Horror-Mitfahrgelegenheit: Hippie-Sex auf der Autobahn

Manchmal wird die Mitfahrgelegenheit zum Horror-Trip. Folge 4: Mit linksalternativen Abenteurern durch Deutschland.
Von Kolja Haaf

Illustration: Julia Schubert

Die Strecke: Von Freiburg nach Bielefeld mit der Mitfahrgelegenheit.

Die Fahrer*innen: Abwechselnd Flo (ca. 27), Schnauz (ca. 28), Betty (ca. 24) und Inken (ca. 29), die gemeinsam eine Wagenburg-Clique bildeten (Namen leicht geändert).

Horrorstufe: 8 von 10

Für diese Fahrt müssen wir weit zurückblättern in den vergilbten Chroniken der Online-Mitfahrgelegenheit, zu den stürmischen Pionierjahren (ca. 2008). Die Mitfahrgelegenheitler von damals waren noch nicht die abgeklärten Pendler von heute, die einfach billig von A nach B kommen wollen, sondern experimentierfreudige Glücksritter mit kleinem Reisebudget. Es ging eigentlich immer auch um die menschliche Begegnung. Leider.

Die Fahrt ging vom Heimaturlaub in Freiburg nach Bielefeld, wo ich zu der Zeit studierte (und ja, die Stadt gibt es wirklich, auch leider). Am Treffpunkt fuhr das Auto vor: Eine Art prähistorisches VW-Bus-Urviech, mit einem gewaltigen, fest montierten Aufbau über der Fahrerkabine zum schlafen, ranzigen Matratzen im Laderaum statt Sitzen und Gurten, eingebautem Gaskocher, anarchistischen Kritzeleien und unzähligen Schrammen und Beulen in der Karosserie, die sich das Biest wahrscheinlich noch beim Sprengen von Polizeiketten auf Anti-Atom-Demos in den 80ern geholt hatte. 

Dann ging dann eine Weinflasche rum und Flo, der am Steuer saß, soff mit

Der zweite Knaller war die Crew: Flo, der die Fahrt online gestellt hatte, ein kleiner, rattengesichtiger Typ mit aschblonden Rastalocken, sagte etwas misstrauisch „Hi.“, aber drückte mir gleichzeitig ein Bier in die Hand (im Auto standen zwei Kästen). Den Style der anderen drei würde ich grob als Schmuddel-Core-Zirkus-Punk beschreiben. Das ganze Ensemble von Auto, Besatzung und der rotziger Musik, die aus den Türen schallerte, schrie einen förmlich an: „Schaut her, ihr Zahnräder! Ihr Lemminge! Wir sind ne richtig dufte Rasselbande!“

Ich war vorerst der einzige externe Mitfahrer und bekam von Inken, einer zwei Meter-Frau mit einer Sicherheitsnadel in der Nase und Kronkorken-Ohrringen, gesteckt, was Phase sei: Alle vier wohnten in einer Wagenburg (Wagenburgen sind linksalternative Wohnwagensiedlungen) in Freiburg-Vauban (mittlerweile zwangsgeräumt) und wollten spontan einen Bekannten in der Nähe von Bielefeld besuchen. Gleich nachdem wir auf die Autobahn gefahren waren, ging dann eine Weinflasche rum und Flo, der am Steuer saß, soff mit. Das war aber halb so schlimm, weil der Bus auch nur maximal 100 km/h fuhr. Weswegen wir für die 600 km insgesamt 11 Stunden brauchten.

Mir wurde der Wein übrigens nicht angeboten und das Bier kostete dann plötzlich auch zwei Euro: „Wär halt schon gut, wenn du beisteuern kannst.“ Damit verpuffte dann auch gleich meine Hoffnung, ich könnte jetzt für ein paar Stunden so richtig eintauchen in eine Welt aus Solidarität und bedingungsloser Lockerheit. 

Gratis war dafür die Lebensgeschichte von Inken: Mit 16 aus einem Schwarzwalddorf geflohen, wollte Floristin werden, stattdessen kamen Drogen. Jetzt lebte sie von Hartz IV und Jonglieren in der Fußgängerzone. Aber so tragisch sich das auch teilweise anhörte – dadurch, dass sie ungefragt vorausgesetzt hatte, dass ich ihre Geschichte unbedingt hören wollte und sich insgesamt als eine Art missverstandenes Genie darstellte, war das Ganze schwer zu ertragen. 

 

Zwischen Mannheim und Darmstadt kletterten Flo und Betty in die Schlafnische und hatten Geschlechtsverkehr

 

Für die erste Pause fuhr Flo dann extra von der Autobahn runter in ein Industriegebiet, wo auf einem Grünstreifen eine Stunde lang gerastet wurde. Es gab veganen Brotaufstrich, der zusammen mit Leberwurst direkt aus Dosen gelöffelt wurde, in einer gotteslästerlichen Kombination mit Salatsoße aus der Tube und altem Curryketchup. Und mehr Wein. Betty balancierte einige Schritte auf einer Leitplanke und bekam dafür Applaus, als ob sie einbeinig einen Marathon gelaufen wäre. Ich grummelte mittlerweile nur still vor mich hin.

Danach fuhr Schnauz weiter: Südamerikanischer Poncho und kahlgeschorene Haare mit einer Art Jedi-Zöpfchen am Hinterkopf. Ich musste auf den Beifahrersitz und er erzählte mir an einem Stück, wie es denn so liefe in der Welt. Er redete wie ein Erwachsener, der einem Kleinkind erklären will, warum man nicht in die Hose pinkelt. Da fielen Sätze wie: „Naja, die meisten sehen halt in schwarzweiß. Ist jetzt nicht böse gemeint, aber du musst halt die Augen aufmachen, dann siehst du die Welt in Farbe.“ Währenddessen drehte er sein Mixtape so laut auf, dass mir die Tränen kamen. Ein Lied kam in Dauerschleife, das mich bis heute verfolgt. Irgendein Untergrund-Liedermacher plärrte da absichtlich schief die enigmatischen Worte: „QUETSCHMÄN SPIELT KEINE GEIGE!“

Schnauz (seinen echten Namen habe ich vergessen, aber es war definitiv ein Wort mit Tier-Bezug – „Pfote“, „Maunzi“, „Kralle“, sowas) ging wirklich alle Verschwörungstheorien durch. Und irgendwann zwischen seinem persönlichen Lösungsvorschlag für den Nahostkonflikt und staatlich organisiertem Organhandel, beziehungsweise zwischen Mannheim und Darmstadt, kletterten Flo und Betty in die kleine Schlafnische über dem Cockpit und hatten GV.

A.k.a. Geschlechtsverkehr. 

A.k.a. Sexy Time. 

Zuerst war da nur Gekicher, dann leises Stöhnen, dann ausgewachsenes Geficke.

Die Kabine war so weit vorne und mein Sitz soweit hinten, dass ich von unten immer wieder ein Bein oder eine Pobacke sehen konnte. Schnauz schlug an die Decke über sich und schrie irgendwas in Richtung „Woohoo!“ Ich schaute mit rotem Kopf aus dem Fenster auf deutsche Mittelgebirge.

In mir regte sich das ungeahnte Verlangen nach einem straff geführten Polizeistaat

Bei Frankfurt stieg noch jemand zu, der sich, wie ich, erstmal zu unvoreingenommenem Interesse verpflichtet fühlte. Und Inken und Schnauz fingen ihr Programm von vorne an. Betty und Flo blieben den Rest der Fahrt oben und ließen sich nur ab und zu Wein hochreichen. 

Irgendwann spät nachts kamen wir an. Alle außer dem Fahrer waren weggeschlummert. Ich hatte das Gefühl, als junger, aufgeschlossener und politisch eindeutig linker Mensch eingestiegen zu sein und jetzt als reaktionärer Rentner aufzuwachen. In mir regte sich das ungeahnte Verlangen nach einem straff geführten Polizeistaat. 

Aber dann stiegen die vier mit mir aus, umarmten mich, und meinten, ich müsse ihnen nichts zahlen. Weil, naja, man hätte nicht geahnt, dass es so lange dauern würde und die Biere gingen auch aufs Haus. Und sorry, wenn sie mich irgendwie schockiert hätten. Ich, beschämt, versicherte ihnen, dass sie schwer in Ordnung wären und dass ich echt was mitnehmen würde von dieser Fahrt. Hab ich auch:

QUETSCHMÄN SPIELT KEINE GEIGE!

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