bildschirmfoto 2017 02 28 um 11 00 21
Screenshot: #freedeniz

Deniz Yücel mag Autokorsos. Anlässlich der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 schrieb Yücel in der Jungle World: "Der Türke fährt für sein Leben gern hupend, jauchzend und fahnenschwenkend durch die Stadt. Kein Anlass ist ihm zu gering. Canan heiratet? Haydi, lasst uns einen Korso fahren! Çetin wird beschnitten? Haydi Korso! Papa kommt von der Arbeit? Mama hat Bohneneintopf gekocht? Zeki hat eine Eins in Mathe? Tröööt!"

Jetzt sitzt der deutsch-türkische Journalist in der Türkei in Untersuchungshaft. Ihm wird "Propaganda für eine terroristische Vereinigung und Aufwiegelung der Bevölkerung" vorgeworfen. Wie lange er in Haft bleiben muss, weiß man nicht. Seine Freunde, Kollegen und Bekannten haben sich in der Initiative #freedeniz zusammengeschlossen, die heute deutschlandweit für Yücels Freilassung demonstriert. Mit Autokorsos. Wir haben Mitorganisator Ivo Bozic angerufen, der auch Mitherausgeber der Jungle World ist und ihn nach Yücel und der Sache mit dem Autokorso gefragt.  

jetzt: Also, warum Autokorso?

Ivo Bozic: Weil wir wissen, dass das eine Aktionsform ist, die Deniz gefallen würde. Er hat selbst häufiger erwähnt, wie geil er Autokorsos findet. Und Türken veranstalten ja bei jeder noch so kleinen Gelegenheit Korsos. Wir wollen damit nun ein Zeichen setzen bei einer wirklichen relevanten Angelegenheit. Aber wir wissen, dass das jetzt kein Spaß mehr ist, dass ihm wirklich bis zu fünf Jahre Untersuchungshaft drohen. Wir nehmen unsere Korsos also sehr ernst.

Worum geht es euch konkret?

Generell natürlich um die Pressefreiheit in der Türkei, die es ja praktisch nicht mehr gibt. Wenn die Angst regiert, hat die Freiheit verloren. Speziell setzen wir uns für die Freilassung von Deniz und der anderen, insgesamt 153 inhaftierten Journalisten ein. Wir hoffen, dass unsere Autokorsos in bislang zwölf bestätigten Städten dazu beitragen, Druck auf die deutsche Regierung auszuüben, damit diese endlich angemessen reagiert.

Die Bundesregierung hat sich schon für die Freilassung von Deniz Yücel starkgemacht. Deiner Meinung nach nicht genug?

Es gibt gegenseitige Abhängigkeiten zwischen Deutschland und der Türkei. Bei ihren Versuchen, eine diplomatische Lösung zu finden, haben die Deutschen bislang offenbar zu viel Rücksicht auf diese Abhängigkeiten genommen. Sie müssen den Druck auf Erdoğan erhöhen, sonst lässt dessen Regierung Deniz in den kommenden Jahren im Gefängnis verrotten.

Der einzige Kontakt von Deniz Yücel zur Außenwelt sind momentan seine Anwälte. Steht ihr mit denen im Austausch?

Ja, in sehr engem Kontakt. Zwei Freunde von uns waren auch in Istanbul bei Deniz' Anhörung am Gericht, wo seine Untersuchungshaft beschlossen wurde. Sie konnten zwar nicht mit Deniz sprechen, ihm aber immerhin winken.

Die Resonanz in den entsprechenden Facebook-Events hält sich noch in Grenzen. Was denkst du, wie viele Leute heute mit euch bei den Korsos fahren werden?

Wir hatten schon zwei Autokorsos in Berlin und in Flörsheim, wo Deniz herkommt. In Berlin waren 80 Autos dabei mit etwa 300 Menschen, im hessischen Flörsheim waren es 156 Autos. Natürlich hoffen wir, dass es nun mehr werden. Ich gehe aber stark davon aus, dass wir ordentliche Autokorsos zu sehen bekommen, die jeden normalen türkischen Hochzeitskorso übertreffen.

Wie sich die fehlende Pressefreiheit in der Türkei auswirkt: