Wie man erfolgreich gegen null Punkte im Abi klagt

Patrick Höpfner soll in Religion voll versagt haben – das lässt er sich nicht gefallen.
Interview: Max Sprick
Illustration: Katharina Bitzl

"Nur punktuelles Erfassen, unbeholfene Fachsprache, äußerst lückenhafte Kenntnisse, große Lücken, ohne Verständnis, vom Thema überfordert" – das sind die stichwortartigen Begründungen im Prüfungsprotokoll von Patrick Höpfners mündlicher Abi-Prüfung. Null Punkte bekam er damals am Gymnasium in Bernburg, Sachsen-Anhalt. Höpfner soll also voll versagt haben. Folge: kein Abitur. 

Das wiederum wollte er sich aber nicht gefallen lassen – der heute 22-Jährige klagte gegen die Entscheidung seiner Prüfer und hat damit gerade vor dem Verwaltungsgericht Magdeburg Recht bekommen. Die in Sachsen-Anhalt geltende Null-Punkte-Regel sei „unverhältnismäßig“ und verstoße gegen die Berufsfreiheit, heißt es in dem Urteil der Richter, die Diskrepanz zwischen den guten bis befriedigenden Noten in den zwei Schuljahren zuvor und dem Prüfungsergebnis sei zu groß.

Ein Anruf in der Polizeiakademie Niedersachsen, wo Patrick Höpfner inzwischen kurz vor dem Abschluss steht

jetzt: Patrick, reden wir über Gott und das Abitur.

Patrick Höpfner: Sehr gerne.

Du bist mit null Punkten in deiner mündlichen Religions-Prüfung gescheitert. Wie hast du das geschafft?

Man sagt ja immer, du musst für einen Punkt nur erscheinen und deinen Namen richtig sagen. In der Prüfung ging es um Martin Luther und eigentlich hatte ich ein gutes Gefühl. Ich verstehe immer noch nicht, was da genau passiert ist. Vieles von dem, was im Prüfungsprotokoll steht, kann ich bis heute nicht nachvollziehen.

Drei Jahre später hast du gerade vor dem Amtsgericht Magdeburg Recht bekommen, deine Klage gegen die Abi-Entscheidung war erfolgreich. Zufrieden?

Natürlich. Ich muss aber ehrlich sagen: Damit hätte ich nicht mehr gerechnet. Ich bin ja mittlerweile fast mit meinem Studium an der Polizeiakademie Niedersachsen fertig und hatte diese Verhandlung gar nicht mehr so auf dem Schirm. Die Zeitungen scheinen von der Entscheidung des Gerichts früher gewusst zu haben – ich hab’s von denen erfahren. Doch noch Recht zu bekommen, ist aber ein tolles Gefühl.

Wieso hat das überhaupt so lang gedauert?

Gute Frage. Nachdem wir damals zum Anwalt gegangen waren, kam Wochen später ein Brief vom Gericht, dass diese Verhandlung länger dauern könnte. Sie hätten gerade niemanden, der sich darum kümmern könne.

Du hingst also erstmal in der Luft.

Und das war ärgerlicher, als durchs Abi gefallen zu sein. Meine Schule hat sich nach der Prüfung total quergestellt, hat mir kein Zeugnis ausgestellt. Dabei hatte ich meinen Platz an der Polizeiakademie zum 1. Oktober 2013 sicher. Ich habe dann erst befürchtet, ich würde ihn verlieren. Zum Glück waren die Verantwortlichen hier sehr hilfsbereit, ich konnte noch mein Fachabi nachholen und habe meinen Studienplatz behalten. Ein Jahr habe ich durch die ganze Geschichte trotzdem verloren.

Rauschte mit null Punkten in der mündlichen Reli-Prüfung durchs Abi: Patrick Höpfner.

Foto: privat

Hast du in der Zwischenzeit mal was von deiner alten Schule gehört?

Nach der Prüfung rief mein Fachlehrer bei uns zu Hause an. Von dem war vorher schon bekannt gewesen, dass er nach Finnland auswandern würde. Er hat sich dann bei meinen Eltern dafür entschuldigt, wie die Prüfung abgelaufen ist. Sehr viel später gab es nochmal ein Gespräch mit der Schulleitung. Das war aber keine freundliche Begegnung, da wurde mir gesagt: „Du bist ja selber daran schuld.“

 

Was hattest du dir denn zu Schulden kommen lassen in der Prüfung?

Naja, ich kam nach meiner Vorbereitungszeit in den Prüfungsraum und stand vor den Lehrern. Die Themen, die sie abgefragt haben, waren mir nicht unbekannt, ich war mir bei den Aufgaben relativ sicher. Bis eine Frage zu einer Theorie von Martin Luther kam, da habe ich ganz ehrlich geantwortet: „Dazu weiß ich leider nichts.“

 

Ist ziemlich sicher jedem Abitur-Prüfling mal passiert.

Eben. Mein Fachlehrer wollte dann ein anderes Themengebiet einschlagen und die nächste Frage stellen – das hat der stellvertretende Schulleiter aber abgelehnt. Durch diese Zurechtweisung kam auch bei den Prüfern ein bißchen Unsicherheit auf, hatte ich das Gefühl. Die Dame hat dann ganz salopp gesagt: „Erzählen’Se doch mal, was’Se von Martin Luther halten.“

 

Und?

Dass in einer Abi-Prüfung so eine Ansage gemacht wird, hat dann auch mich etwas nervös gemacht. Aber ich konnte eigentlich ganz gut zum Thema Luther erzählen. Danach war die Prüfung vorbei, ich ging raus und wartete etwa eine halbe Stunde.

 

Mit wieviel Punkten hast du da vor der Tür gerechnet?

Acht bis zehn. So wie meine Noten in Religion vorher auch waren. Je länger ich aber warten musste, desto unsicherer wurde ich. Dann kamen die Prüfer raus und meinten: „Null Punkte. Sie sind leider durchgefallen.“ Mehr hatten sie mir nicht zu sagen. Ich bin aus allen Wolken gefallen. Eine richtige Erklärung habe ich bis heute nicht erhalten, auch vor Gericht nicht. Ich weiß nur das, was so stichhaltig im Prüfungsprotokoll steht.

 

Durch das Gerichtsurteil dürftest du deine mündliche Religions-Prüfung wiederholen. Tust du das?

Mal sehen. Eigentlich habe ich schon Lust drauf, einfach um sagen zu können: „Ich habe Abitur.“ Andererseits bin ich ja fast mit meinem Studium durch. Ich müsste dann für die Abi-Prüfung ein Schuljahr Religions-Stoff nachholen. Dazu habe ich momentan keine Zeit.

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