"Viele fahren nach Deutschland, wenn sie abtreiben lassen wollen!"

Demonstranten in Polen konnten eine Verschärfung des Abtreibungsgesetztes verhindern. Zwei Frauen erzählen.
Protokolle: Max Sprick
Foto: Janek Skarzynski / afp

Polen hat eines der strengsten Abtreibungsgesetze in Europa. Eine Gesetzesinitiative des ultrakonservativen Instituts "Ordo Iuris" sollte dieses Gesetz noch verschärfen: Sie sah das grundsätzliche Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen vor. Am 23. September hat das Unterhaus des Parlaments den Gesetzesentwurf angenommen - mit 267 Dafür-Stimmen von 460 Abgeordneten. Ein liberalerer Entwurf wurde abgelehnt. Die nationalkonservative Prawo i Sprawiedliwosc ("Recht und Gerechtigkeit") regiert mit absoluter Mehrheit, Regierungschefin Beata Szydlo hatte sich für das radikale Abtreibungsverbot ausgesprochen. Hunderttausende gingen daraufhin auf die Straße, um gegen das Verbot zu protestieren. Mit Erfolg: Die Regierung kippte den Gesetzesentwurf dann doch

Wir haben mit zwei Polinnen über diese Entwicklung gesprochen.

Natalia, 32 Jahre alt, Englisch-Dozentin

"Ich habe gemischte Gefühle bezüglich der Proteste. Einerseits sind sie natürlich wichtig, andererseits glaube ich, dass es momentan noch wichtigere Diskussionen gibt. TTIP und Ceta zum Beispiel. Auf jeden Fall bin ich überrascht, wie viele Frauen an diesem Montag nicht zur Arbeit, sondern auf die Straße gegangen sind.

Ich selbst bin im siebten Monat schwanger, deswegen bin ich bei dem fürchterlichen Wetter nicht zum Protest gegangen. Aber er führte direkt an meiner Haustür vorbei. Ich habe Frauen aus jeder Schicht und jeden Alters dort gesehen. Und nebenher habe ich verfolgt, wie in den sozialen Medien und wie in den staatlichen Medien darüber berichtet wird. Das war unglaublich. Im staatlichen Fernsehen wurde der Protest hunderttausender Frauen völlig runtergespielt und mit der Bewegung von ein paar hundert Frauen von vor einiger Zeit verglichen. Ich hätte nie gedacht, dass die Medien die Wirklichkeit tatsächlich so sehr verfälschen können.

Was das Abtreibungs-Gesetz angeht: Ich bin dafür, es zu liberalisieren. Momentan dürfen Frauen ja nur in vier Fällen abtreiben: Wenn sie vergewaltigt wurden, das Kind aus Inzest entstanden ist, das Leben der Mutter in Gefahr ist oder das des Kindes - was in Polen das Down-Syndrom mit einschließt. Genau das klingt für mich paradox: Down-Syndrom bedeutet ja nicht, dass es für das Kind unmöglich ist, ein vollkommen fröhliches Leben zu führen. In diesem Fall trotzdem die Abtreibung zu erlauben, passt doch nicht zu den sonst so strengen Gesetzen.

Aber diese Regeln bestehen eigentlich nur auf dem Papier. Es gibt genügend Beispiele von Ärzten, die die Abtreibung verweigert haben, obwohl eines der Kriterien erfüllt war. Sie berufen sich einfach auf die Religion. Bei unserem komischen Gesetz ist das leider möglich. 

Viele Polinnen fahren deswegen nach Deutschland, wenn sie abtreiben lassen wollen. Ich kenne Frauen, die gesagt haben, sie reisen nach Berlin, um mal ein Wochenende zu feiern. Dabei wollten sie nur vertuschen, dass sie abtreiben lassen. 

Der Staat und unser Gesundheitssystem tun viel zu wenig für Schwangere. Selbst, wenn die Frauen sich dann entscheiden, ihr behindertes Kind zur Welt zu bringen und nicht abzutreiben, werden sie kaum unterstützt. Ich wünschte, das würde sich ändern. Aber liberalere Veränderungen sind mit dieser Regierung nicht möglich."

Foto: Czarek Sokolowski / AP

Katarzyna, 34 Jahre alt, arbeitet im E-Commerce

 

"Polens Frauen haben in der vergangenen Woche gezeigt, dass sie gemeinsam kämpfen können. Wir sind verärgert. Die Regierung nimmt uns nicht ernst, will aber darüber bestimmen, ob wir Kinder bekommen oder nicht. Ausländische Medien stellen uns polnische Frauen oft als ziemlich konservativ dar, habe ich das Gefühl. Aber so ist es nicht.  Klar, wir haben hier 95 Prozent Katholiken. Hätten wir eine Kirchensteuer, wie es sie in Deutschland gibt, würde sich diese Zahl aber auch relativieren. Ich habe gelesen, dass gerade mal 30 Prozent aller Polen in die Kirche gehen. Ich gehöre nicht dazu. Ich bin zwar als Kind getauft worden, Religion spielt für mich und mein Leben aber überhaupt keine Rolle. Mein Ehemann ist nicht getauft, unser Sohn auch nicht.

 

Trotzdem denke ich, dass die Abtreibungsgesetze so bleiben sollten, wie sie aktuell sind – auch, wenn sie für Außenstehende hart erscheinen mögen. Ich würde mir von der Regierung eher wünschen, dass sie mehr in sexuelle Aufklärung an Schulen investiert. Nicht nur in diesem Punkt muss sie sich aber von der Kirche emanzipieren. Unsere Regierung will immer auf einer Linie mit der katholischen Kirche agieren. Aber die muss sich gerade in Aufklärungs-Fragen raushalten. Mädchen und junge Frauen sollten, gerade auch auf dem Land, wissen, was sie tun. Und wenn sie ungewollt schwanger werden und das Kind dann aus ökonomischen Gründen nicht bekommen und großziehen wollen, muss es ihnen erleichtert werden, das Kind zur Adoption freizugeben.

 

Auf der Demonstration in Warschau habe ich auch viele ältere Frauen und Männer gesehen, Familien mit Kindern, Männer – und ich habe die Ehefrau unseres ehemaligen Präsidenten getroffen. Sie ist selbst Mutter von vier Kindern und hat ganz offen gesagt, dass niemand über das Schicksal von Frauen in kritischen Situationen bestimmen darf. Also wenn die Gesundheit der Frau gefährdet ist, oder die des Kindes, zum Beispiel.

 

Ich bin gespannt, wie es mit diesem Thema jetzt weitergeht. Für die Regierung ist es ein sehr schwieriges. Sie hat sich jetzt dem Willen des Volkes gebeugt, will aber auch nicht mit der Kirche brechen. Für am wahrscheinlichsten halte ich, dass einfach gar nichts passiert. Die entscheidenden Personen werden abwarten und die Diskussion so lange rauszögern und unter den Teppich kehren, bis irgendwann nicht mehr darüber geredet wird."