Horror-Schwiegereltern: Der Tyrann mit dem Vokuhila

Den Partner sucht man sich selbst aus, die Schwiegereltern nicht. In dieser Serie erzählen wir davon.
Von Berit Dießelkämper

Illustration: Julia Schubert

Alter zum Zeitpunkt der Beziehung: Ich war 16, er 18

Beziehungssituation: Auslandsjahr in Kanada

Horrorstufe: 6 von 10

Ich habe seinen Namen vergessen und je länger ich darüber nachdenke, umso unsicherer bin ich mir, ob ich ihn jemals gekannt habe. Nennen wir ihn der Einfachheit halber Adams Vater. Adam ist mein Freund. Ich bin 16 und gerade in meinem Auslandsjahr in Kanada. Wir sitzen bei Adams Familie im Auto, eingezwängt zwischen ihm und seiner Schwester auf der Rückbank. Wir sind auf dem Weg zu Adams Highschool Abschlussfeier. Es ist Ende Juni und in wenigen Tagen fliege ich zurück nach Deutschland. Vorgestern war Adams Abschlussball. Die Stimmung im Auto ist nur so mittel – aber nicht, weil es so ein rauschendes Fest gewesen ist, oder weil die Trauer über meinen Abschied so groß ist, eher im Gegenteil.

Adams Vater mag mich nicht. Ich vermute aus dem einfachen Grund, dass ich seinen Sohn mag. Ich blicke von der Rückbank des Autos aus auf die mit einem Schweißfilm überzogenen Rollen in seinem Nacken. Über ihnen hängt ein Lappen gegelter, schwarzer Locken. Er ist der einzige Mensch, den ich kenne, der einen Vokuhila ganz ernsthaft und als seine richtige Frisur trägt. Wenn ich ihn so ansehe, seine massige, Angst einflößende Statur, die sich über die Ränder des Sitzes wölbt, erinnert er mich an einen südamerikanischen Profi-Wrestler aus den 80er-Jahren. Das passt ganz gut, weil er auch vom Mindset her irgendwo in der Zeit hängengeblieben sein muss und weil man nie weiß, wann er zu seinem brutalen finishing move ansetzt.  

Adams Vater verbot uns schon vor Monaten zum After-Prom zu gehen – sozusagen der inoffizielle Teil des Abschlussballs in Form eines wilden Saufgelages. Ich fühlte mich ein wenig um die volle „prom experience“ betrogen. Wir einigten uns in zähen Verhandlungen darauf, dass Adams Schwester uns vom Ball abholen und für den Rest des Abends zu mir nach Hause bringen würde. Den Großteil des Balls verbrachte ich damit, mich für Adams komplett weißen Anzug mit passendem weißen Hut und weißen Schuhen zu schämen. Sein Vater hatte ihn bei einem gemeinsamen Einkauf dazu gedrängt, weil er die Kombination offensichtlich noch immer für modisch hielt. In gleicher Weise schämte ich mich an dem Abend aber auch für mich selbst. Meine Nachbarin hatte mich geschminkt und weil ich sie sehr mochte und nicht unhöflich sein wollte, ließ ich sie einfach machen. Ich sah fürchterlich aus, das wusste ich schon damals. Ansonsten war der Prom so aufregend, wie eine Party, die um Mitternacht endet, ohne Alkohol und in Anwesenheit von Lehrern stattfindet, halt so sein kann.

Wir waren kaum durch meine Haustür, als Adams Vater anrief und ins Telefon brüllte, er habe es sich anders überlegt, Adam solle jetzt sofort nach Hause kommen. Adam sagte Nein, legte auf und sah mich mit einer Mischung aus Entschlossenheit und blanker Angst an. Irgendwann stand sein Vater dann bei uns vor der Tür und forderte die Herausgabe seines Sohnes. Meine Gasteltern, die ihm zwar argumentativ, nicht aber körperlich überlegen waren, versuchten noch mit ihm zu diskutieren, kamen aber gegen sein Totschlagargument „Das ist mein Sohn, ich mache mit ihm, was ich will“ nicht an.

 

„Ja Adam, du solltest nach Europa reisen, die Frauen da sind alle Schlampen!“

Zurück im Auto auf dem Weg zur Abschlussfeier. Adams Mutter, der das alles sehr leidtut, fragt uns vom Beifahrersitz aus, wie es denn mit uns weitergehen werde, wenn ich in ein paar Tagen zurück nach Deutschland fliege. Adam sagt, dass er mich so bald wie möglich besuchen wolle, woraufhin sein Vater antwortet: „Ja Adam, du solltest nach Europa reisen, die Frauen da sind alle Schlampen!“

Diese Aussage war in ihrer Absolutheit natürlich völlig unerträglich. Gleichzeitig schaffte sie es, mich doppelt zu beleidigen: Sowohl als schlampige Europäerin, gleichzeitig als Adams Freundin, dem er in meiner Anwesenheit dazu riet, sich in Europa durchzubumsen. Ich war zu sehr damit beschäftigt, nicht in Tränen auszubrechen, um etwas zu sagen. Für mich fasste ich aber den Entschluss, dass ich niemals wieder etwas mit diesem Mann zu tun haben will. Ich habe Adam danach nur noch einmal am Flughafen gesehen, als wir uns verabschiedeten. Seinen Vater habe ich nie wiedergesehen.

 

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