Du musst jetzt sehr stark sein

In München eine Wohnung finden? Schwere Aufgabe. Einziger Trost: Alle machen dasselbe durch. Damit du weißt, was auf dich zukommt, hat unsere Autorin die Erkenntnisse ihrer Suche notiert.
Von Valerie Dewitt
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Illustration: Daniela Rudolf

A wie Arm dran

Bist du ab jetzt. Denn die kommenden Wochen oder Monate wirst du wenig Zeit haben, weil du sie in Anzeigensichtung und Wohnungsbesichtigungen investieren musst (-> Quantität). Außerdem wirst du viele gute Ratschläge hören und -> X Absagen hinnehmen müssen. Und am Ende vielleicht nicht nur arm dran, sondern auch wirklich arm sein (-> Courtage). Dann mal los! 

B wie Bausubstanz

Vom Altbau- oder gar Loft-Traum im Berlin-Style solltest du dich gleich verabschieden: Die Fassaden in München sind schlichter, die Decken niedriger und die Fenster kleiner – zumindest in den Wohnungen, deren Miete für dich bezahlbar ist. Am weitesten kommst du, wenn du es schaffst, zärtliche Gefühle für Nachkriegsbauten aus den Fünfziger- bis Siebzigerjahren zu entwickeln. Dann ist die Auswahl größer.  

C wie Courtage

a.k.a. Provision a.k.a. Vermittlungsgebühr für den Makler a.k.a. zum Fenster rausgeworfenes Geld. Die Courtage kann unterschiedlich hoch sein, meist liegt sie aber bei 2,38 Kaltmieten. Wenn man sie zahlen muss, einfach folgende Schritte beachten: Nach Zahlung einige (teure!) Schnäpse trinken, um zu vergessen; niemals darüber nachdenken, was man von den Tausenden von Euro alles hätte kaufen können; ein „Es ist ja nur Geld“-Mantra finden.  

D wie Dorf

Das München-Synonym „Millionendorf“ ist ja etwas aus der Mode gekommen – wird dir aber bei der Wohnungssuche immer wieder in den Sinn kommen. Die Stadtfläche schrumpft dabei nämlich auf ein Minimum an für okayes Wohnen geeigneten Vierteln zusammen, dafür scheint die Bevölkerungszahl extrem in die Höhe zu schnellen (-> Konkurrenten).  

E wie Exposé

Zusammenstellung aller Daten und Fakten zur Wohnung. Steht online, wird einem bei der Wohnungsbesichtigung aber noch mal in die Hand gedrückt, meist getackert oder in einer billigen Klemmmappe. Die Infos darin sind sehr positiv. Die Wohnung ist immer „traumhaft“, „exklusiv“ (oder: „exclusiv“), „wunderschön“, „herrlich“, „gemütlich“, „großzügig“, „hochwertig“.  

F wie Fake

Wenn ein Angebot zu schön klingt, um wahr zu sein, dann ist’s auch nicht wahr. Nie!  

G wie Gute Ratschläge

Wohnungssuchenden in München geht es wie Bundestrainern und Schwangeren: Jeder weiß besser, wie man’s macht. Auf welcher Seite man sich also registrieren (Klüngelmaschine), in welchen Verteiler man sich setzen lassen (Kräftner), welche Facebook-Page man liken (Rent2friends München) und welcher Facebook-Gruppe (Wohnen trotz München) man beitreten muss. Und dass man eine Anzeige in der -> Zeitung aufgeben soll.  

H wie Hochsaison

Immer zu Semesterbeginn. Wenn es sich vermeiden lässt, keine Wohnung ab dem 1. April oder dem 1. Oktober suchen.  

I wie Index

Der Mietindex für München liegt laut immobilienscout24.de bei derzeit 14,20 Euro – pro Quadratmeter.  

J wie Ja!

Sag es oft, sag es laut. Makler rufen gerne an und fragen, ob man noch Interesse hat. Dann rufen sie noch mal an und fragen, ob man großes Interesse hat. Und dann noch mal, um zu fragen, ob sie einen beim Vermieter vorschlagen sollen. Wenn die Wohnung auch nur ein bisschen deinen Vorstellungen entspricht, lautet deine Antwort immer, immer: Ja! (-> Lügen, -> Pokern)  

K wie Konkurrenten

Sie sind da, sie sind viele, sie machen dich wahnsinnig. Überall diese zuckrigen Pärchen mit ihren süßen Bewerbungsmappen! Und diese Profis im Smalltalk, die sich den Makler oder den Hausverwalter schnappen und ihn beschlagnahmen! Manchmal tut man solidarisch, wenn man sich bei einer Besichtigung begegnet – sitzen ja alle im selben Boot, ihr sucht ja auch schon so lange . . . In Wahrheit? Herrscht Krieg!  

L wie Lügen

Sollst du natürlich nicht – darfst du aber manchmal. Zumindest ein kleines bisschen. Laut Mieterbund musst du wahrheitsgemäß angeben, wer einziehen will, und ehrlich auf alle Fragen antworten, die darauf abzielen, herauszufinden, ob du die Wohnung bezahlen kannst. Kinderwunsch, Hobbys, Instrumente, Haustiere, rauchen? Da ist deine Antwort erst mal egal. Wenn du allerdings angibst, dass du keine Katze hast, um deine Chancen zu erhöhen, und dann mit Minka auf dem Schoß den neuen Mietvertrag durchliest, in dem Haustiere ausgeschlossen werden – dann arme Minka!  

M wie Makler

Der König des Münchner Mietmarkts. Gibt es in allen Ausführungen – von aufgestylt mit Pelzkragen bis zu rauchend und mit Alkoholfahne. In männlich wie weiblich. Braucht keine Ausbildung und keine gute Homepage. Schließt dir die Tür auf. Streichelt alle Armaturen und betont, wie qualitativ hochwertig sie sind. Streichelt alle Türstöcke und betont, wie original sie sind. Streichelt alle Fensterrahmen und betont, wie dicht sie sind. Sagt: „Was das angeht, müssen sie die Vormieter/den Vermieter fragen.“ Ihr werdet euch nicht mögen. Aber so tun als ob.

N wie Nachmieter

Gibt es sehr, sehr viele. Kannst du dir ganz zum Schluss Sorgen drum machen. Musst du dir aber eigentlich gar keine Sorgen drum machen.

 

O wie Ortskenntnis

Die Wohnungssuche hat auch einen schönen Nebeneffekt: Du fährst kreuz und quer durch die Stadt und wirst München hinterher sehr viel besser kennen als vorher. Und sowieso wichtig: Vor oder nach einer Besichtigung eine Viertelstunde Extrazeit einplanen. Zum Einmal-um-den-Block gehen und sich hineinspüren in das Viertel.

 

P wie Pokern

Wohnungssuche hat viel mit Kalkül zu tun. Du musst dir überlegen, was du willst, und dann, worauf du am ehesten verzichten kannst. Du musst eine Rangliste der besichtigten Wohnungen machen. Und du musst mit den Maklern und Hausverwaltungen auf Zeit spielen. Zum Beispiel, wenn es eine Zusage gibt, die Zu- oder Absage einer anderen Wohnung, die du lieber hättest, aber noch aussteht. (-> Ja!)  

 

Q wie Quantität

Du wirst vermutlich viele Wohnungen anschauen müssen, bis du deine findest, und darum viel Zeit investieren. Wohnungssuche in München geht nur mit einem kulanten Chef („Sorry, komme später/gehe früher/bin zwischendurch mal weg!“) und ebenso kulanten Freunden („Den Anruf muss ich annehmen!“/„Danke fürs Essen, aber muss schnell los!“). Wohnungsbesichtigungstermine gibt es nämlich zu den unmöglichsten Zeiten. Alles zwischen 7 und 21 Uhr scheint möglich – und wenn du „Da kann ich nicht, gibt es noch einen anderen Termin?“ sagst, wird man dir vermutlich „Nein, derzeit nicht, ich melde mich noch mal, falls sich was ergibt“, antworten. Du hörst dann nie wieder etwas.  

 

R wie Reichtum

Erst mal nicht. Siehe -> Arm dran.  

 

S wie Smalltalk

Wohnungssuche ist Smalltalkschule! Hilfreiche Gesprächs-Bausteine sind zum Beispiel: Gibt es einen Keller? Wann wurde renoviert? Wie sind die Nachbarn so? Gibt es etwas abzulösen? Wo ist der nächste Supermarkt? Oh, wirklich toll, diese alten Türen! Ja, (Name des Viertels einsetzen, in dem man sich gerade befindet) ist wirklich das beste Viertel Münchens! Einmal (Name des Viertels einsetzen, in dem man sich gerade befindet), immer (Name des Viertels einsetzen, in dem man sich gerade befindet).  

 

T wie Tasche im Bild

Bei der Wohnungssuche in München kann es vorkommen, dass man in drei Wochen 20 Wohnungen anschaut (-> Quantität). Um nicht den Überblick zu verlieren (den man aber zwangläufig verliert), macht man Fotos. Auf dem Smartphone hat man hinterher eine absurd gemischte Galerie, in der folgende Motive immer wieder auftauchen: hässliche Sessel oder schöne Esstische der Vormieter, in leeren Räumen auf Fensterbänken abgestellte Maklerinnen-Taschen, an Steckdosen hängende Makler-iPhones, fremde Menschen (Vormieter, die grade essen, Makler, die in irgendwas blättern, -> Konkurrenten bei der Massenbesichtigung, die gerade an die Decke schauen), leere Räume mit zu viel Gegenlicht vom Fenster. Selten: Hunde.  

 

U wie Unterlagen

Brauchst du. Zumindest dann, wenn du mit einem Makler zu tun hast. Dazu gehören: ausgefüllte Selbstauskunft mit all deinen Daten bis hin zu Kontaktdaten deiner aktuellen Vermieter oder Angaben zu Haustieren und Instrumenten (-> Lügen), Schufa-Auskunft, Personalausweiskopie, Gehaltsnachweise. Wer viel Vorlaufzeit hat, kann ergoogeln, wie man die Schufa-Auskunft umsonst bekommt – dauert aber einige Zeit, bis sie da ist. Die Online-Schnellauskunft kostet 24,95 Euro.  

 

V wie Vermieter

Wenn der Makler der König des Mietmarkts ist, dann ist der Vermieter Gott. Ein Wesen, das der Hausverwaltung oder dem Maklerbüro einen Auftrag gibt, irgendwo auf dem bayerischen Land wohnt, am Telefon kurz angebunden ist und eine sehr ausladende Unterschrift hat. Gesehen hat ihn noch niemand.  

 

W wie WG

Auch Wohngemeinschaften müssen irgendwo wohnen. WG-Suche in München ist fast genauso langwierig wie eine Wohnungssuche, weil es extrem viele -> Konkurrenten und extrem wenig beliebte Wohnlagen gibt. Noch schlimmer als WG-Suche und Wohnungssuche ist nur: Wohnungssuche als WG. Schlupfloch: sich als Paar ausgeben (-> Lügen). Funktioniert aber natürlich nur zu zweit – und je nach Makler oder Vermieter auch nur mit einer erfundenen heterosexuellen Beziehung.  

 

X wie X Absagen

Musst du hinnehmen – aber auch verteilen. Der Weg zum Münchner Zuhause führt durch einen Absagen-Parcours und zwar ungefähr so: Die meisten Wohnungen, die du anschaust, sind Mist. Zwischendurch gibt es die guten und die okayen. Die erste gute Wohnung, die du willst, kriegst du nicht. Die zweite auch nicht. Die dritte, die du okay findest, kriegst du, nimmst sie aber doch nicht, weil du noch nicht verzweifelt genug bist. Die vierte, die du willst, kriegst du wieder nicht. Die fünfte, die du okay findest, kriegst du und sagst zu, weil du verzweifelt genug bist, sagst sie aber kurz vor der Vertragsunterzeichnung wieder ab, weil du übersehen hast, dass man dort mit Nachtspeicheröfen heizen muss. Dann bist du frustriert und willst hinwerfen. Und dann kommt von irgendwoher eine sechste Wohnung, die du willst und kriegst und zusagst und beziehst und die Geschichte dazu leitest du ein, wie jeder Münchner die Geschichte seiner Wohnung einleitet: „Da hab ich echt Glück gehabt . . .“  

 

Y wie Y-Chromosom

Halten die Makler offenbar für überflüssig. Jedenfalls sagen sie immer: „Am Ende entscheiden ja sowieso die Frauen.“ (Das sagen die echt!)  

 

Z wie Zeitung

Veraltetes Medium. Erscheint noch auf Papier. Mit Wohnungsanzeigen und Wohnungsgesuchen. Nutze beides. Es gibt noch Menschen ohne Internet. Und die haben oft die besten Wohnungen.  

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