"Ich konnte den Wunsch nach Brüsten nicht mehr leugnen"

Unsere Autorin erzählt, wie schön es sich anfühlte, statt mit einem Mann endlich mit einer Frau zu schlafen.
Illustration: Veronika Günther

In der Nische des Internets, die sich mit lesbischer Popkultur befasst, gibt es eine Interviewreihe, die Celesbians heißt. Einmal war dort Kate McKinnon zu Gast, die in den Kinos gerade im Film „Ghostbusters“ spielt. „Ich bin eine 98,5-prozentige Lesbe“, sagt McKinnon. „Noch nie habe ich einen menschlichen Penis gesehen.“ Diejenigen Lesben, die nie Sex mit einem Mann hatten, bezeichnen sich selbst oft als Goldstar. Ich bin kein Goldstar.

Ich hatte ziemlich oft Sex, bei dem ein Penis involviert war. Länger als drei Jahre war ich mit einem Mann zusammen. Davor und danach hatte ich in 98,5 von 100 Fällen nur Interesse an: Frauen.

Schon als junges Mädchen habe ich bemerkt, dass ich andere Mädchen und Frauen gerne diesen einen Augenblick zu lange ansehe. Als Teenager gab es latent homo-erotische Freundschaften und Flirts, mit bestimmten Freundinnen habe ich wiederholt geknutscht. Auf die Idee, sich als Lesbe zu sehen, kam aber keine von uns. Außer ich, aber nur heimlich. Trotzdem hatte ich in diesen Jahren häufiger mit Jungen rumgemacht. Bei der Lektüre von Romanen, „Brigitte Young Miss“ und „Sugar“ habe ich darauf geschlossen, dass ich mindestens eine 50-prozentige Lesbe bin.

Dann die elfte Klasse. Plötzlich gefällt mir dieser Junge aus der Parallelklasse. Bei der nächsten Party küssten wir uns. Für mich war er die erste Liebe mit Händchenhalten, Eltern kennenlernen und Sex. Und wie hat das im Bett funktioniert? Ziemlich gut. Wir lernten, was wir mögen und probierten einiges aus, behielten manches bei, anderes verwarfen wir wieder. Irgendwann war es Zeit für die Trennung. Nicht nur, aber auch, weil ich lieber Sex mit Frauen haben wollte. Nach einiger Zeit konnte ich den Wunsch nach mehr Brüsten nicht mehr leugnen. Nach meinem Spiegelbild war mein Freund das zweite Gegenüber, dem ich ins Gesicht sagte: „Ich stehe auch auf Frauen.“ Und später: „Ich bin lesbisch.“ Völlig überraschend kam das für ihn nicht. Wir unterhielten uns oft genug über heiße Frauen, verknallten uns einmal sogar in die gleiche. Immerhin verstand er dann wenigstens, warum ich so sehr darauf bestand, die deutsche Erstausstrahlung der Lesbenserie „L Word“ zu schauen.

Lange habe ich nach einer Erklärung gesucht. Wie konnte das passieren: lesbisch sein, aber in einer Hetero-Beziehung? Habe ich meinem Ex-Freund die ganze Zeit etwas vorgemacht? Oder mir? Muss ich mich jetzt in der Gruppe der Bisexuellen einordnen, auch wenn ich mich eigentlich als Lesbe fühle? Muss ich jedem auch noch so entfernten Bekannten meine Gefühlslage erklären, nur weil gerade die News rumging und Neugier erzeugte? War ich schwach, weil ich nicht schon mit 15 Jahren „out and proud“ war? Leider hat es eine Weile gedauert, bis ich verstanden habe, dass ich mir eine Verteidigung nicht zurechtlegen muss. Es ist, wie es ist. Punkt.

Mein zweites Erstes Mal hatte dann leider denkbar schlechte Voraussetzungen. In den frühen Morgenstunden, nach zu viel Alkohol und ohne Test-Knutschen auf neutralem Gelände. Sie gefiel mir, zurück in meiner Wohnung passte es dann aber nicht so ganz zwischen uns. Aber hey, da hab ich endlich eine Frau im Bett. Natürlich schlafe ich mit ihr. Beim Sex mit einem Mann war immer klar, worauf es früher oder später hinausläuft: Er dringt in mich ein, alles andere ist Beiwerk. Die Reihenfolge steht fest: knutschen und fummeln, um zu ficken. Bei zwei Frauen gibt es diese Hierarchie nicht. Dennoch ist der Unterschied beim physischen Akt eigentlich sehr gering.

Die Gemeinsamkeiten dominieren: zwei Körper, die sich küssen, anfassen, heiß machen. Und dann die Freude, wenn in den Köpfen dieses Feuerwerk gezündet wird, wie es nur der Sex schafft. Entgegen häufiger Darstellungen in Filmen und Serien: nein, Frauen kuscheln nicht nur, fassen sich zärtlich an und schauen sich dabei ununterbrochen verliebt in die Augen.

Was es mit Frauen anders bei mir macht, passiert auf einer anderen Ebene: Flirten, Blicke, Berührungen. Das, was dieses Spiel so angenehm aufregend macht – gerade bevor man im Bett landet.

Gut und schlecht sind deshalb die falschen Kategorien, um meinen Hetero- mit meinem Homo-Sex zu vergleichen. Eigentlich ist es aber ganz einfach: Früher hatte ich guten Sex mit einem Mann, jetzt aber kein Interesse mehr daran. Guten Sex habe ich jetzt lieber mit einer Frau.

Die Redaktion kennt die Autorin und respektiert ihren Wunsch, diesen Text anonym zu veröffentlichen. 

So erlebte unser Autor das erste "richtige" Mal:

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