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David Lama auf dem Gipgel des Lunag Ri, Nepal, am 25. Oktober 2018 

David Lama/Red Bull Content Pool

Seit Gründonnerstag gilt der Profibergsteiger David Lama, 28, in Kanada als vermisst. Er war gemeinsam mit Hansjörg Auer und Jess Roskelley im Banff National Park unterwegs. Experten gehen davon aus, dass die drei Männer von einer Lawine verschüttet wurden, die Überlebenschancen wären in diesem Fall äußerst gering. 

David Lama gilt als Ausnahmetalent unter den Sportkletterern. Mit fünf Jahren begann die Kletterkarriere des Innsbruckers, mit 19 war er bereits mehrfacher Welt- und Europameister. Einer der größten Erfolge in seinem Leben war im Jahr 2012 die freie Begehung des Cerro Torre, einem über 3000 Meter hohen Granitberg an der argentinisch-chilenischen Grenze – da war er gerade mal 21 Jahre alt. Über diese Tour erschien 2014 der Dokumentarfilm „Cerro Torre - Nicht der Hauch einer Chance", im Vorfeld der Filmpremiere hatten wir David Lama interviewt. 

jetzt: Was war das Außergewöhnliche an deiner Expedition auf den Cerro Torre, über die jetzt eine Dokumentation ins Kino kommt?

David Lama: Der Cerro Torre ist zum einen ein einzigartiger Berg, von der Form, der Schönheit her, von den Schwierigkeiten. Ein 1500 Meter hoher Granitpfeiler, der aus dem Gletscher herausragt. Zum anderen war es bei mir immer der Freikletter-Gedanke, der im Vordergrund stand. Ich wollte nicht irgendwie auf den Berg kommen, sondern immer in einem besonderen Stil, eben im Freikletterstil. Die Leute vor und auch nach mir sind alle in technischer Kletterei raufgestiegen, haben also Bohrhaken, Seile, Leitern und so weiter zum Klettern benutzt. Mein Projekt war, nur die natürlichen Strukturen des Fels zu benutzen und das Seil nur als Sturzsicherung zu verwenden, nicht als Kletterhilfe. Und damit die wahren Schwierigkeiten des Bergs anzunehmen.  

Es gibt im Film eine Szene, da kletterst du mitten in einer riesigen Wand und erreichst dann eine große, von der Wand abstehende Felsplatte. Und dann klopfst erst mal drauf, ob sie auch fest ist. Das ist doch Wahnsinn, wenn die bricht, da hält dich doch nichts mehr!

Die Schuppe war riesig, einige Meter groß, einige Zentimeter dick. Wenn die heraus gefallen wäre, dann wäre ich sicher abgegangen. Entweder hätte die Schuppe mich erschlagen, oder sie hätte mir die Seile abgeschlagen. Für mich war klar: Okay, die muss jetzt halten! Ich habe das natürlich genau angeschaut: Ist die Schuppe angeeist, ist sie an den Fels hingefroren? Wie fühlt sie sich an? wackelt sie? Ich habe das Risiko abgewogen und war mir der Konsequenzen bewusst. Da oben auf dem Gipfel zu stehen, war mir das Risiko wert. Dann bin ich drauf gestiegen. Und sie hat eh gehalten.

Glück gehabt...

Ich mag den Ausdruck „Glück gehabt” nicht. Ich sage lieber: Du hast kein Pech gehabt. Weil sonst ist man vom Glück abhängig, und das ist nicht gut. Es ist ein Unterschied zwischen „Glück haben“ und „kein Pech haben“. Wenn man auf das Glück vertraut, dann heißt das, man schafft es nur, wenn man Glück hat. Wenn man aber drauf vertraut, kein Pech zu haben, dann sagt man: Unter normalen Umständen schaff ich’s. Nur wenn was passiert, dann habe ich halt Pech gehabt.

Beim Klettern nimmt man ja oft nur die paar Quadratmeter um sich herum wahr. Was geht in dir vor, wenn du die Tour jetzt im Film noch mal aus einer anderen Perspektive siehst?

Ich kann mich noch auf die Gipfelaufnahmen von 2011 erinnern. Damals habe ich es im Freikletterstil nicht geschafft, wir sind aber mit technischen Hilfsmitteln bis zum Gipfel geklettert. Es war abends um zehn, als wir dann oben standen, im goldenen Licht, die Sonne ist schon hinter dem Inlandeis untergegangen. Das kriegst du in dem Moment nur am Rande mit. Das sind so viele Eindrücke, und du bist so mit dem Klettern beschäftigt und überlegst: Wie komm ich runter? Wo gibt’s das nächste Mal einen Bissen von meinem Müsliriegel? Die Umgebung nimmst du erst auf Video richtig wahr.  

Cerro Torre - A Snowball's Chance in Hell (Official Movie Trailer)

Du bist zwei Mal am Cerro Torre gescheitert, hast den Gipfel erst im dritten Anlauf im Freikletterstil erreicht. Was haben diese drei Jahre mit dir gemacht?

Auch wenn ich mir das damals nicht eingestanden habe: Im ersten Jahr war mir das Projekt mindestens zwei, drei Schuhnummern zu groß. Damals bin ich noch als Wettkampfkletterer gekommen und war noch nicht der Alpinist, der ich jetzt bin und der ich für den Cerro Torre auch sein musste.  

Was genau hat dir gefehlt? Rein klettertechnisch warst du ja vorher schon top.

Es war zum einen die alpinistische Erfahrung, die mir gefehlt hat. Um die Wetterverhältnisse abzuschätzen, um die Vereisung abzuschätzen, solche Sachen. Um wirklich zu spüren, was der Berg macht. Diese Seite war relativ leicht zu erlernen. Da habe ich einfach alpine Klettermeter sammeln müssen. Wesentlich anspruchsvoller war für mich, die alpinistische Sichtweise zu verstehen. Im Sport- und Wettkampfklettern gibt es ein ganz klares Regelwerk. Im Alpinismus zählt nur deine eigene Haltung gegenüber dem Berg und gegenüber dir selbst. Ich habe mir so ein paar Grundsätze hergerichtet, nach denen ich jetzt auch im täglichen Leben oft handle. So wie das Unmögliche immer herauszufordern.  

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David Lama während seiner Besteigung des Cerro Torre 2012

Foto: privat

Wolltest du deshalb als Sportkletterer so ein schweres alpines Projekt angehen?

Der Wettkampf hat für mich irgendwie an Reiz verloren, und gleichzeitig hat mich das Alpine immer mehr gereizt. Es war nicht so, dass ich als Grünschnabel dahin gefahren bin. Aber ich hatte sicher noch zu wenig Erfahrung, um mich an dem Berg zu versuchen, von dem Top-Alpinisten sagen, er ist unmöglich. Das war damals einfach frech. Andererseits braucht’s diese Frechheit, um etwas Unmögliches zu schaffen.  

Gibt es bei so einer Tour Momente, wo du richtig mit der Angst zu kämpfen kriegst?

Während der Tour sicher nicht, nein. Man sollte sich der Gefahren bewusst sein, bevor man in die Wand einsteigt. Angst ist ein wichtiger Teil, um sich vorzubereiten. Wenn irgendwo immer wieder Eislawinen runtergekommen, dann sollte ich da nicht unbedingt jausen. Ich kann mir ausrechnen, dass ich zehn Minuten brauche, um da schnell durchzukommen. Und mich dann fragen: Ist das Erlebnis, das auf der anderen Seite wartet, es wert, dieses Risiko einzugehen? Wenn man die Frage mit einem klaren Ja beantworten kann, dann ist es absolut legitim, da durchzugehen. So gehe ich mit dem Thema Risiko um.  

Das klingt sehr rational. Angst ist ja ein Gefühl, das man nicht unbedingt steuern kann.

Wir denken bei unseren Touren schon sehr rational, und ich glaube, das ist auch wichtig, um heil runterzukommen. Wenn man klettert, schaut man ja immer voraus zum nächsten Griff. Und ich schau nicht zum nächsten Griff, sondern ich schau mir die nächsten fünf oder zehn Meter an. Dann weiß ich: Da unten ist die nächste Sicherung und die nächsten Meter schauen leicht aus oder eben schwer. Es gibt natürlich immer wieder Momente, in denen etwas Unvorhersehbares passiert, wenn zum Beispiel ein Griff ausbricht. Aber da bring es einem auch nichts, wenn man Angst hat.