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Illustration: Federico Delfrati

Wenn die S-Bahn ausfällt, der Schnee in den Socken schmilzt, Menschen sich zwanzig Minuten für eine vertrocknete Rostbratwust mit Senf anstellen und dabei den Billig-Glühwein für fünf Euro trinken, obwohl sie noch zwei volle Flaschen vom Vorjahr im Vorratsschrank stehen haben, dann weiß man – es weihnachtet wieder. Und mit der Weihnachtszeit kommt die Zeit des Konsumierens. Weihnachtsmärkte werden an allen möglichen Ecken und Winkeln aufgebaut und die Menschen wollen, nebst saufen, noch das eine kleine Geschenk für die Mama, den Partner, den Schwippschwager oder auch für das Weihnachtsfeier-Schrottwichteln finden. Doch auf jedem Weihnachtsmarkt, jedem Flohmarkt, jedem Streetfoodmarkt gibt es neben den großen, bekannten, schillernden, leuchtenden Buden, meist noch eine kleine Butze, die irgendwo daneben steht. Diese eine kleine Hütte, zwischen Massenware und Billig-Glühwein.

Sie ist weniger pompös als ihre großen Brüder, schafft es nicht, mit Schneedeko und den künstlichen Tannenzweigen des Nachbarstands mitzuhalten und Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Bleibt man kurz stehen, um zwischen dem Gedränge und Gewimmel einen Blick auf den Stand zu erhaschen, findet man ein kleines selbstgeschnitztes Holzbrettchen, auf dem in ungleichmäßigen Buchstaben „Herberts selbstgeschnitzte Holzfiguren“ zu lesen ist. Dahinter steht vermutlich Herbert höchstpersönlich. Ein Mann Ende 60, mit einer Wollmütze tief ins Gesicht gezogen, die Hände in den Taschen vergrabend, versucht er sich durch hin und her schunkeln warm zu halten. Dabei blickt er apathisch auf seine Holzkunststücke vor sich. Jedes Mal wenn jemand vorbeiläuft und auch nur einen winzigen Blick auf den Stand wirft, flackert kurz Freude auf in seinem Gesicht. Nach ein paar Sekunden des Beäugens und Begutachtens seitens der Passanten ist der Augenblick aber wieder vorbei. Mit einem Seufzen vergräbt Herbert wieder sein Kinn im Schal, um so eingemummelt die nächsten Stunden zu verbringen, bis das kurze Schauspiel wieder von vorne beginnt.

Eine Liebeserklärung an die eigene Leidenschaft

Herberts selbstgeschnitzte Holzfiguren sind leider nicht mehr ganz so aktuell, nicht ganz so beliebt, nicht wirklich gebraucht. Holzspielsachen sind aus der Mode, denn sie bewegen sich nicht, sprechen nicht und können keine Videos oder Musik abspielen. Aber dafür sind sie Unikate. Noch wichtiger – sie sind seine Leidenschaft! Denn mal ganz im Ernst: Welcher Mensch stellt sich im eisigsten Winter freiwillig auf den Weihnachtsmarkt, wenn am Ende des Tages nicht mal ein okayer Betrag dabei rausspringt? Nein, Herbert liebt seine Holzfiguren. Aber keiner scheint Notiz von ihnen zu nehmen. Dieser Anblick bricht mir das Herz.

Scheu beäuge ich aus dem Augenwinkel den Stand. Ich sehe, wie er traurig auf die vorüberziehende Meute blickt. Keiner bleibt stehen. Keiner nimmt Notiz von Herberts Kunstwerken. Ich stelle mir vor, wie sich dieser Mensch seit Monaten auf die Weihnachtszeit vorbereitet, zu Hause auf seinem Schemel sitzt und sich all die liebevollen Details für die Holzlokomotive, den Holzhund oder -frosch überlegt. Ich stelle mir vor, wie sehr er sich freuen würde, wenn mal ein Kind, oder einfach nur irgendjemand, kurz stehen bleiben würde. Und weil niemand stehen bleibt und ich den Ort des Geschehens nun nicht einfach verlassen kann, gehe ich auf ihn zu.

Dabei sehe ich ein kleines Leuchten durch Herberts Augen hüpfen. „Nur eine Frage“, denke ich mir. Nur eine! „Entschuldigung, sie haben aber einen schönen Stand, ich wusste nicht dass man so viele kleine Details in Holz einarbeiten kann. Machen Sie das schon lange?“

Und es geht los. Er beginnt zu erzählen, wie sein Vater ihm das beigebracht hat, als er noch ganz klein war, welche Figuren seine Lieblingsstücke sind und wie lange so etwas dauert.

Ich bringe es nicht übers Herz das Gespräch abzubrechen, denn ich möchte, dass Herbert weiß, dass sich doch noch der ein oder andere für seine Waren interessiert. Das tue ich auch wirklich, nur eben nicht ganz so sehr wie er.

Wer braucht schon wirklich so einen kleinen Holzfrosch?

Einsame Standbesitzer wie Herbert, die liebevoll ihre Waren zum Verkauf anbieten, jedoch auf kein großes Interesse stoßen, gibt es auf jedem Weihnachtsmarkt. Menschen mit Liebe und Leidenschaft, die keine Massenprodukte herstellen und diese auch gerne verkaufen wollen. Aber die Leute bleiben nicht stehen. Dabei meckern doch alle immer, dass kleine Handwerks-Betriebe den Bach runtergehen, dass alle nur noch den neuesten und teuersten Schrott im Internet bestellen. 

Klar: Wer braucht schon wirklich so einen kleinen Holzfrosch? Vermutlich niemand. Trotzdem kaufe ich den Holzfrosch, das preiswerteste Stück aus Herberts Weihnachtskollektion und schlendere mit einem guten Gefühl durch die Stadt. Anschließend versuche ich allerdings, mich von weiteren einsamen Standbesitzern fernzuhalten, denn mehr Herzensbrecher kann ich mir leider nicht leisten und irgendwo muss ich das Zeug ja auch hinstellen.

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