"Mein Gott, Mördertitten!"

Adam Green ist wieder da. Mit einem Album und einem Film voller schräger Phantasien.
Interview: Steffen Rüth

Illustration: Julia Schubert

Lange nichts gehört von Adam Green, dem umtriebigen, mittlerweile 35 Jahre alten, New Yorker Ex-Wunderkind mit den lässigen Songs und den versauten Texten? Hier ist er wieder, und das gleich mit einem sehr ambitionierten Werk: „Aladdin“ ist Album, Film und Ausstellung in einem. (Adam zeigt den Film bei seinen Konzerten im Mai, er ist auch bei iTunes und Amazon VOD sowie über die Website AdamGreensAladdin.com erhältlich). Das Low-Budget-Projekt drehte Green mit einem Haufen seiner Hollywood-Freunde wie Zoë Kravitz, Natasha Lyonne und Macauly Culkin. Er nähert sich dem guten alten Flaschengeist dabei aus modernisierter Perspektive: Die Lampe kommt aus dem 3D-Drucker, die Prinzessin ist „eher so der Kim-Kardashian-Typ“. Den Titelhelden spielt Green, den wir in Basel zum Interview trafen.

jetzt: Adam, „Aladdin“ ist ein Film, ein Album und ein aus 30 Pappmaché-Sets bestehendes Kunstprojekt. Warum eigentlich dieser Aufwand?

Adam Green: Für mich ist dieses Projekt, an dem ich bestimmt zwei Jahre gearbeitet habe, die Chance, zum ersten Mal wirklich sehr umfassend zu zeigen, wie die Welt aussieht, wenn man sie aus meinen Augen betrachtet.

Wie denn?

Ich denke in Bildern, speziell in Cartoons. Für mich ist „Aladdin“ eine Mischung aus Pasolini und South Park. In ganz vielen meiner Songs, alten wie neuen, taucht zum Beispiel eine Prinzessin auf.

Und was war zuerst da? Die Bilder oder die Musik?

Ich habe Film und Musik beides parallel geschrieben, nahm die Musik aber zuerst auf, weil wir für den Film erst noch Geld einsammeln mussten. Das Album funktioniert auch ohne den Film.

Richtig nach Filmmusik klingt auch nur der Song „Interested in Music“.

Ja, das ist die große Nummer für das Finale, das habe ich mir vom Musical abgeguckt. Die Geschichte spielt ja in „Regular Town“, die Leute dort fühlen sich sehr durchschnittlich, und für mich ist ein wichtiger Teil des Films, anzuerkennen, dass ich nicht mehr besonders cool bin. Es ist Zeit für weniger Ego von Adam Green. Manchmal ist es voll okay, ‚Average Adam‘ zu sein und dafür in Harmonie mit der Welt zu leben.

Ihr habt den Film in einem Lagerhaus im hintersten Brooklyn gedreht, bei 40 Grad mitten im Sommer.

Das war halt billiger. Vier Monate dauerte der Kulissenbau, einen Monat haben wir gedreht. Wir hatten keine Klimaanlage, da hinten fuhr auch keine Bahn mehr, ich bin jeden Tag anderthalb Stunden vom East Village hergelaufen. Toll war es trotzdem. Wir hatten auf Instagram gepostet, dass wir dort den Film machen, und so kamen jeden Tag Filmstudenten, Kunststudentinnen und einfach Leute, die mit uns abhängen und uns helfen wollten. Es war ein bisschen wie die Projektwoche früher im Schultheater.

Macaulay Culkin spielt auch mit. Ist der nicht trotz seiner 35 Jahre längst in Rente?

Mac spielt bei mir mit, weil wir gute Freunde sind. Mac ist ein sehr beliebter und ein sehr zarter Mensch, außerdem ist er eine Ikone. Ich finde es nicht richtig, wenn er in den Medien immer so als Weirdo und Freak beschrieben wird. Das ist er nicht. Er lebt halt einfach sehr zurückgezogen und macht nur, was ihm Spaß macht.

Worum geht es in deiner aktuellen Single „Never lift a Finger“?

Um ein paar Erinnerungen an meine verflossenen Beziehungen. Ich stelle mir die Frage, was falsch an denen war. Und was falsch an mir war. Die Auseinandersetzung mit dysfunktionaler Liebe gepaart mit heftiger Selbstkritik in diesem Song schlug mir ganz schön hart ins Gesicht.

Wie dysfunktional kann eine Beziehung denn sein?

Ich denke nicht, dass Liebe dysfunktional sein muss. Aber ich glaube, zwei sehr ähnliche tickende Personen können keinen geilen Sex haben. Man braucht für Sex Verschiedenheit, Spannung. Eine wenig harmonische Beziehung beinhaltet also oft echt scharfen Sex. Aber wenn du erwachsener wirst – das stelle ich an mir fest –, ziehst du eine gewisse Stabilität der Geilheit vor.

Du bist in Begleitung deiner Frau Yasmin und eurer gemeinsamen, anderthalbjährigen Tochter Zeba nach Europa gekommen, um „Aladdin“ vorzustellen. Läuft es gut mit der Stabilität?

Ja. Yasmin und ich haben eine intellektuell anregende und romantische Beziehung. Wir hocken echt ganz schön aufeinander. Sie hilft mir sehr. Sie hat zum Beispiel auch den Film mitproduziert, damals war sie gerade schwanger.

Was hat das Kind mit dem ewigen Kindskopf Adam Green gemacht?

Ich genieße und liebe das Vatersein sehr. Bis jetzt ist es auch noch leicht. Sie ist noch so klein, da schaut man hauptsächlich, dass man sie bei Laune und am Leben hält. Seit ich Vater bin, habe ich einiges von meiner Dekadenz verloren, ich fühle die eigene Sterblichkeit und bin, wenn ich nicht komplett falsch liege, bodenständiger geworden.

 

Erwachsen also?

Naja, so ganz wird das mit dem Erwachsensein bei mir nichts. Ich spüre die Verantwortung, werde ihr gerecht und bin auch klar genug im Kopf für diese Aufgabe. Aber ich fühle mich sicher nicht so wie mein eigener Vater, selbst wenn ich beim Blick in den Spiegel deutlich erkenne, dass ich ihm immer ähnlicher werde. Aber ich spüre: Ich bin nicht mehr so ein Getriebener wie früher. Ich veröffentliche ja zum Beispiel auch nicht mehr jedes Jahr ein Album, denn seien wir ehrlich: Wer braucht schon ein mittelgutes Adam-Green-Album. Also habe ich die Klappe gehalten und lieber gewartet, bis ich ein wirklich gutes zusammenhatte.

 

Eines mit Zeilen wie: „Your breasts are like two risks that I handcuffed to my dick”. Möchtest du das näher erläutern?

Na gut. Meine Frau und ich, wir waren in einer Kunstausstellung mit dem Titel „Hot Chicks“, die hat mich sehr inspiriert. Dort hatten sie nämlich Bilder von Frauen ausgestellt, die sehr lange Titten hatten, wirklich sehr, sehr lange Titten. Schlauchartig. Man konnte gar nicht mehr sagen, ob es noch Titten oder schon Schwänze sind.

 

Naja, wenn es Frauen waren, dann werden es wohl…

Denkt man. Aber in meiner Phantasie ging dann alles durcheinander. Und so stellte ich mir diese Titten vor, wie sie sich über andere Teile des Körpers schieben, über Schwänze und Hälse, und wie sie zudrücken und die Luft rauslassen. Titten wie Würgeschlangen! Mein Gott: Mördertitten!

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