"Haltet endlich das Maul, Bonnie und Clyde!"

Unsere Kolumnistin schreibt über ihre Erfahrungen mit der Bewährungshilfe.
Von Stefanie Sargnagel
Illustration: Katharina Bitzl

Neustart ist der Name einer Wiener Institution, die Haftentlassenen und Vorgestraften mit verschiedenen Projekten wieder auf die Beine hilft. Ich lernte diese Institution kennen, als ich mit meinem damaligen Freund eines Nachts frischverliebt und angetrunken durch die nächtlichen Wiener Straßen zog. Wir waren Anfang zwanzig, überdreht und fröhlich. Und deshalb beschlossen wir, eine Forschungsexpedition auf eine Baustelle zu wagen, die plötzlich vor uns war und interessant wirkte.

Nach einer kurzen Recherche verstanden wir, dass wir auf dem Grundstück eines riesigen Möbelhauses gelandet waren, das gerade umgebaut werden sollte. Ein Eingang stand offen. Neugierig schauten wir hinein, ich packte meine Liebe an der Hand und gemeinsam schlichen wir wie in einem Kindheitstraum durch die dunklen Stockwerke voll mit Einrichtungsaccessoires und riesigen, weichen Betten, auf denen wir ausgelassen Petting machten.

"Als die Polizei kam, mussten wir die bunten Bademäntel ausziehen und den Teddy liegenlassen. Stattdessen gab es Handschellen. Scheiße."

Wir schnappten uns Bademäntel von einem Ständer und einen überdimensionalen Stoffteddybären und wagten uns weiter in die Kinderabteilung – zu den Stockbetten mit Rutsche, die uns unsere Eltern früher nie kaufen wollten. Nach einer Rutschpartie sahen wir in der Ferne gegenüber das Licht einer Taschenlampe. Offenbar ein Wachmann. Schnell packten wir uns wieder zusammen, nahmen noch ein paar Polster mit und liefen wieder zurück auf die Straße. Wir wollten uns ein kleines Nest bauen, aber ein paar Polizeiwagen unterbrachen uns dabei. Wir liefen irritiert davon und versteckten uns hinter einer Mülltonne, die – als von der anderen Seite ein zweiter Polizeiwagen ankam – deutlich weniger schützte, als wir das angenommen hatten. Also mussten wir die bunten Bademäntel ausziehen und den Teddy liegenlassen. Stattdessen gab es Handschellen. Scheiße. 

Meine Freund und ich wurden zum Polizeirevier gefahren und in nebeneinanderliegende Zellen gesperrt. Er wurde gefilzt und ich nicht. Er rief: „Ich bin ganz nackig, du auch?“ Wir versuchten die Hände durch die Gitterstäbe zu strecken, um einander zu berühren, flüsterten uns zärtliche Worte zu, bis die Polizei „Haltet endlich das Maul, Bonnie und Clyde!“ schrie. Mein Freund, ein Franzose übrigens, begann darauf, Serge Gainsbourgs „Bonnie And Clyde“ zu singen, bis wir verlegt wurden, um die Nacht im Gefängnis zu verbringen.

 

"Wenn alle zwei Wochen eine Vernissage war, durfte ich den Rotwein ausschenken und alle meine Freunde einladen, die alle kein Geld hatten und daher eifrig kostenlos tranken."

 

Am nächsten Morgen wurden wir verhört. Wir gaben uns ahnungslos und da wir beide unbescholten und weiß waren, wurde unsere Anzeige wegen Einbruchs und Diebstahls an das Institut Neustart weitergeleitet. Bei Neustart erwarteten uns Sozialarbeiter, die uns Sozialstunden zuteilten. Mein Freund musste in einer Suppenküche der Caritas aushelfen. Ich bekam als Strafarbeit die Aufgabe, in einem Atelier für psychisch kranke Menschen auszuhelfen. Also musste ich einen Monat lang ein paar Stunden am Tag dorthin, und da es nicht wirklich eine Arbeit für mich gab, Kaffee trinken und auf der Couch sitzend mit den sympathischen Malern über Depressionen, Wahnvorstellungen und Kunst plaudern.

 

Auch Zeit zum Zeichnen fand ich. Wenn alle zwei Wochen eine Vernissage war, durfte ich den Rotwein ausschenken und alle meine Freunde einladen, die alle kein Geld hatten und daher eifrig kostenlos tranken. Ich hatte die Schule abgebrochen und war gerade arbeitslos und nachdem ich alle Stunden abgesessen hatte, besaß ich neben vielen netten neuen Bekanntschaften auch eine Plastiktüte voll Zeichnungen, mit denen ich mich in den darauffolgenden Tagen an der Akademie der Künste bewarb. Ich wurde angenommen und jetzt bin ich Künstlerin. Danke, Neustart!

 

 

Stefanie Sargnagel, 30, studierte Malerei bei Daniel Richter an der Akademie der bildenden Künste. Sie lebt als "Autorin, Cartoonistin und itgirl" (sie über sich) in Wien. Hier schreibt sie auf, was immer ihr zu unseren Hauptsachen einfällt. Zuletzt ist ihr Buch "Fitness" in der redelsteiner dahimène edition erschienen.

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