiotherapie das Krankenhaus im Rollstuhl verlässt, kann er wieder sprechen und Teile seiner linken Körperhälfte benutzen. Aber etwas hat sich verändert. Im Krankenhaus spielte Hautfarbe keine Rolle. Die Ärzte behandelten alle Patienten gleich. Zurück in seiner weißen Welt sieht das anders aus: „Zu manchen schwarzen Pflegern hatte ich sogar ein freundschaftliche Beziehung. Ich war dabei, mein Schwarz-Weiß-Denken zu überwinden und das wollte ich mit nach Hause nehmen. Aber meine Familie hatte sich nicht verändert. Zu Hause fühlte sich an, wie eine andere Welt.“  

Seine Kumpels gehen immer noch in die gleichen Bars und beleidigen die gleichen Kellner. Dave geht mit, aber passt nicht mehr dazu. Seine Freunde interessieren sich nicht für sein Gefühlsleben. Daves seelischer Ballast stört beim Feiern. „Ich ging mit, weil ich nicht allein sein wollte. Innerlich zog ich mich zurück. Meine Gedanken behielt ich für mich und betrank mich jeden Abend.“ Die Zerrissenheit und der Alkohol treiben Dave in eine tiefe Depression. Im Rausch wird er mal sentimental, mal rastet er grundlos aus und schmeißt mit Gläsern um sich.     

 

Daves Onkel macht die Schwarzen für den Bankrott der Familienfarm verantwortlich. Seine Mutter kauft sich eine Schrotflinte. „Um das Haus zu schützen“.

 

Seine Familie ist mit der Situation überfordert und schiebt Daves Gefühlsschwankungen auf seinen Unfall. „Keiner hat sich dafür interessiert, warum es mir so schlecht geht. Ich wurde als verbitterter Besserwisser abgestempelt. Rassismus war ein Tabu-Thema, besonders zu dieser Zeit.“

 

Zu dieser Zeit wird auch in der Regierung Simbabwes das Thema Kolonialismus neu aufgearbeitet. Präsident Mugabe zwingt tausende weiße Farmer, ihre Grundstücke ohne Entschädigung abzugeben und verteilt sie an schwarze Kleinbauern. Daves Onkel macht die Schwarzen für den Bankrott der Familienfarm verantwortlich. Seine Mutter kauft sich eine Schrotflinte. „Um das Haus zu schützen“. Das Chaos der Landreform gibt dem Rassismus neuen Auftrieb. Auf beiden Seiten. Weiße verwüsten ihre Grundstücke bevor sie sie abgeben, töten ihr Vieh. Auf der anderen Seite häufen sich Überfälle durch Schwarze.  

Dave teilt den Hass seiner Familie nicht mehr: „Ich gehörte zwar zu denen, gegen die sich die neue Wut richtete, aber mir war auch klar, woher dieser Hass auf Weiße kommt. Ich hasste ja selber die Person, die ich damals gewesen war. Und ich hasste meine Familie, dass sie das nicht begriff. Es gab nichts, worauf wir stolz sein könnten.“ Würde er nicht im Rollstuhl sitzen, hätte seine Familie ihn mit dieser Einstellung vor die Tür gesetzt. Dafür strafen sie ihn jetzt mit Nichtachtung. Sie sprechen nur noch das Nötigste mit ihm. Dave verbringt die meiste Zeit allein vor dem Computer. Im Internet stößt er auf die Bewegung für Demokratische Veränderung (MDC). Er tritt der Oppositionspartei bei, die sich für die Gleichberechtigung von Schwarzen und Weißen und eine erweiterte Landreform einsetzt.

 

Seine Familie wirkt erleichtert, als er beschließt, nach England zu ziehen.

 

Trotzdem findet er keine neuen Freunde, und von den alten kommt er nicht los. An einem dieser typischen Barabende gerät die Situation außer Kontrolle. Dave diskutiert mit einer Freundin über die politische Lage, als die Anderen anfangen, ihn als „Krüppel“ zu beschimpfen und sich über seine Behinderung lustig zu machen. Er will die Bar verlassen, aber kein Taxi hält für einen Rollstuhlfahrer an. An diesem Abend begreift Dave, dass sich etwas verändert hat. Dass diese Menschen hier nicht mehr seine Freunde sind. Und dass er es in diesem Land mit einer Behinderung sehr schwer haben wird.

 

Seine Familie wirkt erleichtert, als er beschließt, nach England zu ziehen. Sie organisieren ihm sogar ein Zimmer. In einem heruntergekommenen Wohnheim zwei Stunden von der nächstgrößeren Stadt entfernt. Im dritten Stock ohne Aufzug, Toilette im Zimmer. Ein Pfleger, der nie zuvor mit einem Rollstuhlfahrer gearbeitet hat. Auch hier sind alle Angestellten schwarz. Und es interessiert niemanden, wie Dave sich dazu verhält. „In Simbabwe habe ich mich ständig positioniert, diskutiert und gestritten. In England ging es plötzlich darum, Toleranz praktisch zu leben. Und darin hatte ich mit Mitte zwanzig überhaupt keine Erfahrung.“ In diesem Land ist es normal, dass Menschen aller Hautfarben auf der Straße Händchen halten. Trotzdem ertappt sich Dave immer wieder dabei, wie er ihnen hinterherstarrt. „Meine eigenen Vorurteile holten mich immer wieder ein. Der Rassismus sitzt tief und lässt sich nicht von einem Tag auf den anderen abstellen.“   

Illustration: Julia Schubert

Eine Erkenntnis, die ihm zu schaffen macht: „Nachdem mein ganzes Weltbild auf den Kopf gestellt wurde, glaubte ich niemandem mehr.“ Ablenkung findet Dave im Internet: „Ich tat so, als wäre mein Körper Schuld an meinem depressiven Zustand. So musste ich mich nicht mit dem Problem Rassismus auseinandersetzen, sondern steigerte mich in die Hoffnung hinein, bald wieder gehen zu können.“ Dave recherchiert Tag und Nacht nach Heilmethoden. Im Internet stößt er auf Berichte über eine neue französische Lasertherapie für Querschnittsgelähmte. Im Schaffensrausch stellt Dave eine Fundraisingkampagne auf die Beine, schreibt Artikel und tritt in Radioshows auf, bis er die 14.000 Dollar für sechs Monate Therapie zusammen hat. Nach den ersten vier Monaten ist das Geld ausgegeben. Daves Zustand hat sich kein bisschen verbessert. Er ist auf einen Trick reingefallen.

 

Darauf ist Dave nicht vorbereitet: „Ich war mir so sicher, dass ich nach diesen sechs Monaten aufstehen und aus der Klinik laufen kann, ohne den Rollstuhl.“ Jetzt ist er pleite, hat als Tourist keinen Anspruch auf Sozialleistungen in England, und in Simbabwe gibt es sowas nicht. Zu seiner Familie hat er kaum noch Kontakt. Zum geistigen kommt jetzt auch noch der materielle Neuanfang.

 

Mittlerweile haben die rassistischen Unruhen in Simbabwe so sehr zugenommen, dass Dave als Weißer nicht mehr einreisen kann. In England läuft sein Visum bald aus. Um den vollen Anspruch auf Sozialleistungen zu bekommen, muss Dave die britische Staatsbürgerschaft beantragen. Dafür muss er seine simbabwische Staatbürgerschaft abgeben und zunächst Asyl einklagen. Er ist jetzt ein Einwanderer, ein Flüchtling, ein Migrant. Einer von denen, die er früher so gehasst hat. „Wenn ich daran denke, wie abfällig ich früher über Einwanderer gesprochen hab, wird mir ganz schlecht.  Ich habe am eigenen Leib erfahren, wie es sich anfühlt, heimatlos gemacht zu werden.“ 

 

Es ist der fünfzehnte Jahrestag seines Unfalls, als Dave die britische Staatsbürgerschaft erhält.

Der Prozess dauert drei Jahre. Drei Jahre, in denen Daves Leben so prekär wie noch nie zuvor verläuft. Drei Jahre, in denen er nicht arbeiten darf und wieder in einem Wohnheim festsitzt. Diesmal ein Auffanghaus für Obdachlose und Drogensüchtige. Der Staat zahlt ihm sechs Euro am Tag für Essen und Kleidung. Alle paar Monate muss er vor Gericht seine Geschichte erzählen: „Diese Gerichtsverhandlungen haben sich angefühlt, als wäre ich ein Stück Fleisch, mit dem zwei Parteien Tennis spielen. Ich musste sehr persönliche Dinge erzählen, um mir dann vorwerfen zu lassen, dass ich lüge und gar nicht so beeinträchtigt sei. Ich musste meine körperliche Unterlegenheit in aller Öffentlichkeit präsentieren.“

 

Es ist der fünfzehnte Jahrestag seines Unfalls, als Dave die britische Staatsbürgerschaft erhält. Das bedeutet, dass er jetzt Sozialhilfe bekommt. Es bedeutet auch, dass er kein Simbabwer mehr ist und sein Heimatland unter den aktuellen Umständen nie wieder betreten kann. Dave ist trotzdem optimistisch: „Man kann das, was mir passiert ist, nicht schönreden. Die Behinderung hat mich zum Umdenken gezwungen – und wer weiß, was für ein Mensch ich ohne sie geblieben wäre. Aber wenn mich dieser ganze Horror etwas gelehrt hat, dann, dass eins und eins nicht immer zwei ergibt.“

 

Im Neuanfangen ist Dave mittlerweile Profi. Er studiert heute internationale Entwicklung und will noch in diesem Jahr mit dem Rauchen aufhören. „Solche Neuanfänge sind Kleinigkeiten im Vergleich zu meinen Erfahrungen. Wenn du erst mal merkst, dass es möglich ist, ein 20 Jahre altes Weltbild zu überdenken, dann fallen dir andere Resets auch leichter.“ 

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