Horror-Nebenjob: Aushilfe bei einer Einzelhandelskette

In dieser Serie geht es um schräge Nebenjobs. Für diese Folge hat uns eine Leserin von unverschämten Kund*innen und einer Schinder-Chefin erzählt.
Protokoll von Sandra Belschner
horrornebenjob kasse eizelhandel cover

Illustration: Daniela Rudolf-Lübke

Horror-Stufe: 10 von 10

Chefin: ständig mies gelaunt und sehr zynisch

Bezahlung: 8,85 Euro pro Stunde

Erlernte Skills: Nerven behalten und ab und zu auf Durchzug schalten 

„Mit 25 habe ich mich für ein Zweitstudium entschieden. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich zwar schon einen Master in Germanistik, aber ich wollte noch etwas anderes ausprobieren. Um das finanziell möglich zu machen, musste ich mir einen Nebenjob suchen. Ich war sehr erleichtert, als ich endlich die Zusage einer Einzelhandelskette bekam. Damals wusste ich ja noch nicht, was ich mir damit antat. Ich saß jeweils immer fünfeinhalb Stunden an der Kasse, ein irre monotoner Job. Im Akkord fertigte ich dich die Kund*innen ab. 

„Hallo. Zwei Euro, bitte. Tschüss.“ Häufig sagte ich über fünf Stunden nichts anderes

„Hallo. Zwei Euro, bitte. Tschüss.“ Häufig sagte ich über fünf Stunden nichts anderes. Um Geld zu sparen wurden so wenige Kassen wie nötig aufgemacht. Dadurch kam es natürlich zu einem hohen Andrang. Ich bemühte mich immer – trotz Hektik – freundlich und höflich zu sein. Aber ein Großteil der Kund*innen war sehr unfreundlich und respektlos. Das hat mich an meiner Arbeit am meisten genervt, denn das zieht einem auch die eigene Stimmung runter. Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft ich angeschrien und angepöbelt wurde - häufig auch für Dinge, für die ich gar nichts konnte, zum Beispiel das für eine Tüte bezahlt werden muss. Viele der Kund*innen telefonierten während des Bezahlens und haben mich behandelt, als wäre ich gar nicht anwesend. Da kam kein „Hallo“ und kein „Tschüss“.

„Bist du denn zu blöd zum Denken?“

Irgendwann habe ich angefangen, auf Durchzug zu schalten und mich nicht mehr über jeden einzelnen unhöflichen Menschen aufzuregen. Wenn die Kund*innen zu unverschämt wurden, durfte ich sie auch des Ladens verweisen. Auch wenn mir echt viele schlimme Menschen begegnet sind, hat sich eine Sache besonders in mein Gedächtnis eingebrannt: Einmal hat mich ein Kunde mittleren Alters angeschrien und gefragt, ob ich denn zu blöd zum Denken sei. Der Grund dafür? Ich konnte ihm nicht sagen, ob die Sache, die er gekauft hatte, in seine Tüte passt. Er ist völlig eskaliert und war unfassbar unverschämt.

Einmal musste ich mich zusammenreißen, damit ich nicht anfing zu lachen. Eine ältere Frau hat mich angepöbelt und sich beschwert, weil ich „Hallo“ sagte. Sie meinte, das sei ein englisches Wort und man müsse gefälligst „Guten Tag“ sagen. Manchmal hatte ich echt das Gefühl, die Leute heben ihren ganzen Frust und ihre schlechte Laune auf, um sie dann an der Kasse abzuladen. Dabei vergessen sie aber, dass da auf der anderen Seite einfach ganz normale Menschen sitzen, die ihre Arbeit machen.

Unbezahlte Überstunden waren mein Alltag

Nachdem ich mit meiner Schicht an der Kasse fertig war und eigentlich Feierabend gehabt hätte, musste ich immer noch die zurückgegebenen Artikel wegräumen und die Kleidung aus den Umkleidekabinen einsortieren. Das hat immer ewig gedauert. Ich kann mich nicht erinnern, dass es mal einen Tag gab, an dem ich keine Überstunden gemacht habe. Diese wurden nicht vergütet. Von meiner Chefin wurde ich dann nur angeschnauzt, warum ich denn immer noch hier sei. Außerdem hatten wir auch keine Reinigungskräfte. Also hatten wir eine Stunde Zeit, um sechs Toiletten, den Flur und den Pausenraum zu putzen. Das alles für den damaligen Mindestlohn von 8,80 Euro.

Wenn man krank war, wurde einem nur eine Stunde der eigentlichen Schicht bezahlt. Das heißt, ich konnte es mir leider nicht leisten, krank zu sein und habe mich deshalb krank zur Arbeit geschleppt. Als ich einmal eine Krankschreibung mit zur Arbeit gebracht habe und gehumpelt bin, hat mich meine Chefin nur gefragt, ob ich am Wochenende gesoffen hätte. Umso länger ich dort gearbeitet habe, desto mehr wurden mir die Augen geöffnet und ich habe bemerkt, wie menschenverachtend die Anforderungen und der Umgangston sind. Wenn ich heute an diesen Job zurückdenke, denke ich, dass es arbeitstechnisch die schlimmste Zeit in meinem Leben war. Ich habe mir so oft gewünscht, nicht in die Arbeit zu müssen, einfach weil die Arbeit so monoton war und man absolut keine Anerkennung bekam. Ich habe gekündigt und danach noch bei einigen weiteren Klamottenläden gearbeitet und ähnliche Erfahrungen gemacht. Ich glaube, dass die Ausbeutung im Handel ein weit verbreitetes Problem ist.“

Der Redaktion ist der Name der Leserin bekannt.

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