Horror-Schwiegereltern: Die Überfürsorgliche

Das Blöde an der Liebe: Den Partner sucht man sich selbst aus, die Schwiegereltern nicht. In unserer neuen Serie, die wir heute starten, erzählen wir davon.

Illustration: Julia Schubert

Alter zum Zeitpunkt der Beziehung: Er war 20, ich 26 

Beziehungssituation: Erst wenige Monate zusammen

Horror-Stufe: 6 von 10

Die Mutter meines Exfreunds war sehr fürsorglich. Ich bekam immer etwas zu essen angeboten, wenn ich zu Besuch war, und ich war ziemlich oft zu Besuch. Schließlich wohnte mein Ex-Freund noch bei seinen Eltern. Mindestens so viel wie sie mir Essen auf meinen Teller häufte, tischte sie mir Kommentare auf – vor allem zu meinem Körper und meiner Gesundheit.

Ich habe eine chronische Krankheit und die Zeit, die ich schon darauf verwendet habe, Ärzte abzuklappern und unterschiedliche Heilmethoden auszuprobieren, hätte locker gereicht um Konzertpianistin zu werden. Dennoch glaubte meine Schwiegermutter stets genau zu wissen, welche Tabletten die richtigen für mich seien. Wie gesagt: sehr fürsorglich. Doch nach jahrelanger, nervenzehrender Suche nach Heilung im Expertenton gesagt zu bekommen, ich solle doch mal einen Kräutertee trinken, war einfach nur frustrierend. Die beiden Schwestern meines Freundes, damals 18 und 27, die auch zuhause wohnten, glaubten ebenfalls, das medizinische Staatsexamen mit der Muttermilch aufgesogen zu haben. So wurde meine Gesundheit zum beliebten Gesprächsthema für die ganze Familie. Spoiler: Gesünder bin ich davon nicht geworden.

Damit verknüpft: Ernährung. Ich bin meiner damaligen Schwiegermutter sehr dankbar, dass stets reichlich Essen vorhanden war. Der Preis dafür war allerdings, mir ständig anhören zu müssen, dieses oder jenes Lebensmittel sei schlecht für meine Gesundheit. Außerdem kommentierte sie stets, wie viel ich aß. Entweder: „Ah, du bist wohl auf Diät!“ Oder: „Na, du hast aber Appetit, da wirst du endlich mal ein bisschen zulegen“. Der Tatsache, dass ich Vegetarierin bin, wurde ebenfalls täglich eine Bemerkung gewidmet. Entweder: „Ist ja klar, dass du so dünn bist, wenn du kein Fleisch isst.“ Oder: „Ist ja klar, dass du nicht gesund wirst, wenn du kein Fleisch isst.“

Meine Schwiegermutter hatte nicht nur ihre Augen stets auf meinem Teller und auf meinen Hüften, sie hatte auch ihre Ohren überall

Womit wir beim Lieblingsfamiliengesprächsthema Nr. 2 wären: meiner Figur. Mutter und Schwestern hatten fast bei jedem meiner Besuche eine Meinung dazu, ob ich gerade zu- oder abgenommen hätte. Damals nahm ich aufgrund meines schlechten Gesundheitszustandes tatsächlich stark ab. Seit es mir gesundheitlich etwas besser geht und ich wieder zu meinem Normalgewicht zurück gefunden habe, muss ich mir – bis heute! – jedes Mal, wenn ich die Familie treffe, anhören, wie sehr ich zugenommen hätte. Ich bin sehr dankbar dafür, ein halbwegs robustes Verhältnis zu meinem Körper zu haben, aber derartige Dauerkommentare hätten es fast geschafft, daran zu rütteln.

Meine Schwiegermutter hatte nicht nur ihre Augen stets auf meinem Teller und auf meinen Hüften, sie hatte auch ihre Ohren überall. Das Haus, in dem die Familie wohnte, war sehr klein und hellhörig. Das Zimmer meines Freundes war nur durch einen Vorhang von dem Zimmer getrennt, dass seine beiden Schwestern sich teilten. An dieses Zimmer wiederum grenzte das Elternschlafzimmer, nur durch eine dünne Holzwand getrennt. Alle gingen sehr früh ins Bett. Ich erinnere mich, wie ich eines abends zu meinem Freund ins Zimmer schlich um niemanden aufzuwecken und mich, komplett angezogen wie ich war, vorsichtig auf die Bettkante setzte. Die Sprungfedermatratze quietschte. Die Schwestern im Nachbarzimmer fingen an zu kichern. Dann wachte die Mutter auf und rief zweideutige Kommentare durch die Holzwand. Das alles war mir wahnsinnig unangenehm und gleichzeitig ärgerte ich mich, dass wir noch nicht einmal Sex gehabt hatten, dann hätte sich der Aufruhr wenigstens gelohnt. Bei meiner Schwiegermutter im Haus habe ich gelernt, dass Privatssphäre nicht nur von der Dicke der Wände abhängt, sondern vor allem davon, wie sehr man sich dafür interessiert, was dahinter passiert.

Lange nachdem mein Freund und ich uns getrennt hatten, erzählte mir eine gemeinsame Freundin, sie hätte die Familie von meinem Exfreund besucht. Sie hätten sich erkundigt, ob ich einen neuen Freund hätte und meine Freundin hatte wahrheitsgetreu geantwortet, ich sei inzwischen mit einer Frau zusammen. Die eine Schwester war völlig außer sich, die andere schwieg erstmal eine halbe Stunde. Die Mutter soll über mich gesagt haben: „Na, die Schweinerein werden ihr schon vergehen. Sag ihr, wir lieben sie trotzdem“.

Die Autorin dieses Textes hat darum gebeten, anonym zu bleiben. Ihr Name ist der Redaktion bekannt.

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