Horror-Mitfahrgelegenheit: Der Mann mit der Serienkiller-Aura

Manchmal wird die Mitfahrgelegenheit zum Horrortrip. Zum Beispiel, wenn man das Gefühl bekommt, dass der Fahrer einen ermorden will.
Von Kolja Haaf
horrormitfahrgelegenheit narbenmann cover

Illustration: jetzt

Die Strecke: Lyon Richtung Süden 

Der Fahrer: Der unheimliche Narbenmann

Horrorstufe: 10 von 10

Einige werden sich noch dran erinnern, an die Zeit, als das Fernweh noch nicht von einem garstigen, mikroskopisch kleinen Noppen-Hundeball gegeißelt wurde (ich rede von Corona) und die Grenzen, zumindest für einen Reisepass mit Bundesadler, noch in jede Himmelsrichtung offen waren. In dieser Zeit war ich trampen. Es war ein praller Sommer, ich hatte Semesterferien und kein Geld für Urlaub. Dafür aber eine Bekannte in Madrid, die meinte, ich solle doch vorbeikommen, sie habe ein Zimmer frei, in Madrid gebe es Eintopf mit Kuhpansen und sowieso, das werde lustig.

Ich hatte noch nie richtig getrampt und das Konzept war für mich stark romantisch aufgeladen: Gutaussehende junge Menschen, die mich in ihrem Cabriolet mitnehmen und an ihrem Joint ziehen lassen. Ein Nickerchen zwischen einer Wagenladung Wassermelonen auf einem altmodischen Laster. Geschichten. Begegnungen. Eine Reise zu den Menschen. Zu mir. So was in der Art. Die ersten beiden Fahrten verliefen völlig ereignislos. Der dritte Fahrer wollte mich ziemlich sicher umbringen. 

Ich war irgendwo bei Lyon gestrandet, an einer fast leeren Tankstelle. Der einzige, der mich nach anderthalb Stunden in Richtung Süden mitnehmen wollte, war der Fahrer eines gammeligen roten Polos. Ein kleiner schweigsamer Mann mit Habichtaugen und mehreren großen Narben an Hals und Kinn, die stark nach Messerstichen aussahen. 

Er: „Ich glaube, da täuschst du dich. Nizza ist auf dem Weg.“ 

Nach zwei Stunden teilte sich die Autobahn nach Osten und Westen, in Richtung Spanien. Ich hatte mittlerweile aufgegeben, mit meinem narbigen Gefährten reden zu wollen. Auf alle meine Fragen antwortete er, wenn überhaupt, nur mit „Non“ oder „Oui“ oder „J'sais pas“ (dt: „Weiß nicht“). Ich sagte ihm schließlich, dass ich in Richtung Montpellier weiter müsse und wohin er denn fahre. Seine Stimme war kalt und hart.

Er: „Nein, nein, das ist schon in Ordnung. Ich wohne in Nizza. Du kannst bei mir schlafen.“ 

Ich: „Haha, nein, danke, aber ich will ja nach Madrid. Nizza ist für mich 300 km in die entgegengesetzte Richtung.“ 

Er: „Ich glaube, da täuschst du dich. Nizza ist auf dem Weg.“ 

Ich: „Hier, schau, Google Maps.“ 

Er: „Nein, nein, du schläfst bei mir. Pas de problème.“ 

Ich: „Nein, ich fahre lieber weiter Richtung Spanien.“ 

Er: „Das ist nicht sehr höflich. Ich nehme dich umsonst in meinem Auto mit und biete dir ein Bett an und Abendessen.“ 

Ich: „Ja, danke, ich kann dir auch was für die Fahrt geben, aber ich will jetzt wirklich aussteigen.“

Er: „Nein, das ist nicht nötig. Wir fahren einfach nach Nizza, pas de problème.“

Ich schwieg. Zehn Kilometer bis zur entscheidenden Autobahn-Gabelung. Ich hatte gelesen, dass man beim Trampen immer ein Taschentuch und ein Feuerzeug dabei haben soll. Wenn der Fahrer einen anderen Weg als den vereinbarten einschlägt und nach eindringlicher Bitte nicht reagiert, zündet man das Taschentuch an, hält es so, dass er es sieht und wirft es dann auf die Rückbank. Dann hat der Fahrer keine andere Wahl, als anzuhalten, wenn er nicht will, dass sein Auto brennt.

Ich hatte kein Feuerzeug, ich hatte kein Taschentuch. Aber ich hatte eine Zwei im Französisch-Abi. Ich sammelte mich kurz und vergaß für einen Moment, dass ich ein naiver, milchbubiger Geisteswissenschaften-Hänfling war. Ich sagte laut und aggressiv: „Écoute! Da vorne ist eine Tankstelle. Wenn du mich da nicht raus lässt, ruf ich die Polizei an. Pas de problème.“ 

Ich gestehe: Es kann sein, dass ich durch den zeitlichen Abstand meine Erinnerung an diesen Moment etwas verklärt und ich das Ganze eher panisch gekreischt habe. Jedenfalls fuhr Narbenmann rechts raus auf die Tankstelle. 

Ich stieg aus, nahm meinen Rucksack, sagte noch Danke (Gott weiß, warum) und ging in die Tankstelle. Ich war echt scheißfroh. Das hätte im schlimmsten Fall mit einer Salade niçoise au Hânfling enden können. Ich kaufte mir Essen und Trinken. Als ich mein Kleingeld wieder einpackte, wandte sich die Verkäuferin schon dem nächsten Kunden zu. Es war Narbenmann. Er bestellte einen Kaffee, sah mich starr an und sagte „Salut.“

Als wir abfuhren, starrte mich Narbenmann finster an, bis ich außer Sicht war

Ich ging weg und versuchte, neue Fahrer zu finden. Die ganze Zeit über saß Narbe vor der Tanke, trank seinen Kaffee und beobachtete mich. Er hatte seinen roten Polo direkt vor sich geparkt. Zwischendurch machte er mir Zeichen, dass ich wieder einsteigen solle. Irgendwann erbarmte sich ein älteres Ehepaar. Als wir abfuhren, starrte mich Narbenmann finster an, bis ich außer Sicht war.

Als ich schließlich in Montpellier ankam, war es Nacht und kalt und ich fand keine Weiterfahrt mehr. Ich musste dringend schlafen und legte mich auf einer verlassenen Raststätte mit meinem Schlafsack bibbernd auf eine Tischtennisplatte. Das war furchtbar. Ich schlief kein bisschen. Und langsam kroch mir ein Gedanke das Rückgrat hoch: Was, wenn Narbenmann mir gefolgt war? 

Irgendwann in den frühen Morgenstunden wurde ich aufgeschreckt von einer schneeweißen Babykatze. Ungelogen. Sie maunzte, kuschelte sich an mich und ich war selten so kurz davor, an Schutzengel zu glauben. Sie war die göttlich-weiße Antithese zum diabolischen roten Polo. Irgendwo zwischen wirren pseudotheologischen Gedankenfetzen nickte ich dann doch noch kurz ein. 

Mein Patronus-Kätzchen war am Morgen weg. Dabei hätte ich es noch brauchen können. Denn meine romantisierten Vorstellungen vom Trampen sollten noch endgültig zerpflückt und in den Staub gestampft werden, bevor ich meinen ersten madrilenischen Kuhpansen essen würde.

Im nächsten Horror-Mitfahrgelegenheit-Tramper-Special: Mit einem am Steuer einnickenden Antisemiten im spanischen Niemandsland.

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