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Illustration: Daniela Rudolf

Es gibt sehr wenige Menschen, mit denen ich noch regelmäßig telefoniere. Es gibt einfach keinen Grund mehr. Wenn ich etwas mitzuteilen habe, schreibe ich das meist schnell per Messenger. Sogar meine Mutter ist mittlerweile auf Whatsapp und verbraucht dort alle vorhandenen Emojis. Die einzigen Menschen, die ich regelmäßig anrufe, sind meine Großeltern. Und eigentlich ist das schade, weil dadurch auch eine andere, ganz wunderbare Institution langsam aus meinem Leben verschwindet: der Anrufbeantworter.

Die Ansage auf dem meiner Großeltern klingt ungefähr so: „Sie sind verbunden mit dem Anrufbeantworter von...“ und danach sagt mein Großvater in einem sehr ernsthaften und preußischen Tonfall, dass man derzeit zwar nicht erreichbar sei, aber „wenn Sie uns etwas mitzuteilen haben, sprechen Sie bitte nach dem Ton! Dankeschön.“ Menschen, die meinen Großvater nicht gut kennen, werden sich spätestens in diesem Moment panisch fragen, ob sie denn WIRKLICH etwas mitzuteilen haben, oder ob die Fragen nach dem Wetter, der Athrose und der Gesundheit des Dackels es vielleicht nicht wert sind, die kostbare Zeit des Anrufbeantworters und seines Besitzers zu verschwenden. Ich könnte mir vorstellen, dass bereits viele Menschen beim Hören dieser Ansage panisch aufgelegt haben.

Tatsächlich ist das Band mit der Ansage aber nicht zu Ende. Nach dem „Dankeschön“ von meinem Opa hört man es nämlich erst rascheln. Dann klopft es und schließlich gibt es ein „Knack“, aber der Hörer wurde nicht richtig aufgelegt. Also folgt, vermutlich nur eine Zehntelsekunde, aber in meiner Empfindung eine Ewigkeit später, ein weiterer Versuch, den Hörer richtig aufzulegen. Nochmals Knacken. Schließlich das erlösende „Pieeeeeep“. Bis dahin hat nicht nur der Hörer „knack“ gemacht, sondern auch mein Herz. Es zerspringt in Tausend Teile.

Weil dieser Moment zwischen Ende der Bandansage und Piep zeigt, wie vergänglich alles ist. Nur einen Wimpernschlag im Lauf der Zeit entfernt war es die Generation meines Großvaters, die die alles beherrschte und verstand. Ich sehe es förmlich an mir vorbeirauschen: Opa, der in den 70ern stolz zuhause sitzt mit eigenem Telefon mit Wählscheibe. Der in den 80ern endlich auch einen Farbfernseher kauft und in den 90er Jahren ein Faxgerät, mit dem er fleißig interessante Zeitungsartikel an uns faxt. Sich in den 00er Jahren daran zu gewöhnen, dass die Telefonkosten nicht mehr in Einheiten abgerechnet werden und man somit auch an einem Sonntagabend günstig telefonieren kann, dauerte bei ihm dann schon ein bisschen länger. Als dann ab 2017 ein Gespräch innerhalb der EU nicht mehr kostete als ein Anruf nach Wiesbaden, kam er schon nicht mehr so richtig mit. „Ist das für dich nicht teuer?“ war ein Satz, der eigentlich bei jedem Anruf von meinem Handy auf Opas Festnetz fiel. Beim Thema Internet, Computer und Videotelefonie hat er dann nur noch den Kopf geschüttelt.

Aber er hatte eben noch den Anrufbeantworter. Als Beweis, dass er trotz allen technischen Fortschritts noch nicht aus der Welt ist. Dass es ihm vielleicht doch ein bisschen Mühe gemacht hat, die Bandansage korrekt aufzunehmen, er es am Ende aber geschafft hat und dabei trotz seines hohen Alters weiterhin sehr resolut klingt. Und er zurückrufen wird, wenn man denn nur nach dem Piep endlich draufspricht.

Natürlich bricht mir die Bandansage meiner Großeltern auch das Herz, weil sie mich auch mit meiner eigenen Vergänglichkeit konfrontiert. Meinen Kindern und Enkeln wird es vermutlich eines Tages auch einen Stich versetzen, wenn ich mit der Technik nicht mehr mitkomme und in meinen Bemühungen, doch auf dem Laufenden zu bleiben, hoffnungslos veraltet wirke. Besonders schlimm ist der Moment zwischen Ansage und Piep für mich aber aktuell, weil mein Opa seit Kurzem nicht mehr zurückrufen wird. Er ist verstorben. Wenn ich ihn hören möchte, kann ich nur noch seinen Anrufbeantworter anrufen.

Was uns sonst noch das Herz bricht: