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In der Türkei wurden mittlerweile 131 Medien unter Präsident Erdoğans Notstandsregelung geschlossen. Der Vorwurf: Sie würden das sogenannte Terrornetzwerk von Erdoğans Gegner Fethullah Gülen unterstützen. Auch die Lokalzeitung des 23-jährigen Journalisten Yusuf* in einer Stadt an der türkischen Ägäis war davon betroffen. Um ihn zu schützen, haben wir seinen Namen verändert. Außerdem war es ihm wichtig, das Interview schriftlich zu führen – um sich seine Antworten immer genau überlegen zu können. In der Türkei werden derzeit immer wieder Menschen wegen kritischer Aussagen verhaftet.

 jetzt: Wie hast du den vergangenen Mittwoch, an dem eure Zeitung geschlossen wurde, erlebt?

Yusuf: Ich war an dem Tag der Erste im Büro. Ich habe also aufgeschlossen, mir Frühstück gemacht und wollte gerade mit der Arbeit anfangen, als es an der Tür klingelte. Davor standen Mitarbeiter vom Finanzamt die sagten, ich müsse jetzt sofort das Büro abschließen und mit ihnen warten, bis die Polizei käme. Als diese dann eintraf, sind wir gemeinsam wieder reingegangen und die Beamten haben genaue Listen über unsere Materialien erstellt. Unsere Kameras, Computer, Stühle – alles wurde verzeichnet. In unsere Computer oder Dokumente haben sie aber nicht geschaut. Als sie fertig waren, haben sie uns noch gesagt, wir sollten unsere persönlichen Sachen mitnehmen und haben danach die Tür versiegelt. Es hat sich so angefühlt, als sei ich gerade rausgeschmissen worden.

Gab es denn Auseinandersetzungen mit der Polizei oder den Mitarbeitern vom Amt? Nein, die haben ja auch nur ihre Anweisungen befolgt. Argumentieren hätte nichts gebracht. Ich habe also einfach weiter gefrühstückt und eine geraucht. Später habe ich ihnen sogar noch Kaffee gekocht und ihnen beim Ausfüllen ihrer Excel-Tabellen geholfen.

Wie kannst du das so entspannt erzählen?

Weil wir denken, dass das alles ein Missverständnis sein muss. Als wir Dienstagabend erfahren haben, dass wir auf der Liste angeblicher Gülen-Unterstützer stehen, war das für uns wirklich ein Schock. Wir haben wirklich gar nichts mit ihm zu tun. Im Gegenteil. Wie die meisten Türken hassen wir Gülen. Dementsprechend werden sie da auch nichts finden. Und natürlich kennen wir die aktuellen Regeln. Das Vorgehen der Polizei hat uns also nicht überrascht. Unsere Anwälte sind bereits eingeschaltet und wenn die Polizei nichts findet, müssen sie uns ja wieder arbeiten lassen.

Spricht da nicht vor allem Hoffnung aus dir? Was man so liest, geht es Erdoğan ja nicht wirklich nur um Gülen, sondern auch darum, alle möglichen Kritiker loszuwerden …

… und unsere Zeitung ist nicht besonders Erdoğan-kritisch. Und explizit formuliert wird Kritik bei uns sowieso nicht, da sind wir sehr Mainstream.

Weil es eine Selbstzensur gibt?

Das ist jetzt ein sehr heikles Thema. Ich würde sagen: Schon. Es gab ja gerade erst den Putschversuch, den ich persönlich auch schlimm und falsch fand. Seitdem ist das Land im Ausnahmezustand. Leute werden verhaftet, nur, weil sie angeblich auf sozialen Medien den Präsidenten beleidigt haben. Das führt zu Spannungen, jeder passt genau auf, wie er Dinge formuliert. Bei uns in der Stadt gibt es jede Nacht sogenannte "Demokratiewachen", bei denen die Leute auf die Straße gehen und gegen den Putsch demonstrieren. Da war ich neulich als Reporter. Nach dieser Veranstaltung sah der Platz aus wie eine Müllhalde, überall lagen leere Flaschen und Essensreste. Ich habe darüber dann eine Geschichte gemacht, aber als sie fertig war, hatte ich Angst, sie zu publizieren. Weil ich dachte: "Was, wenn die Leute dann denken, ich bin für den Putsch?" Ich habe dann lange mit mir gerungen und sie am Ende doch veröffentlicht. Danach ist nichts weiter passiert. Aber solche Gedanken haben momentan sicher viele Journalisten.

Wie denkst du persönlich über Erdoğan und die AKP?

Zunächst einmal glaube ich, dass er schon recht hat, wenn er sagt, dass man alle, die am Putsch beteiligt waren, entlassen muss. Andererseits führt der Ausnahmezustand auch dazu, dass die Regierung und die Polizei immer stärker werden und somit auch die Möglichkeit haben, alle loszuwerden, die ihnen nicht passen. Linke, Atheisten, Demokraten, um nur ein paar Gruppen zu nennen. Das könnte noch eine richtige Hexenjagd geben. Und da kommen wir jetzt auch zu meiner Meinung: Ich persönlich würde mich als Atheisten und Sozialisten bezeichnet. Ich bin gegen jede Form von autoritärem Führungsstil. Und somit habe auch ich Angst, dass ich irgendwann aus deren Sicht auf der falschen Seite stehe und gejagt werde.

Eure Website läuft trotzdem noch weiter, ihr habt die Durchsuchung dort auch thematisiert. Wie arbeitet ihr derzeit?

Von zu Hause aus. Die meisten Inhalte beziehen wir derzeit über Agenturen, weil noch nicht ganz klar ist, ob unsere Reporter weiterarbeiten dürfen. Aber unsere Anwälte signalisieren, dass das wohl klargeht. Eigentlich sollte jetzt auch unser Monatsmagazin erscheinen, das wurde aber, soweit ich weiß, aus dem Verkehr gezogen. Ich gehe trotzdem davon aus, dass wir erst mal weiterbezahlt werden – mein Boss ist, was so was angeht, eigentlich sehr zuverlässig. 

Wie viel verdienst du denn?

Als Berufseinsteiger bekomme ich 1300 Türkische Lira im Monat – das müssten so 400 Euro sein? Dafür arbeite ich Vollzeit, zehn Stunden am Tag, sechs Tage die Woche. Ich lebe immer noch bei meinen Eltern, um mir den Job leisten zu können.

 

Wie haben eure Leser auf die Schließung reagiert?

Sehr unterstützend. Wir haben massenweise Mails bekommen, dass das doch nicht wahr sein könne. Sie glauben an unsere Unschuld. Das tut gut. Jetzt müssen wir einfach abwarten, was der nächste Sonnenaufgang bringt. 

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