Böhmermann sucht den Trump-Spirit

In einer Spezialsendung versucht er den Spagat zwischen Borat und Tom Buhrow. Und bleibt leider in USA-Klischees stecken.
Von Quentin Lichtblau
Bild: Screenshot/ZDF-Mediathek

"The United States of America - the US of A" – die Referenz, die Böhmermann mit seinem US-Spezial des Neo Magazin Royale im Sinn hat, zitiert er direkt im ersten Satz: Sacha Baron Cohen, der vor zehn Jahren als durchgeknallter Pseudo-Kasache Borat durch eben diese "US of A" reiste.

Böhmermann und sein wie immer nicht wirklich notwendiger Sidekick Ralf Kabelka geben sich dabei nicht als Kasachen aus, sondern als "Deutschlands profilierteste Fernsehjournalisten". Damit ist auch die zweite Referenz klar, zumindest dem deutschen Zuschauer: die spießigen Dokus der Öffentlich-Rechtlichen, in denen vor den Wahlen regelmäßig Nachrichtenmoderatoren durchs Land reisen, um sich vor Ort dann ganz menschelnd dem fremden Wesen der Amerikaner anzunähern. Auch Böhmermann und Kabelka senden diesmal nicht aus dem heimischen Studio in Köln, sondern komplett aus Amerika.

Das Problem dabei: Der Spagat aus den beiden genannten Bezugspunkten funktioniert nicht. Denn während Sacha Baron Cohen in der maximal überzeichneten Rolle des Ostblock-Hinterwäldlers seine Gesprächspartner immer wieder zu entlarvenden Aussagen über Juden, Moslems und Homosexuelle hinreißt, während die biederen Nachrichten-Moderatoren zumindest versuchen, tiefer in die politische Kultur des Landes einzutauchen, bleibt Böhmermann ganz an der Oberfläche.

In der 46-minütigen Sendung über "ein tief gespaltenes Land" fällt der Name Clinton gefühlt zwei Mal, Böhmermanns Fokus liegt voll und ganz bei Trump und der Frage, ob die Ami-"shitheads" denn nun "fucking nuts" geworden sind. Dazu reist er quer durchs Land, zur dritten Präsidentschaftsdebatte nach Las Vegas, dann nach Los Angeles, dann nach New York und irgendwie plötzlich wieder nach Los Angeles, die Ortswechsel stets angekündigt mit herrlich unpassender Musik ("Sweet Home Alabama", "Welcome to Miami").

Kabelka steht währenddessen für ein paar Minuten an der mexikanischen Grenze, wundert sich über die niedrige Mauer, fährt viel Cabrio und sucht ansonsten, wie auch Böhmermann, hauptsächlich Wahlveranstaltungen nach dummen Trump-Fans ab. Die zu finden, ist in etwa so schwer, wie im McDonald's auf einen Cheeseburger zu stoßen. Und natürlich geben die Trump-Menschen den beiden reichlich Sendematerial in Form von O-Tönen: Hillary sei schlimmer als Hitler, Frauen bettelten förmlich darum, von Trump angefasst zu werden und die Mauer an der mexikanischen Grenze sei eine tolle Sache.

Solche Aussagen klingen für das europäische Ohr zwar nach wie vor skurril bis halbwegs witzig – aber sind sie zehn Jahre nach Borat und angesichts des mindestens ebenso irren Donald Trump himself noch entlarvend? Wenn der Präsidentschaftskandidat selbst wie eine Karikatur wirkt, braucht es dann noch einen naiven Kraut-German, der uns jeden Eindruck bestätigt, den wir eh schon haben?

Alle spielen brav ihre Rolle: Die Trump-Supporter wie etwa die "Women for Trump" reden Mist, ein Waffennarr ballert eifrig durch die Gegend, die aufgeklärten New Yorker finden Trump doof und die deutschen "Promis" Ralf Möller und Roland Emmerich erzählen Beliebiges über die USA.

Nur Böhmermann und Kabelka können sich nicht so recht entscheiden, welche Rolle sie eigentlich spielen wollen – mutieren sie am Anfang auf mysteriöse Weise zu Trump-Unterstützern, geben sie sich zum Ende der Sendung eher geläutert. Versucht Böhmermann zu Beginn noch in seiner naiven Rolle, ein Maximum an Rassismus und Sexismus aus seinen Gesprächspartnern rauszukitzeln ("Have you heard of Hitler murdering anyone?"), wird er im Gespräch mit dem verrückten Adeligen von Anhalt plötzlich ganz zum kritischen Journalisten ("Ist das jetzt die neue Messlatte für politische Kultur?").

Zum Schluss dann noch Musik: Böhmermann an der Gitarre, Kabelka am Schlagzeug, sie singen irgendwas über  Tic-Tacs, Pussies und Amerika. War ihre Rolle bisher irgendwo zwischen Tom Buhrow und Borat angesiedelt, verschwimmt sie jetzt vollkommen in einem Haufen US-Klischees: Cowboyhüte, Uncle Sam, Donald Duck.

Wie auch die mittlerweile vorhandene Mediatheken-Fassung der Sendung ist der Song auf Englisch gehalten und soll offenbar ein Publikum außerhalb der deutschen Böhmermann-Fanbase ansprechen. " We love the new spirit of your nation", singt Böhmermann in Richtung Amerika. Man hätte gerne etwas Neues über diesen Spirit erfahren.

Mehr zur US-Wahl:

  • teilen
  • schließen