„Ein Putzplan hat viel mit latenten Konflikten zu tun“

Sagt Felix Bathon, der seine Bachelorarbeit über WG-Putzpläne geschrieben hat.
Von Nadja Schlüter

Der Putzplan: kleines Kunstwerk und soziologisch hochinteressant!

Foto: Felix Bathon

Felix Bathon, 26, hat seine Bachelorarbeit in Soziologie über WG-Putzpläne geschrieben, der Titel lautete „Die Wohngemeinschaft als System: Unruhe durch Putzpläne“. Jetzt ist die Arbeit in einer gekürzten und geänderten Fassung als E-Book bei Hanser erschienen. Für seine Arbeit hat Felix unter anderem eine Umfrage unter 250 WGs gemacht und 27 verschiedene Putzpläne analysiert.

jetzt: Felix, wohnst du selbst in einer WG?

Felix Bathon: Ich wohne in WGs, seit ich 17 bin.

Mit Putzplan?

Ich hatte nie einen. Aber vor ein paar Monaten, nach meiner Bachelorarbeit, bin ich nach Bielefeld gezogen – und da gab es prompt den ersten Putzplan meiner WG-Karriere. In den vorigen WGs wurde das manchmal diskutiert, aber dann hat anscheinend die Diskussion darüber das Problem schon gelöst.

Du hast für deine Arbeit 27 verschiedene Putzpläne analysiert. Wo hattest du die her?

Die habe ich von Teilnehmern meiner Umfrage zugesandt bekommen, aber ich habe auch ein paar Pläne im Internet angeschaut. Auf WG-Gesucht werden zum Beispiel welche zur Verfügung gestellt, die man ausfüllen kann.

Und welcher war am tollsten?

Der Putzplan, der mir mit der Anmerkung „Hier unser Nazi-Putzplan“ eingereicht wurde. Bei dem kann man Bewertungen in Form von bunten Pins abgeben, und dazu gibt es noch eine vierseitige Liste, was genau und wie es zu putzen ist. Der ursprüngliche Putzplan hat nicht funktioniert und anstatt ihn wieder abzuschaffen, wurden neue Regeln eingeführt: Wie das Klo zu putzen ist. Welches Reinigungsmittel verwendet werden muss. Dass man den Schwamm unter dem Waschbecken und nicht den im Korb für die Toilette verwenden muss. Und so weiter. Da ist die Ordnung gewachsen und es ist soziologisch gesehen total spannend, dass sich junge Menschen zu so was hinreißen lassen.

Diesen Plan, eingereicht mit den Worten "Hier unser Nazi-Putzplan", fand Felix am faszinierendsten. Die Pläne auf den folgenden Bildern hat er ebenfalls in seiner Bachelor-Arbeit verwendet.

Foto: Felix Bathon
Foto: Felix Bathon
Foto: Felix Bathon
Foto: Felix Bathon
Foto: Felix Bathon
Foto: Felix Bathon
Foto: Felix Bathon
Foto: Felix Bathon
Foto: Felix Bathon
Foto: Felix Bathon

Hast du dir auch WG-Putzplan-Apps angeschaut?

Ja, und die arbeiten oft mit etwas, das in den nichtdigitalen Pläne nicht auftaucht: mit einem Punktevergabe-System. Müll rausbringen gibt zum Beispiel 25 Punkte und Abwasch machen zehn. Am Ende des Monats wird ausgewertet und dann können Sanktionen greifen. Dann musst du im nächsten Monat zum Beispiel mehr machen, um das wieder auszugleichen. Das ist also so eine Art Gamification, um es wahrscheinlicher zu machen, dass man putzt. Allerdings hat in der kompletten Umfrage niemand gesagt, dass er so eine App verwendet … 

 

Warum werden Putzpläne eigentlich eingeführt? Einfach nur, weil’s zu dreckig ist?

Meine These ist, dass ein Putzplan viel mit latenten Konflikten zu tun hat. Es funktioniert also sowieso schon etwas nicht mehr in der WG, es fehlt an Absprachen, an Verständnis für den anderen und dessen Lebensweise. Und dann werden die Unterschiede im Sauberkeitsempfinden eben als Referenz-Kriterium herangezogen.

 

"Man muss den Plan erfüllen und damit zeigen, dass man an der Gemeinschaft interessiert ist"

 

Wieso ausgerechnet das Sauberkeitsempfinden?

Wenn ich sage „Hey, mir ist es hier zu dreckig!“, kann jeder auf den Boden schauen und sehen, ob es dreckig ist oder nicht. Da ist es einfacher, einen Konsens zu finden, als wenn man sagen würde: „Mir passt es nicht, wie du rein- und rausgehst und wie du mich anguckst, und du rauchst immer in der Küche, wir hatten mal ausgemacht, dass wir das nicht machen.“ So ein Plan wird dann als etwas Positives empfunden, weil er nicht mehr auf diese Details verweist. Die Unverbindlichkeit der generellen Lebensentwürfe wird durch ihn einfach ausgeschaltet.

 

Meistens fordert erst mal einer einen Plan und dann wird die Idee diskutiert, oder?

Ja, diese Person ist überhaupt das Spannendste an der ganzen Sache! Es ist halt meistens jemand, dem es nicht passt, wie es läuft, und der Plan wird dazu genutzt, diese Wahrnehmung auf alle zu übertragen. Das funktioniert, weil auch jemand, der eigentlich gegen einen Putzplan ist, seine Kooperationsbereitschaft zeigen muss, damit die WG weiter funktioniert.

 

Was ist, wenn man neu in eine WG zieht, in der es schon einen Putzplan gibt? Da gibt es ja dann keine „Vorbelastung“, aus der heraus der Putzplan entsteht.

In dem Fall ist er eine Bedingung, ob man einziehen darf oder nicht. Es kann sein, dass wir uns zwar gut verstehen, aber ich lehne den Putzplan ab – und deswegen ziehe ich nicht ein. Oder ich ziehe wieder aus. Ich habe in meiner Arbeit auch generell über die Geschichte der Wohngemeinschaft geschrieben, deren Grundidee ja eine freie Interaktion ist, keine Ordnungszwänge, die an was Bürgerliches erinnern und so weiter. Und wenn da ein Putzplan aufkommt und der virulent ist, dann geht es nicht mehr darum, dass man in allen Formen seiner Person einfach da sein darf, sondern man muss einen Plan erfüllen und damit zeigen, dass man an der Gemeinschaft interessiert ist.

 

Du schreibst auch, dass der Putzplan in der WG selbst zum „Akteur“ wird. Kannst du das noch mal erklären?

Dem liegt die Akteur-Netzwerk-Theorie zugrunde, die unter anderem von Bruno Latour und Michel Callon entwickelt wurde. Dabei geht es darum, Gegenstände des alltäglichen Lebens als Akteure relevant zu machen und sich zu fragen: Welche Handlungsaufforderungen legen bestimmte Gegenstände offen?

 

"Einer wird zum Sekretär, der darauf achtet, dass der Plan eingehalten wird"

 

Das musst du genauer eklären.

Zum Beispiel Türen: Es gibt welche, die groß genug sind, dass man gemeinsam durchgehen kann. Bei anderen, die dafür zu klein sind, stellt sich die Frage, wer zuerst durchgeht. Und da schließen sich Sozialisationsleistungen an wie „dem Älteren wird die Tür aufgehalten“ oder „der Frau wird die Tür aufgehalten“. Das, was uns umgibt, hat also einen Akteurseinfluss auf das, was wir tun. Und auch der Putzplan führt dazu, dass wir uns anders zueinander verhalten. Es unterbricht zum Beispiel die Kommunikation, es wird ja nicht mehr darüber kommuniziert, ob geputzt werden musst. Und man gerät durch ihn schnell in eine autoritäre Assimilierung.

 

Wie meinst du das?

Meist wird einer zum Sekretär, der darauf achtet, dass der Plan eingehalten wird, der also sagt „Du hast nicht geputzt, guck, da ist kein Kreuzchen“ – und das, obwohl man in einer WG ja eigentlich eher einen egalitären Status haben sollte. Der Putzplan verändert das durch die spezielle Sprache, die er spricht.

 

Aber sorgt er nicht dafür, dass alle gleich viel machen?

Er stellt Gleichheit über Arbeitsteilung her. Aber dann werden plötzlich Anschlussfragen relevant, zum Beispiel „Wie wurde geputzt?“ Die würden sich glaube ich ohne den Plan nicht unbedingt stellen.

 

Zu welchem Ergebnis kommt deine Arbeit: Ist ein Putzplan etwas Negatives oder etwas Positives?

Ich persönlich stehe Putzplänen eher skeptisch gegenüber. Aber in der Umfrage, ob der Plan die Atmosphäre der WG positiv, negativ oder gar nicht verändert, war die Tendenz eher positiv.

 

Und was ist das wissenschaftliche Ergebnis?

Meine grundlegende, wissenschaftliche Annahme dazu beruht auf einem Theorem von Niklas Luhmann, dass jede Komplexitäts-Reduktion gleichzeitig zu einer Komplexitäts-Steigerung führt. Wir müssen durch den Plan zwar erst mal nicht mehr über das Putzen reden und die Verantwortlichkeiten sind klar verteilt – aber es werden neue Anschlüsse relevant gemacht, es kommt zu neuen Problematiken. Es entsteht also Unruhe durch den Putzplan, der eigentlich für Ordnung sorgen soll. Und ein zentrales Ergebnis ist eben, dass sich Mitgliedschaftsfragen ändern können, wenn der Plan extrem virulent wird – man muss den Plan erfüllen, um Teil der Wohngemeinschaft zu sein.

 

Könntest du jetzt eigentlich den perfekten Putzplan erstellen?

Ich habe schon mal überlegt, ob ich das machen soll, mit dem Wissen, das ich jetzt habe – und ich komme von dem Thema leider eh nicht mehr weg, irgendwann ist man einfach der Putzplan-Soziologe (lacht). Ich glaube jedenfalls, dass ich den Plan extrem sanktionär und herrschaftstypisch schreiben und malen und basteln würde!

Noch mehr Krieg und Frieden in der WG:

  • teilen
  • schließen