Wenn das Gute liegt so nah

Die deutsche Snowboardszene erschließt sich Neuland - vor der eigenen Haustür. Marco Smolla ist mit dem Splitboard durch die bayerischen Voralpen gezogen. Im Interview erklärt er, warum das Allgäu besser sein kann als Kanada.
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Marco Smolla, 25, ist Profi-Snowboarder und schon viel gereist – aber so gut wie nie in die Berge vor seiner Münchner Haustür. Vergangenen Winter hat er sie endlich mehrere Wochen mit Freunden und dem Splitboard erkundet – einem Snowboard, das sich in der Mitte teilen und dann als Tourenski nutzen lässt. Gerade ist ein kurzer Dokumentarfilm über das Projekt erschienen: „Bavarian Split“. Marco ist längst wieder unterwegs, ein Jahr auf Weltreise. Für das Interview hat er in einer indischen Kleinstadt eine Stunde nach einem Internetcafé gesucht. Im Hintergrund hört man ständig lautes Hupen.

jetzt.de: Marco, du sitzt gerade in Indien, und wir wollen ein Interview über Snowboarden in den Voralpen führen. Komisches Gefühl?

Marco Smolla: Ein ziemlicher Weltenwechsel, ja. Aber das geht. Wir haben hier am Strand auch schon mal Snowboard-Filme angeschaut.

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Was bedeutet Heimat für dich?

Sie ist der Anker, den ich das ganze Leben habe und für extrem wichtig halte. Ich bin immer schon viel gereist, deshalb brauche ich die Heimat umso mehr. Nur weil es den Ort gibt, an den ich immer zurückkehren kann, kann ich mich treiben lassen.

Wolltest du deshalb ein Filmprojekt in den Voralpen machen?

Ich habe schon die meisten guten Snowboard-Gegenden der Welt kennengelernt: Kanada, Alaska, Neuseeland. Was ich so gut wie gar nicht kannte, waren die Berge vor meiner Haustür. Die waren ein komplett unbeschriebenes Blatt – für mich, aber auch für den Großteil der anderen Snowboarder hier. Wir haben die heimischen Berge total vernachlässigt.

Nicht auch zurecht? Kanada ist halt ein anderes Kaliber als das Chiemgau.

Die Berge sind natürlich nicht vergleichbar mit denen in Kanada. Die Mengen an Schnee, die es da hat, die Vielfalt der Spots – das ist was anderes. Aber wir haben auch hier tolle Sachen gefunden. Und das Gefühl ist ein ganz anderes.

Nämlich?

Ich habe eine neue Facette meiner Heimat kennengelernt. Die Alpenvereinshütten kosten wenig und sind super vorbereitet. Man muss bloß selbst einheizen, Essen mitbringen und Schnee schmelzen, um Wasser zu haben. Irgendwie bekommt man da einen besseren Fokus aufs Hier und Jetzt. Das klingt jetzt kitschig, aber: Man findet mehr zu sich selbst.

Warum wurden die Berge hier von der heimischen Szene bislang vernachlässigt?

Aus Trägheit. Man fährt dahin, wo man auf Nummer sicher gehen kann. Wo die Leute seit langem ihre Snowboardfilme machen. Arlberg, Tirol.

Wird sich das jetzt ändern?

Könnte ich mir schon vorstellen. Ich habe jetzt öfter gehört, dass die Leute das auch mal ausprobieren wollen. Man muss halt Lust aufs Tourengehen haben.

Weil das was ganz anderes ist als das Fahren in Skigebieten.

Ja. Das mag ich auch nach wie vor. Aber es ist toll, mal einen Tag den Berg raufzugehen. Man macht zwar weniger Abfahrten, aber dafür echt lange, mit ganz frischen Hängen. Auf unserem Trip im Allgäu hatte es schon einige Zeit nicht geschneit, aber wir haben immer noch viel unverspurtes Gelände gefunden.

Gibt es allgemein einen Trend zum Tourengehen?

Es findet jedenfalls deutlich mehr Platz in Snowboard-Magazinen und ist in der Szene präsenter als vorher. Und dieser Entschleunigungsgedanke ist ja allgegenwärtig, dazu passt das Tourengehen natürlich auch gut.

Für das Projekt hast du mehrere „Generationen“ von deutschen Snowboardern zusammengebracht – wie war das?

Drei Generationen waren es im Prinzip – Generationen von Snowboardern wohlgemerkt. Luis Eckert ist 16, die Strauß-Zwillinge und ich Mitte 20, David Benedek und Christophe Schmidt Anfang 30 und Xaver Hofmann ist mit 39 der älteste gewesen. Für mich war David als Teenager eine wichtige Inspiration, Luis Eckert hat Davids Karriere aber gar nicht so mitbekommen. Das Schöne war, dass sich das super zusammengefügt hat, da war keine schräge Distanz zwischen alt und jung.

Wie wichtig ist Erfahrung, gerade was das Verhalten im Gelände angeht?

Was Lawinen angeht, haben wir vor allem auf den Alpenvereins-Bergführer vertraut, den wir immer dabei hatten. Aber es war zum Beispiel spannend, mit David Benedek im Gelände gute Stellen für Kicker zu suchen und die zu bauen. Er ist zwar jetzt nicht mehr so aktiv, hat sich aber in seiner Karriere sehr viel damit beschäftigt – und davon kann man profitieren. Luis hat auch extrem schnell dazugelernt.

Braucht man eigentlich unbedingt einen Bergführer?

Wenn man sich selbst auskennt, nicht unbedingt. Aber man hat mehr Optionen. Manchmal ist man sich nicht ganz sicher, wie gefährlich ein Hang ist. Ohne Bergführer würde man den aus Sicherheitsgründen nicht fahren. Mit Bergführer hat man aber eine zweite, verlässliche Meinung.

Text: christian-helten - Fotos: Hansi Herbig / Red Bull Content Pool

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