Erdogan-Anhänger nach dem Putsch

Erdogan-Anhänger nach dem Putsch

Foto: Andreas Rosar/dpa

Das Militär hat es nicht geschafft die Kontrolle in der Türkei zu übernehmen. Langsam herrscht wieder Normalität in Istanbul und Ankara. Aber wer steckt eigentlich dahinter und wem hat der Putsch gegen Erdoğan wirklich geschadet? Christoph Neumann, Professor der Geschichte und Kultur der Türkei, erklärt die Folgen des gescheiterten Staatsstreichs.

 jetzt: Herr Neumann, kam der Putschversuch unerwartet?

Christopher Neumann: Damit hat keiner gerechnet. Seit die AKP regiert, hat sie erfolgreich ihren Einfluss auf das Militär erhöht. Die wesentlichen Kommandeure wurden mit Erdoğan-loyalen Leuten besetzt. Das hat zwar in den höchsten Rängen ganz gut geklappt. Aber in den mittelhohen Rängen hat es offenbar genug Opposition gegeben. Dass die auf eigene Faust handeln würden, hätte trotzdem keiner gedacht.

Die Türkei hat eine „Putsch-Historie“. War es einfach mal wieder an der Zeit?

Nein. Zum ersten Mal gab es Widerstand gegen den Putsch aus der Zivil-Bevölkerung. Und das zwar überwiegend, aber nicht nur von Anhängern Erdoğans. Die Leute sind dagegen auf die Straße gegangen. Zwar nicht zu Hunderttausenden, aber doch zu Tausenden. Das bedeutet schon was. Bei den vergangenen türkischen Staatsstreichen gab es keine Gegenwehr. 

Hilft der Putsch Erdoğan mehr, als dass er ihm schadet?

Momentan sieht es danach aus. Seit 2011 versucht Erdoğan seine Macht auszubauen. Der Putsch stärkt Erdoğan. Er wird zum Diktator. Es hat ihn bestätigt, weil es ihm gelungen ist, den Putsch abzuwenden. Das gibt ihm erneut eine Gelegenheit seine Macht zu stärken. Er kann jetzt immer darauf verweisen, dass es im Land Kräfte gibt, die die Ordnung bedrohen. Wahrscheinlich wird die Todesstrafe wieder eingeführt und der Landesverrat wird schärfer definiert werden.

Es gibt schon erste Mutmaßungen, dass der Putsch von der Regierung inszeniert wurde. Ist das der Regierung zuzutrauen?

Das sind Spekulationen. Ich hab das auf den Sozialen Netzwerken auch schon gesehen. Ich glaube nicht, dass die Regierung so etwas inszenieren kann. Wahrscheinlich wäre eher, dass die Regierung schon Wind davon bekommen hatte: Da könnte ein Putsch passieren. Der wird aber nicht zu schlimm. Wir können den für unsere Zwecke nutzen. Aber das ist Spekulation.

Die Zivil-Bevölkerung ist in Teilen gegen den Putsch auf die Straße gegangen. Aber war der Putsch vielleicht auch einfach dilettantisch?

Jein, es gab ein gewisses planvolles Vorgehen. Die wesentlichen Verkehrsknotenpunkte – Bosporus-Brücken und Flughäfen – wurden gesperrt. Der staatliche Sender wurde übernommen. Nur Erdoğan wurde nicht gefasst. Das wäre ein erhebliches Druckmittel gewesen, das ihnen mehr Rückhalt innerhalb der Armee gegeben hätte.

Hat dieses Ereignis Einfluss auf die internationale Rolle Erdoğans?

International hat sich nicht viel verändert. Er hat noch ein paar Oppositionelle weniger im Land. Und das stärkt ihn innenpolitisch auf jeden Fall und vielleicht auch außenpolitisch. Wobei er das gar nicht nötig hat. In den letzten paar Wochen gab es einen Wandel in der Wahrnehmung Erdoğans. Die Konflikte mit Israel und Russland sind beigelegt. Von der Regierung wird international versucht, die Niederschlagung des Putsches als Sieg für die Demokratie zu verkaufen. Und ihren Anführer als Verkörperung der Demokratie. Typischer Populismus. Das kann man zwischen Berlusconi und Putin einordnen.

Momentan wird gemutmaßt, wer hinter dem Putschversuch steckt. Erdoğan beschuldigt die Gülen-Bewegung. Die streiten das jedoch ab. Wer könnte für den Putsch verantwortlich sein?

Die Bewegung hat es in den letzten Jahren nicht mal geschafft eine Oppositions-Partei auf die Beine zu stellen. Dass sie im Hintergrund die Fäden gezogen hat, traue ich ihr nicht zu. Die Gülen-Bewegung ist allerdings sehr locker organisiert. Es können also durchaus Anhänger Gülens unter den Putschisten sein. Und dazu kommt noch etwas: Die Putsch-Bewegung nennt sich „Frieden im Land, Frieden in der Welt“. Das ist ein Slogan Kemal Atatürks. Dadurch hat sie sich als kemalistisch geoutet. Möglicherweise ist es eine Koalition von Kemalisten und Gülenisten und wer weiß, wem sonst noch.

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