Was mir das Herz bricht: Anzugträger auf Cityrollern

Sie sehen aus wie Wackelpudding mit Krawatte.
Von Eva Hoffmann
herzenbrecher city roller cover
Illustration: Daniela Rudolf

Von der U-Bahn bis zum Büro sind es vielleicht 500 Meter. Klar, da würde man sich manchmal am liebsten einfach vor den Schreibtisch beamen, um möglichst schnell anzukommen. Gehetztes Laufen sieht nicht gut aus, ist aber effizient. Seit einigen Jahren beobachte ich aber immer wieder Menschen, die Effizienz gegen einen noch gnadenloseren Stilverlust eintauschen: Erwachsene auf Cityrollern. Und damit meine ich nicht diejenigen, die auch noch Schweißbänder und Walkman tragen, sondern Männer in Anzügen und Frauen in Kostüm. Sie zu beobachten, versetzt meinem Herz einen Stich.

Ungeschickt treten sie mit einem Bein nach dem Boden, um Geschwindigkeit aufzunehmen, knacken aber kaum die 5 km/h-Grenze. Dabei wird ihr ganzer Körper inklusive teurer Aktentasche von kürzeren Partien Kopfsteinpflaster erschüttert und sieht von weitem aus wie ein Wackelpudding mit Krawatte. Im Eifer des Gefechts verkeilt sich der Roller in einem U-Bahn-Gitter, der Anzugträger muss absteigen und mit Gewalt die Mini-Räder wieder befreien, bevor er weiterfahren kann. Am Ende kommt der Roller-Mensch gleichzeitig mit mir am Gebäude an, war also nicht mal signifikant schneller als eine durchschnittliche Fußgängerin.  

Sie sehen aus wie zu große Kinder, die eigentlich aus ihrem Spielzeug rausgewachsen sind

Es macht mich traurig, diese zwanghaft effizienten Menschen beim Kampf mit ihrem Gefährt zu beobachten. Sie sehen dabei aus wie zu große Kinder, die eigentlich aus ihrem Spielzeug rausgewachsen sind, es aber immer noch benutzen wollen. Wenn die Hinterradbremse kläglich quietscht und sie mit dem anderen Bein noch nachbremsen müssen, weil sich ein Steinchen zwischen Bremse und Rad festgesetzt hat, frage ich mich, was erwachsene Menschen mit festem Einkommen zu so einem prekären Fortbewegungsmittel bewegt.

Vielleicht glauben sie, dass der Stilbruch noch in die Kategorie „business casual“ fällt. Wie Sneaker mit Anzug oder alberne Socken mit teuren Lederschuhen. Vielleicht ist es der Geist dieser verspielten Grenzüberschreitung, die Firmenchefs Tischtennisplatten in Gemeinschaftsräume stellen lässt – eine zwanghafte Verbindung von Spaß und Arbeit. Nach Spaß sieht das Gestrampel allerdings nicht aus. Und auch die Ausrede, mit dem Kinder-Tool ein bisschen sportlicher unterwegs zu sein, fällt flach, wenn man sich vorstellt, was dieses einseitige Getrete auf Dauer mit dem unteren Rücken macht. 

Trotzdem hat sich der Trend durchgesetzt. Vor allem in Großstädten. Vielleicht waren es da die Segways und Hoverboards, die den endgültigen Dammbruch verursacht haben. Die Touri-Horden mit ihren Helmen und dem Guide vorneweg sind so peinlich, dass sich bei mir emotional schon gar nichts mehr rührt. Diese Leute wissen, dass sie albern aussehen und lassen sich mit Freude auf diese Erniedrigung ein. Beim Cityroller ist das anders. Die Besitzer bewegen sich weder in Gruppen, in denen alle gleich bescheuert aussehen, noch ist das Gefährt Teil einer ironischen Selbstinszenierung (dazu sehen die Anzugträger ansonsten zu humorlos aus). Das Traurige ist: Sie meinen das ernst.

Ich hatte auch mal einen Cityroller. Er war rot und ich zehn Jahre alt

Ich gebe zu, ich kann diese Ernsthaftigkeit in gewisser Weise nachvollziehen. Ich hatte auch mal einen Cityroller. Er war rot und ich zehn Jahre alt. Damals überlegte ich sehr lange, ob beleuchtete Räder wichtiger sind als Glitzer auf den „Felgen“ und welche Farbe meinen zehnjährigen Charakter wohl am besten auf dem Schulhof unterstreicht. Es war eine genauso essentielle Stilentscheidung wie das Tragen von Tattoo-Halsketten und fusseligen Stoff-Haargummis. Niemals hätte ich meinen stilvollen Cityroller zum reinen Effizienz-Mittel degradiert. Schon mit zehn Jahren wusste ich, dass ein Fahrrad sehr viel schneller fährt und dass jede Strecke, die man mit dem Cityroller hinlegt, auch mit den eigenen Füßen zu bewerkstelligen ist.

Vielleicht ist es die Erinnerung an dieses zehn Jahre alte Ich, das auch mit Cityroller nicht cool genug für die Schulhofgang war, die mir das Herz bricht. Der unbeholfene Versuch, durch ein vermeintlich freakiges Accessoire jung und dynamisch rüberzukommen, spiegelt das gleiche Bedürfnis nach Anerkennung wider – nur 20 bis 30 Jahre später. Vielleicht habe ich damals auf dem Schulhof auch anderen Menschen mit meinen bunt zusammengestellten Gadgets das Herz gebrochen. Nur war es damals eben altersgemäß, noch nicht so ganz zu wissen, wo man hingehört.

Ja, vielleicht ist der Roller für Teilstrecken praktisch. Aber auf den Teilen der Strecke, die nicht rollernd sondern sitzend, stehend oder wie auch immer in der U-Bahn verbracht werden, wird der Cityroller dadurch nicht cooler. Im Gegenteil. Zusammengeklappt ist er so sperrig und nervig wie ein zu großer Regenschirm bei Sonnenschein. Im U-Bahnhof verursachen die Fahrer einen Stau, wenn sie sich umständlich bücken, am Roller rumfummeln, dann den Griff rausklappen und elegant den glatten Boden am Bahnsteig nutzen wollen, dabei aber immer wieder andere Fahrgäste anrempeln.

Ich sehe die amüsierten bis genervten Blicke meiner Mitmenschen und verspüre unmittelbar Mitleid mit den Rollerbesitzern. Denn diese Menschen sind so auf Effizienz bedacht, dass sie jeglichen sozialen Sinn verlieren. Wo die Cityroller mit „ist doch voll praktisch“ argumentieren, sehe ich einen erwachsenen Menschen, der sein Geld in alberne Unsinnigkeiten investiert, getrieben von einem Lebensrhythmus, für den selbst normales Laufen zu langsam ist. Und das macht mich wirklich sehr traurig.   

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