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Junge Uni-Dozenten haben ein Problem: Sie müssen Autoritätspersonen für Studenten sein - dabei waren sie gerade selbst noch welche.
Von Dorothea Wagner

Grad' noch Student – plötzlich Dozent.

Illustration: Daniela Rudolf

Der Supermarkt schließt in ein paar Minuten. Max* nimmt Tomaten aus der Gemüsekiste und lässt sie in eine Plastiktüte fallen. Dann bemerkt er die Studentin, die neben ihm steht. „Super, dass ich Sie hier treffe“, sagt sie. „Ich wollte Sie noch etwas zur Gliederung meiner Hausarbeit fragen.“ Max legt die Tüte mit den Tomaten in den Einkaufskorb. Und verflucht seinen Job.

Max hat mit Mitte zwanzig angefangen, Politikwissenschaft an einer Universität zu unterrichten, mittlerweile macht er das seit vier Jahren. Und meistens macht es ihm Spaß. Aber der Job hat für ihn einen großen Nachteil: „Für manche Studenten bin ich immer der Dozent, der Fragen beantwortet. Auch, wenn ich abends in einer Bar stehe. Oder eben in einem Supermarkt.“

Viele Studenten, die eine wissenschaftliche Karriere anstreben, wechseln gleich nach dem Studienabschluss an die Lehrstühle. Über die Probleme, die Jobs an der Uni mit sich bringen – lange Arbeitszeiten, schlechte Bezahlung, wenig Aufstiegsmöglichkeiten – sprechen die meisten nur ungern. Niemand will unangenehm auffallen, der Wettbewerb um die Stellen in der Wissenschaft ist hart. Und das, was Max und anderen zusätzlich zu schaffen macht, wird erst recht nicht thematisiert, weil es im Vergleich zu den bekannten Sorgen wie ein Luxusproblem wirkt: Wie alle jungen Berufstätigen müssen auch Dozenten auf einmal mit einer neuen Rolle zurechtkommen. Sie nehmen fast die gleiche Position wie Lehrer ein – aber sie müssen Autoritätspersonen für Studenten sein, die meist nur wenige Jahre jünger sind als sie selbst. Laut den neusten Zahlen des Statistischen Bundesamtes aus dem Wintersemester 2014/2015 sind deutsche Studenten im Schnitt 23,5 Jahre alt – und der Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs besagt, dass rund die Hälfte der Promovierenden an den Universitäten jünger als 28 Jahre ist. Gerade saßen sie noch selbst Seminar. Jetzt stehen sie vor dem Kurs und dozieren.

Als Dozent muss man auf einmal Fristen setzen, die man selbst nicht eingehalten hätte

Das kann zu schwierigen Situationen führen. Auf einmal müssen sie Fristen setzen, die sie selbst als Studenten nur nach durchwachten Nächten in der Uni-Bibliothek einhalten konnten. Sie müssen damit klarkommen, dass sie manche Studenten viel zu sympathisch finden. Oder andere überhaupt nicht mögen.

Thomas, 31, betreut Übungen in Chemie. Am Abend vor der Abgabefrist für die Hausarbeiten ploppen alle paar Minuten E-Mails auf seinem Handy-Display auf. Studenten entschuldigen sich, dass sie nicht rechtzeitig abgeben können. „Fast ein Drittel des Kurses schafft es nicht fristgerecht“, sagt Thomas, „und es ist super nervig, wenn du merkst, dass dich die Studenten verarschen.“

In den E-Mails nennen sie sehr unterschiedliche Gründe. Manche schreiben, dass sie einfach zu viel zu tun hatten. Dann hat Thomas kein Problem mit einer späteren Abgabe. „Als Student hatte ich doch selbst ständig Stress mit den Fristen. Das verstehe ich.“ Meistens erzählen die Studenten aber, dass sie wegen wichtiger Familienfeiern oder Krankheiten nicht rechtzeitig fertig geworden sind. Dann hat Thomas das Gefühl, angelogen zu werden: „Das fällt einem doch nicht erst am Abend der Abgabe ein. Ich frage mich manchmal, für wie dumm mich die Studenten halten.“

Er musste lernen, in solchen Situationen deutliche Worte zu finden. Sein erstes Seminar hielt er mit 26, da fiel ihm das noch schwer. „Ich habe immer sehr nett reagiert, wenn mir Studenten geschrieben haben. Weil ich es komisch fand, autoritär aufzutreten – gegenüber Menschen, die nur ein paar Jahre jünger waren als ich.“ Aber er merkte, dass das nicht lange gut gehen würde. Heute spricht er es direkt an, wenn er vermutet, dass ein Student nur eine Ausrede vorschiebt.

Der Ärger über Studenten kann sich auch auf das Privatleben und die eigene wissenschaftliche Arbeit auswirken. Anne Frenzel ist Psychologieprofessorin an der Ludwig-Maximilians-Universität München und erforscht, wie Gefühle die Lehre an Unis und Schulen beeinflussen. „Die Wissenschaft bezeichnet das als Carry-Over-Effekt: Man nimmt Gefühle von einer Situation in die nächste mit“, sagt sie. Für die Dozenten bedeutet das: Der Stress steckt an. Sie sitzen auch mit schlechter Laune am Schreibtisch, wenn sie forschen – und das gleich am Anfang ihrer wissenschaftlichen Karriere. Darunter kann die Motivation leiden.

Lena ist mit einer Studentin befreundet. An einem Tag trinken sie Kaffee, am nächsten Tag sitzt sie wieder in ihrem Seminar

Manche können das ausgleichen: „Wenn jemand viel Spaß am Forschen hat, kann es sein, dass der Ärger über die Lehre schnell verfliegt“, sagt Anne Frenzel. Anders sieht es aus, wenn die Betroffenen gleichzeitig auch in ihrer Forschung an einem schwierigen Punkt stecken. „Dann frisst sich das richtig in den Köpfen fest.“ Verschiedene Studien zeigen, wie sich negative Gefühle auf das Denken auswirken: „Man schafft es nicht mehr, Querverbindungen herzustellen und kreativ zu sein. Das geht nur in guter Stimmung.“

Schwierig kann es aber auch sein, wenn das Verhältnis zu den Studenten zu gut ist. Lena zum Beispiel, ebenfalls eine junge wissenschaftliche Mitarbeiterin, hält Seminare in Medienwissenschaft und hat sich mit einer Studentin angefreundet. An einem Tag trinken sie gemeinsam Kaffee, am nächsten Tag sitzt die Freundin wieder als Studentin in ihrem Seminar. Lena ist froh, dass ihre Freundin gute Arbeiten schreibt, „sonst wäre das komisch.“ Sie hat aber nicht das Gefühl, dass die Freundschaft sie bei der Bewertung beeinflusst: „Ich habe klare Bewertungskriterien, da ist nicht viel Spielraum.“

Von diesen angeblich klaren Bewertungskriterien will Psychologieprofessorin Anne Frenzel nichts hören: „Wir sind viel weniger objektiv, als wir es uns wünschen und eingestehen.“ In der Wissenschaft wird das als Halo-Effekt bezeichnet: Sympathie wirkt sich auch auf die Wahrnehmung der Leistung einer Person aus. Das kann in Studien leicht gemessen werden, erklärt Frenzel: Haben Teilnehmer eine negative Information über den Autor eines Textes, finden sie mehr Rechtschreibfehler. Wirkt der Autor durch eine bestimmte Information sympathisch, übersehen sie die Fehler.

Max ist mit einer Studentin zusammen. Sie belegt bewusst keine Seminare bei ihm

Politik-Dozent Max will solche Situationen bewusst vermeiden. Er ist mit einer Studentin zusammen. Die beiden haben sich in einer Hochschulgruppe kennengelernt, die er leitet. Für seinen Professor ist das in Ordnung, solange er nicht ihre Abschlussarbeit betreut. Aber Max will sie überhaupt nicht benoten müssen. Darum belegt seine Freundin seit dem Beginn ihrer Beziehung andere Seminare. Das Getratsche ist sowieso schon groß.

Anfang des Jahres wurden an der amerikanischen Harvard University Beziehungen zwischen Dozenten und Studenten verboten – in Deutschland würde ein solches Verbot gegen das Persönlichkeitsrecht verstoßen. Das heißt: Max und seine Freundin machen nichts falsch. Psychologieprofessorin Anne Frenzel sieht Freundschaften und Beziehungen zwischen Uni-Mitarbeitern und Studenten auch nur dann kritisch, wenn die Dozenten die Studenten bewerten müssen. Sie meint aber, dass viele Dozenten diese Situation sowieso vermeiden und es verdrängen, wenn sie einen Studenten besonders sympathisch finden. Das Gute: Irgendwann sind auch die mit dem Studium fertig. „Ich glaube, dass viele Dozenten froh sind, wenn sie die Studenten nicht mehr bewerten müssen. Und sie einfach nett finden und auf ein Bier treffen können.“

Max fühlt sich wohl mit seiner Freundin. Trotzdem findet er manche Situationen komisch. Sie wohnt in einer WG mit anderen Studenten. Abends sitzen sie oft gemeinsam am Küchentisch und diskutieren über ihre Dozenten und den Uni-Stress. „Da merke ich immer, dass ich vor zwei Jahren die gleichen Sorgen und Probleme hatte. Jetzt stehe ich auf der anderen Seite.“

*Die Namen der wissenschaftlichen Mitarbeiter wurden geändert.

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