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Lukas, 29, hat im März 2018 eine Lawine überlebt.

Foto: Silvan Metz

Immer mehr Menschen verlassen bei Ski- und Snowboardfahren die Piste und setzen sich und andere dadurch der Gefahr von Lawinen aus. Lukas Amm, 29 Jahre alt und Leiter einer Jugendinitiative des Deutschen Alpenvereins, die junge Menschen für das Risiko abseits der Piste sensibilisieren soll, hat im März 2018 selbst eine Lawine überlebt.

jetzt: Was war das für ein Tag, an dem sich die Lawine gelöst hat?

Lukas Amm: Wir waren damals zu viert mit den Skiern in Sillian in Tirol unterwegs, im März 2018. Es war sonnig und bereits der zweite Tag für uns in diesem Gebiet. Wir hatten also schon ein Gespür für die Schneeverhältnisse. Die Gefahrenskala für Lawinen lag an diesem Tag bei der Stufe drei (Anm. d. Redaktion: Stufe fünf ist die gefährlichste Stufe). Es gibt immer ein Restrisiko, aber natürlich ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine Lawine abgeht, bei Stufe eins nicht so hoch wie bei Stufe drei. Wir hatten für den Fall der Fälle „Safe Spots“ vereinbart, das heißt man fährt nacheinander den Berg runter und wartet dann aufeinander hinter einer Felsnase oder auf einer Anhöhe. Die Abfahrt meiner Freunde hat vielleicht drei Minuten gedauert. Ich bin dann als letzter hinterher und genau in die Stelle im Hang gefahren, in die die anderen auch gefahren sind. Die Stelle war ein wenig durch Felsen verengt, aber es war ansonsten nicht besonders gefährlich.

„An so etwas wie Halt unter den Füßen ist trotzdem nicht zu denken, da hast du keine Chance“

Und dann?

Als ich dann ein paar Schwünge gefahren war, hat sich auf einmal alles um mich rum bewegt. Es ist nicht so, dass sich dann unter einem ein Schneebrett löst, wie es oft beschrieben wird, sondern eher so, dass um dich herum ganze Schollen abbrechen. Und du fließt nur noch mit dieser Schneemasse nach unten. Das war eine Sache von Sekunden. Du kannst dich nur noch schnell umschauen und siehst – hundert Meter links von dir rutscht der Schnee, hundert Meter rechts von dir rutscht der Schnee, und auf einmal ist überall Schnee, es wird dunkel um dich rum und du wirst mitgerissen und weißt nicht mehr, wo oben und unten ist.

Konntest du überhaupt noch reagieren?

Klar hat man dann Schiss, was passiert, wenn man nicht mehr rauskommt. Aber ich hatte Glück, dass ich mich vorher durch meine Arbeit schon viel mit dem Thema beschäftigt hatte. Ich war nicht auf einmal total blank oder so. Ich habe eher automatisch auf das Wissen zurückgegriffen, das ich hatte. Es ist lebenswichtig, zu versuchen, sich an der Oberfläche zu halten. An so etwas wie Halt unter den Füßen ist trotzdem nicht zu denken, da hast du keine Chance. Ein bisschen kann man es vielleicht vergleichen mit einem reißenden Fluss oder einer Welle, die einen unter Wasser drückt.

Ich habe dann meinen Lawinenairbag aktiviert, den ich auf dem Rücken trug. Der kann einem helfen, bei einer Lawine oben zu bleiben. Aber der Schnee hat eine solche Kraft, dass du nur noch mitschwimmst. Da hat man keine Kontrolle mehr.

Wann hast du gemerkt, dass es vorbei ist?

Ich hatte Riesenglück. Viele Menschen, die in eine Lawine geraten, verletzen sich an den Felskanten oder werden gegen Bäume gespült. Bei mir hat sich ein Ski gelöst, den anderen hatte ich noch. Ich habe dann irgendwann wieder den Kopf an der Oberfläche gehabt und gedacht, puh, jetzt ist es vorbei. Aber dann habe ich zurückgeschaut und nur kurz gesehen, wie sich da nochmal Schneemassen lösen und auf mich zukommen. Und sofort war ich wieder weg.  Irgendwann habe ich gemerkt, dass der Schnee langsamer wird und die Wucht nachlässt. Ich wurde einfach angespült und steckte dann am Ende tatsächlich nur noch bis zu den Knien im Schnee.

Wie lange hat das Ganze gedauert?

Insgesamt nur vielleicht eine halbe Minute, aber mir kam es viel länger vor. Ewig. Die anderen waren innerhalb von ein paar Minuten bei mir. Wir waren alle ziemlich geschockt, groß geredet haben wir nichts. Und wir waren ja noch ziemlich weit oben am Berg, ich musste dann auf einem Ski runter ins Tal fahren. Das hat bestimmt nochmal eine halbe Stunde gedauert. Aber ich habe dann einfach noch funktioniert, ich hatte das noch gar nicht ganz begriffen, man muss ja irgendwie runter. Erst im Auto auf der Heimfahrt ist mir bewusst geworden, was da passiert ist.

Hat sich für dich beim Skifahren was verändert?

Es gibt nie eine hundertprozentige Sicherheit beim Freeriden. Ein Restrisiko ist immer da. Wenn dir sowas passiert, dann fragst du dich schon „Warum habe ich dafür entschieden, genau dort zu fahren?“ Mittlerweile habe ich das aber so verarbeitet: Es war dieses restliche Risiko, das mich erwischt hat. Wir sind nicht unvorbereitet irgendwo „reingeballert“, so war das nicht. Als ich diese Saison das erste Mal wieder Skigefahren bin, musste ich mich schon wieder ein bisschen mit dem Gefühl auf dem Berg vertraut machen. Das ist natürlich am Anfang vom Winter normal, aber nach dem Erlebnis mit der Lawine war das schon etwas anders.

Was rätst du anderen Freeridern?

Tiefschnee fahren ist eine coole Sache, es macht riesigen Spaß. Aber man kann eben, wie in vielen Videos suggeriert wird, nicht einfach nur drauf losrasen. Die Videos zeigen alle nur die halbe Wahrheit. Ich bin schon vor diesem Erlebnis drei Jahre als Trainer in der Initiative „Check your Risk“ der Jugend des deutschen Alpenvereins gewesen. Wir versuchen, das Thema Freeriden an Schüler und Schülerinnen heranzutragen und ihnen die Gefahren, die lauern, offen zu legen und sie dafür zu sensibilisieren. Ich habe aber das Gefühl, dass die Jungen da sehr offen sind und sich durch unsere Arbeit ein Bewusstsein dafür entwickelt. Das ist sehr wichtig.