"Was hätte der Stiefvater von Charles Manson getan?"

Unser Autor ist mit seiner Freundin zusammengezogen. Sie ist sechs Jahre älter und hat zwei Kinder. Folge zwölf: Die eigene Vorbildfunktion.
Von Maximilian Reich
Illustration: Lucia Götz

Eltern sind Arschlöcher (Beleidigungen und Drohungen bitte direkt an maximilian.reich@gmx.de). Entschuldigung, aber das musste jetzt einfach mal raus. Ich erkläre später, warum. Ich muss mich erstmal um die Kinder kümmern: Dante (11) und Paul (8) wollen noch nicht ins Bett. Die beiden sitzen in ihrem Zimmer vor dem Computer und gucken sich auf Youtube Lifehacks fürs Kochen an. Ich weiß allerdings nicht, warum. Ich habe noch nie einen der beiden in der Küche gesehen. Es muss also tagsüber sein, wenn ich im Büro bin, dass die beiden sich regelmäßig mit Avocados rumquälen. Anders kann ich mir nicht erklären, warum sich Paul nun auch noch Notizen macht, wie sich die Frucht ganz leicht entkernen lässt.

Offenbar haben sich die Zeiten geändert. Früher haben wir im Fernsehen das A-Team geguckt und uns am nächsten Tag in der Pause darüber gestritten, ob wir lieber Hannibal oder B.A. wären. Heutzutage scheinen sich die Kinder auf dem Schulhof über Haushaltshilfen zu streiten. „Whaaaaat?? Du schälst Kiwis mit 'nem Messer? Was bist du denn für ein Lauch, das geht mit nem Löffel viel leichter, Alter!“ Früher hat man Zahnspangen-Trägern die Unterhose bis zu den Achseln hochgezogen, heute wirst du ins Schülerklo getunkt, wenn du dich beim Obst schälen schwer tust.

Irgendwer hat mal behauptet, Kinder seien ein Geschenk des Himmels. Dann ist der Himmel wie meine Oma Hannelore. Die macht zu Weihnachten auch immer merkwürdige Geschenke, die ich so ratlos angucke wie jetzt meine beiden Jungs. Schlafanzüge mit Disney-Figuren als Motiv zum Beispiel.

„Hääää? Jetzt schon ins Bett?“, ruft Paul, als ob ich Otto-Normal-Kiwi-Schäler nun endgültig den Verstand verloren hätte. Dabei ist es 20:45 Uhr. Die Kinder sind bereit seit 15 Minuten überfällig. Um halb neun müssen sie normalerweise ins Bett. Jeden Abend. Immer schon. Und trotzdem ist die Überraschung jeden Abend aufs neue groß. Als würde man einem Alzheimer-Patienten „Gute Nacht“ wünschen. Es ist schon frustrierend: Ich habe BWL studiert. Mir wurde der Elevator Pitch beigebracht. Ich bin in der Lage, einen abgebrühten Finanzinvestor innerhalb einer Aufzugfahrt davon zu überzeugen, 10.000 Euro in eine Buchidee von mir zu investieren – aber ich schaffe es nicht, zwei kleine Kinder dazu zu bringen, sich die Zähne zu putzen.

„Ja, jetzt schon“, sage ich fast flehend. 

„Das ist so gemein. Meine Freunde dürfen alle viel länger aufbleiben“, schimpft Paul. Das sagt er immer.

Sonja und ich sind auch die einzigen Rabeneltern auf der Welt, die ihre Kinder zwingen ihr Zimmer aufzuräumen. Ferner sind Sonja und ich auch die einzigen Rabeneltern auf der Welt, die ihren Kindern nicht erlauben, den ganzen Tag vorm Computer zu hängen. Und nicht zu vergessen: Sonja und ich sind die einzigen Rabeneltern auf der Welt, die ihren Kindern keine Chips kurz vor dem Abendessen erlauben.

Ich wüsste gerne, ob andere Kinder zuhause das Gleiche zu ihren Eltern sagen – oder ob sie nach einem Besuch bei uns nach Hause kommen und erzählen: „Mama, Papa, stellt euch vor: Die Eltern vom Paul erlauben ihm keinen eigenen Fernseher in seinem Zimmer.“ Und dann nehmen Muster-Mama und Muster-Papi ihren Spross ganz doll in den Arm und sagen: „Hoffentlich weißt du jetzt zu schätzen, wie gut du es bei uns hast.“

Ich riskier' doch nicht, dass Dante in zehn Jahren eine Gruppe mordend durch die Stadt schickt

Mir ist natürlich klar, dass das meiste davon nicht stimmt, trotzdem nerven mich die anderen Eltern. Aber ich versuche sie zu ignorieren. Ich beschäftige mich lieber mit den Eltern von Serienmördern und Diktatoren. Jetzt wo Sonja und ihre beiden Kinder bei mir wohnen, habe ich schließlich eine Vorbildfunktion. Und ich gebe zu, dass mir der Gedanke, dass meine Handlungen zwei Menschenleben beeinflussen, eine furchtbare Angst macht. Wenn ich vor einer Entscheidung stehe, frage ich mich deswegen manchmal: Was hätte der Stiefvater von Charles Manson getan? Wäre er über eine rote Ampel gelaufen? Vielleicht ist sein Sohn deswegen zum Sektenanführer geworden. An irgendwas muss es ja liegen.

Also stand ich neulich auf dem Rückweg vom Einkaufen mit Dante an einer Fußgängerampel. Ich guck nach links: kilometerweit kein Auto. Ich guck nach rechts: nichts. In einem Film wäre jetzt ein Strohballen an uns vorbei gerollt. Aber ich bin stehengeblieben. Bin ich ungeduldig auf und ab getigert? Klar. Habe ich diese strunzdämliche Ampel angeschrien? Selbstverständlich. Aber ich bin stehengeblieben. War ja rot. Ich riskier' doch nicht, dass Dante in zehn Jahren eine Gruppe von jungen Menschen mordend durch die Stadt schickt, weil ich schneller eine Straße überqueren wollte und ihm damit vielleicht signalisiert habe, dass man sich nicht an Gesetze zu halten braucht. Das wäre ja noch schöner. Sollen andere Eltern doch von mir aus über rote Ampeln gehen – diese nervtötenden Arschgeigen.

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