"Bayern macht homo- und transphob motivierte Straftaten unsichtbar"

Sagt der Sprecher der Grünen Jugend München, der auf dem CSD verprügelt wurde.
Interview: Quentin Lichtblau
Foto: privat

Weil er ein Frauenkleid und High Heels trug, während er im vergangenen Sommer den Münchner Christopher Street Day (CSD) feierte, wurde er auf seinem Heimweg zusammengeschlagen. Marcel Rohrlack, 20, wurde so ungewollt zum Helden des CSD: Er machte seine Verletzungen öffentlich und erfuhr eine riesige Welle der Solidarität - aber auch viele Hasskommentare. Wir haben uns mit dem Sprecher der Grünen Jugend Münchchen über den Anstieg homo- und transphober Gewalttaten in Deutschland unterhalten.

jetzt: Marcel, laut den neuen Zahlen ist die Anzahl homo- und transphober Straftaten um 15,17 Prozent gestiegen. Hast du persönlich das Gefühl, dass die Bedrohungslage für LGBTQ-Menschen größer geworden ist? Oder wird sie nur endlich korrekt erfasst?

Marcel Rohrlack: Beides. Ich denke nicht, dass die Statistiken sehr ausschlaggebend sind, da bei der Erfassung dieser Taten nach wie vor Verbesserungsbedarf besteht. Aber dass die Dunkelziffer zumindest teilweise echten Zahlen gewichen ist, ist für mich eine gute Nachricht. Zu meiner eigenen Wahrnehmung: Wenn man mit Anti-Gewalt-Projekten oder einfach nur mit anderen Betroffenen spricht, zeigt sich schon, dass die Bedrohung zugenommen hat. Die Fälle werden nicht nur mehr, sondern auch krasser.

Wo muss nachgebessert werden, damit diese Straftaten korrekter erfasst werden können?

Was fehlt, ist eine Sensibilisierung der Polizeikräfte. Es gibt zwar den Verein Felspol (Verband lesbischer und schwuler Polizeibediensteter), die gute Arbeit machen. Ein solcher privater Verein kann aber nicht ausgleichen, dass das Thema in der Polizeiausbildung nicht stattfindet.

Werden homo- und transphob motivierte Straftaten weiterhin vorsätzlich unsichtbar gemacht, wie es dein Parteikollege Volker Beck 2015 behauptet hat?

Ich kann da nur für Bayern sprechen, hier werden sie aber definitiv unsichtbar gemacht. Und zwar dadurch, dass unter fadenscheinigen Argumenten seit Jahren Anträge im Landtag abgelehnt werden, die eine umfassende Erfassung dieser Taten und eine Umsetzung von Bundesrichtlinien fordern.

Warum diese Ablehnung?

Das liegt meiner Meinung nach am mangelndem Interesse und Ignoranz von politischer Seite.

Du sagst, dass homo- oder transsexuelle Menschen gefährdeter sind als noch vor ein paar Jahren, was die neuen Zahlen ja auch gewissermaßen bestätigen. Warum ist das so? LGBTQ-Themen sind ja wesentlich präsenter als früher, man könnte annehmen, dass die Toleranz zugenommen hat.

Wir beobachten, wie sich die Gesellschaft sich in zwei Richtungen entwickelt. Auf der einen Seite der Anteil der Menschen, der ständig toleranter wird, der Akzeptanz lebt, vor allem in den Großstädten. Auf der anderen Seite aber erleben wir einen Backflash: Homophobe Gruppen werden lauter, sie finden Gehör. Ein Beispiel ist die Gruppe „Demo für Alle“, eine homophobe Gruppe, die vom bayerischen Kultusminister Ludwig Spaenle persönlich in seinem Ministerium empfangen wurde. Solche Leute finden mit der AfD, aber auch der CSU, einen parlamentarischen Arm für ihre Forderungen.

Und das führt zu vermehrter Gewalt?

Ja, bisherige Erfolge im Kampf für Akzeptanz fangen dadurch plötzlich wieder an zu wackeln. Und das schafft natürlich ein Klima, in dem Homophobie auch im Alltag wieder offener und leider auch aggressiver ausgeübt wird.

Seit dem Wahlsieg von Donald Trump liest man oft, der übertriebene Einsatz für Minderheiten überfordere den armen, weißen Mann, der dann aus purer Verzweifelung Rechtspopulisten wählt. Was hältst du von dieser These?

Das halte ich für ein Strohmann-Argument. Da wird etwas auf den Kampf für Gleichstellung abgeladen, das da nicht hingehört. Die Forderung nach gleichen Lebenschancen für alle ist ja universell, sie schließt niemanden aus. Aber: Ich werde auch weiterhin homophobe Menschen als solche bezeichnen. Es wäre gefährlich, wenn wir das aus falscher Rücksicht vor den „Überforderten“ nicht mehr tun.

Muss man sich also nicht bemühen, diese „Überforderten“, sofern es sie denn gibt, wieder ins Boot  zu holen?

Die Mehrheit der Bevölkerung gehört einer Minderheit an. Die Forderung, den Kampf für Minderheiten aus dem Fokus zu nehmen und sich wieder den „wirklich wichtigen Themen“ zu widmen ist eine Forderung nach der Politik der 60er-Jahre, als Politik sich ausschließlich auf den weißen, heterosexuellen Mann bezog.

Du selbst wurdest nach dem Christopher-Street-Day 2015 von Unbekannten verprügelt. Hat dich das verändert?

Natürlich hat mich die Gewalterfahrung verändert. Aber mein Anspruch ist nach wie vor, mich von solchen Dingen nicht einschüchtern zu lassen.

Was ist mit den Tätern?

Die Ermittlungen waren erfolglos. 

Wer Marcel Rohrlack ist: