Horror-Mitfahrgelegenheit: Der homofeindliche BWL-Student

Manchmal wird die Mitfahrgelegenheit zum Horror-Trip. Diesmal kommt der Fahrer nicht damit klar, dass im Auto ein lesbisches Paar sitzt.
Von Erik Brandt-Höge

Illustration: jetzt

Die Strecke: Von Bremen nach Berlin

Der Fahrer: Thomas, Student Horrorstufe: 6 von 10

„Wo die Liebe hinfällt – und wenn’s der Misthaufen ist!“ Thomas‘* Ansage nach einer halben Stunde Fahrt hat es in sich. Thomas sitzt am Steuer. Und wir, das sind Marie*, Mieke* und ich, sitzen in seinem Wagen. Zusammen wollen wir von Bremen nach Berlin. Marie und Mieke, weil sie „durchdrehen wollen“, wie sie sagen. Thomas, weil er in Berlin BWL studiert. Und ich, weil ich eine Freundin besuchen möchte, die ich lange nicht gesehen habe. Warum Thomas so einen Quatsch sabbelt? Der Reihe nach.

Es ist Samstagmorgen, ich stehe mit Marie und Mieke an einer Tankstelle am Bremer Stadtrand. Wir trinken Kaffee, rauchen, warten auf unsere Mitfahrgelegenheit. Und wir erzählen uns von unseren Berlin-Plänen. Maries und Miekes: „Tanzen, trinken, einfach feiern.“ Meine: Flohmarkt, Cafés, Kochen. Wir verstehen uns gut. Und dann kommt Thomas. Thomas ist unser Fahrer. Sein Auto: grau, groß, protzig. Ein Luxusschlitten, wie er im Buche steht. Thomas steigt aus. Weiße Jeans, weißes Polohemd, Muckis en masse, glattrasiert, die mittellangen Haare zum Seitenscheitel gegelt. „Auf geht’s!“, sagt er, öffnet den Kofferraum, und wir schmeißen unseren Kram rein, steigen ein. Dann: das übliche Geplänkel. Wer was macht (Marie ist Abiturientin, Mieke Krankenschwester, Thomas Student, ich bin kurz vorm Zivildienst). Und wer warum nach Berlin will (bekannt). Es folgt eine halbe Stunde Schweigen. Thomas fährt vernünftig, hat sanftes Dudelradio laufen, alles okay, alles entspannt. Ich sitze vorne neben ihm. Und ich bemerke: Er blickt immer wieder in den Rückspiegel. Mache ich dann auch mal.

Thomas findet: Lesben „gehen gar nicht“

Und ich sehe: Marie und Mieke halten Händchen. Ich freue mich für die beiden, lehne mich zurück und will gerade die Augen für ein Nickerchen schließen, als Thomas sagt: „Was ist da hinten los?“ Was soll da los sein, denke ich, und auch Mieke meint nur: „Wieso?“

„Na, was ist da los … mit den Händen?“, fragt Thomas. „Häh?“, kommt von Marie. „Seid ihr …“, Thomas scheint nicht weiter zu wissen, „ … also … seid ihr …“ Er kriegt seine Frage nicht hin. Und Marie und Mieke fangen an zu grinsen. „Sind wir!“, sagt Mieke. Und Thomas: „Oh.“

„Was heißt ‚oh‘?“ Mieke vergeht das Grinsen. Thomas: „Na ja, ‚oh‘ halt.“ Ich schalte mich ein: „Was meinst du denn mit ‚oh‘?“ Stille. Thomas scheint zu überlegen, wir warten. Eine halbe Minute später sagt er: „Ich bin anders erzogen worden.“ Wumms! Ich sehe Marie und Mieke im Spiegel, und die beiden sehen darin mich. In unseren Blicken: Fassungslosigkeit, Ärger, Wut, Fragen.

Marie: „Wie bist du denn erzogen worden?“

Thomas: „Gut.“

Mieke: „Und wir deiner Meinung nach nicht?“

Thomas: „Ihr seid lesbisch!“

Ich: „Na und?“

Thomas: „Geht gar nicht. Höchstens im Internet.“

Thomas dreht sich zu mir und zwinkert mir zu.

Ich: „Alter!“

Marie: „Iiiieh!“

Mieke sagt nichts. Sie dreht sich zu Marie, fährt ihr durchs Haar, küsst sie zuerst auf die Wange, dann auf den Mund. Lange. Sehr lange. Und sieht dabei wieder in den Spiegel, in den auch Thomas sieht.

Thomas: „Ist ja gut!“

Ich: „Nicht wirklich. Du bist gegen gleichgeschlechtliche Liebe?“

Thomas: „Wo die Liebe hinfällt – und wenn’s der Misthaufen ist. Aber nicht Mann und Mann. Nicht Frau und Frau. Bäh!“

Marie: „Selber Bäh!“

Mieke: „Bäh bäh!“

Ich: „Merkste selbst, Thomas, oder?“

Thomas: „Was willst du denn? Bist du …“

Ich: „… schwul?“

Thomas: „Bist du?“

Ich: „Nein. Ich finde nur, jeder soll lieben, wen er eben liebt.“

Thomas: „Schwul.“

Ich: „Schwul. Lesbisch. Hetero ... was auch immer: Liebe ist Liebe.“

Thomas: „Liebe ist …“

Marie: „… nicht so deine Sache, was?“

Thomas weiß keine Antwort. Und im Spiegel sehe ich: Marie und Mieke grinsen sich erneut an. Der nächste Kuss folgt. Thomas drückt aufs Gaspedal. Er will scheinbar schnellstmöglich nach Berlin. Das wollen wir alle. Bis dahin: Schweigen.

In Berlin öffnet Thomas wortlos den Kofferraum, nimmt unser Geld, donnert die Fahrertür zu und düst ab. Und wir? Wünschen uns jeweils viel Spaß.

*Namen geändert

  • teilen
  • schließen