Das stets in Schwarz gekleidete Londoner Intim-Pop-Trio – bestehend aus Romy Madley Croft (27, Gesang/ Gitarre), Oliver Sim (27, Gesang, Bass) und Jamie „xx“ Smith (28, Keyboards/ Produktion) -  hat auf seinem dritten Album “I See You” musikalisch den Rollladen hochgezogen. Im Vergleich zu den gefeierten, minimalistisch-melancholischen Vorgängerplatten klingen die neuen, nach fünf Jahren Veröffentlichungspause eingespielten Lieder um einiges heller und näher an R&B und Pop. Doch die wahre Kraft der neuen Songs von The xx liegt auch weiterhin in ihrer Stille. Wir sprachen mit Oliver Sim in Berlin.

jetzt: Oliver, euer neues Album klingt, als hättet ihr genug gehabt von den ganz ruhigen Klängen?

Oliver Sim: Wir wollten, dass unser neues Album viel offener und freier klingt als die ersten beiden. Auf eine weitere Nabelschau, einen noch tieferen Blick nach innen, hatten wir einfach keine Lust. Ich glaube, wir sind in den vergangenen Jahren lockerer geworden, auch reifer und erwachsener. Das zeigt sich in den neuen Liedern. Sie sind nicht mehr so nackt.

Wie meinst du das?

Die Leute haben uns anfangs so sehr für unseren Minimalismus gefeiert, für die Kargheit und Ruhe in unserer Musik. In Wirklichkeit ist dieser Stil keine Absicht. Wir fanden ihn, als wir mit 16 The xx gründeten, unser Sound war damals die Folge unserer musikalischen Beschränktheit. Wir konnten einfach noch nicht mehr. Hätten wir dieses Konzept jetzt, nach sieben Jahren Erfahrung, noch weitergetrieben, wäre das unglaubwürdig geworden.

Eure Musik ist auch kommerziell sehr erfolgreich, ihr spielt in großen Hallen. Denkt man automatisch mehr über seine Musik nach, wenn man weiß, dass ein neugieriges Publikum darauf wartet?

Ja, und das war vor allem bei unserem zweiten Album „Coexist“ ein Problem. Das erste hatten wir völlig ohne Erwartungen und Zwänge zu Hause im Schlafzimmer aufgenommen, keiner von uns ist davon ausgegangen, dass sich andere Leute dafür interessieren würden. Aber dann kam dieser irre Erfolg, den wir bis heute nicht verstehen, und danach haben wir zu viel nachgedacht. Bei „Coexist“ hielten wir zu sehr an den Aspekten fest, von denen wir wussten, dass sie funktionieren.

Wie habt ihr euch für „I See You“ vom Druck freigemacht?

Indem wir Erlebnisse und Erfahrungen sammelten, jeder für sich. Romy und ich waren als Kinder schon befreundet, auch Jamie kennen wir seit gut zehn Jahren. So wichtig unser enges Verhältnis ist, so wichtig ist es auch, loszulassen und individuell Neues zu erleben. Also hat Jamie sein Soloalbum „In Colour“ gemacht, und Romy ging nach Los Angeles.

Um dort in sogenannten Songwriting Camps mitzuarbeiten. Das sind Veranstaltungen, bei denen Profi-Songschreiber die nächsten Hits für Leute wie Katy Perry oder Beyoncé komponieren. Wie kam Romy dort zurecht?

Sie wusste ja, worauf sie sich einlässt und war ganz froh, dass sie das nicht beruflich macht (lacht). Diese Art zu schreiben ist schon sehr mechanisch und effizient. Für Romy war es beängstigend, aber auch lehrreich. Ihr hat es gefallen, aber sie war auchfroh, als sie wieder zu uns zurückkam.

Du selbst bist unter die Models für „Dior Homme“ gegangen. Ein alter Traum von dir?

Ach, gar nicht. Ich bin kein Model und will auch keins werden. Ich bin Musiker. Allerdings war es schon schmeichelhaft und auch ein ziemlicher Spaß, das ausprobieren zu dürfen.

Wie hat euch eure Selbstfindungsphase verändert?

Wir sind forscher und extrovertierter geworden. Musikalisch und als Menschen mutiger.

Verbringt ihr auch Zeit miteinander, wenn ihr nicht als The xx arbeitet?

Und ob! Das machen wir oft. Das tut wirklich gut. Jamie und ich, wir fühlen uns auch dann sehr wohl miteinander, wenn wir einfach nur da sitzen und nicht reden. Wir können  wunderbar miteinander schweigen.

Ihr habt das neue Album zum ersten Mal nicht in London, sondern vor allem in den USA geschrieben. Wie ging das vonstatten?

Wir trafen uns in Seattle und sind mit dem Auto bis nach Los Angeles runtergefahren, immer am Ozean entlang. Auf dieser Reise durchs Helle entstanden die ersten Songs. Wir konnten gar nicht anders, als uns heftig von der Sonne und unserer eigenen Lässigkeit inspirieren zu lassen. Deshalb ist „I See You“ für mich eher ein Tag-Album, während „The xx“ und „Coexist“ Nacht-Alben waren.

Ist „I See You“ euer bis dato poppigstes Album?

Ich denke schon. Wir drei lieben Popmusik seit jeher und müssen uns diesbezüglich auch nicht schuldig fühlen. Aber Popstars sind wir trotzdem nicht. In unserem alltäglichen Leben hat sich so gut wie gar nichts geändert.

Euch eilt der Ruf voraus, extrem schüchtern zu sein. Stimmt das eigentlich?

Wir sind von Anfang an als extrem scheue Menschen portraitiert worden, das ist wahr. Vieles davon hängt mit unseren Anfängen als Band zusammen, wir waren damals noch ziemlich naiv und klein. Wir schrieben unsere ersten Songs als Teenager, und gleich hieß es, da sei so viel Sex, so viel Erotik in unserer Musik. Das war uns damals mordsmäßig unangenehm und peinlich. Jeder andere Mensch von der Straße, der so schnell wie wir im öffentlichen Interesse gelandet wäre, hätte wohl ähnlich zurückhaltend reagiert. Ich würde sagen, schüchtern sind wir nur im Vergleich zu machen sehr offensiven, draufgängerischen Musikerkollegen. Alles in allem sind wir recht normale Menschen.

Das Album „I See You“ ist am 13. Januar erschienen.

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