Was mir das Herz bricht: "Ich lerne noch"-Schildchen

Wenn "Ich lerne noch" auf dem Namensschildchen steht, bricht unserer Autorin das Herz. Eine neue Folge der Kolumne, in der das Herz leise "Knack" macht.
Von Nadja Schlueter
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Illustration: Daniela Rudolf

Es gibt ein Wort, dessen Klang ich sehr mag: „Welpenschutz“. Ich sehe dann vor meinem inneren Auge knautschige, weiche Hundebabys, die behütet in einem Körbchen liegen. An sich finde ich auch das Prinzip, das mit diesem Wort gemeint ist, ganz gut: Wenn man jung ist oder irgendwo neu, zum Beispiel im Job, dann darf man eine Zeit lang noch Fehler machen, ohne dass man allzu viel Ärger bekommt. Die Menschen haben mehr Geduld mit einem und erklären das komische Computerprogramm gerne noch ein drittes Mal, weil sie es damals auch nicht direkt verstanden haben. 

Das Problem am Begriff „Welpenschutz“, unabhängig vom Klang, ist das Verniedlichende, nicht Ernstnehmende, das „Och, die Kleine“- oder „Ohje, der Kleine“-mäßige. Ich bin fest davon überzeugt, dass es gut und richtig ist, Menschen in neuen Situationen und Umfeldern eine Eingewöhnungsphase zu gönnen, aber ich glaube auch, dass sie sich umso schneller eingewöhnen, je ernster man sie nimmt. Allerdings gibt es einen Gegenstand, in dem sich die ganze seltsame Verniedlichung, die im „Welpenschutz“ steckt, manifestiert, und der mir jedes Mal, wenn ich ihn irgendwo sehe, das Herz bricht: das „Ich lerne noch“-Schildchen.  

"Knack!"

 

Man sieht es zum Beispiel oft in Supermärkten. Da sitzt dann an Kasse drei ein junger, schmaler Typ mit hängenden Schultern und auf seinem Namensschild steht „Marcel Bauer“ und drunter:„Ich lerne noch“. Manchmal sogar mit Ausrufezeichen dahinter. Und dann ganz manchmal noch mit einem Smiley. Da habe ich immer gleich das Bedürfnis „,Marcel Bauer, du machst einen verdammt guten Job!“ zu sagen. Trau ich mich aber nie. 

 

Man verstehe mich nicht falsch: Ich finde es okay, wenn man den Kunden mitteilen will, wer der fertige Facharbeiter ist und wer der Auszubildende. In Betrieben gibt es nun mal Hierarchien und Positionen und die dürfen ruhig nach außen transparent sein. Dafür müsste auf dem Schildchen aber einfach nur „Marcel Bauer, Auszubildender“ stehen, was in etwa gleichbedeutend wäre mit einem Schildchen, auf dem „Margit Kleine, Fillialleiterin“ steht. Es wäre für den Kunden sofort ersichtlich, dass Marcel eventuell noch nicht alles weiß und vor allem nicht alles darf, er könnte Marcel also einen gewissen, naja, Welpenschutz halt, gewähren. Aber es wäre eben gleichzeitig auch eine ganz normale Berufsbezeichnung, wie Marcel und seine Eltern und Freunde und Kollegen sie auch selbst wertfrei äußern. Wie sie im Arbeitsvertrag steht. 

 

Das „Ich lerne noch“-Schildchen aber zeugt von zu wenig Respekt. Bei Margit Kleine steht ja auch nicht „Ich leite hier die Filliale“ auf dem Schild. Hätte sie vermutlich auch was dagegen. „Ich lerne noch“, das klingt so nach Grundschule, nach kleines Kind, nach Unselbstständigkeit. Und wenn es dann noch nicht mal aus Marcels Mund kommt, (der ja das Recht hat, „Ich“ zu sagen, so oft er will, und über sich selbst zu sagen, was er will), sondern ihm ans Revers gepinnt wird, wenn ein Gegenstand diesen Satz in seinem Namen sagt, auch wenn er selbst vielleicht findet, dass er viel eher arbeitet als lernt, dann ist das schrecklich entmündigend. Das erinnert mich an die Aufkleber auf Zigarettenautomaten, auf denen die Geldkarte sagt „Ich bin Dein Zigarettengeld!“ Die Geldkarte ist ein Gegenstand, sie hat keine Seele, keinen Verstand, sie kann nicht sprechen – also hängen wir ihr eine Sprechblase an. Aber Marcel ist ein Mensch, er hat eine Seele und Verstand und er kann sprechen – und trotzdem hängen wir ihm eine Sprechblase an? Eine, in der sinngemäß steht „Ich kann (noch) nix?“ Die nicht nur besagt, dass Margit Kleine Marcel nicht richtig ernst nimmt, sondern auch vorgibt, dass er das selbst nicht tut? 

 

Wenn ich das „Ich lerne noch“-Schildchen sehe, dann sehe ich Marcel dastehen, mit schuldbewusst gesenktem Blick, weil er weiß, dass alle von ihm erwartet haben, dass er sich vertippt, zu langsam ist, die Auberginen nicht auf der Preisliste findet und am Ende zu wenig Geld in der Kasse hat. Und ich sehe auch, wie es in ihm brodelt, weil er weiß, dass er die Auberginen schneller gefunden hätte, wenn man ihn nur etwas mehr respektieren würde. Und dann macht mein Herz „Knack“ und um das zu übertönen, will ich alle „Ich lerne noch“-Schildchen von allen Auszubildenden-Revers reißen. Sodass es „Ratsch“ macht.

 

Was einem noch das Herz bricht:

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