Brettsport-Erfolgsmaschine in Tracht

„That’s so radical, dude!“ – das Snowboard-Wunderkind Shaun White kommt als Tourist nach München und kauft sich eine Lederhose. Wir waren dabei.
Von Christian Helten
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Foto: Christian Helten

Hinter dem Vorhang der Umkleidekabine ist nur ein leises Rascheln zu hören. Dann plötzlich: Schallendes Gelächter, wie es selten ertönt im vornehmen Trachtengeschäft, wo sich normalerweise die Münchner Schickeria einkleidet. Heute aber tritt Snowboard-Wunderkind Shaun White aus der Umkleidekabine. Der Amerikaner hat sein Rockstar-Outfit aus schwarzer Lederjacke und engen Jeans gegen bayerisches Hirschleder und Leinen getauscht, lediglich Armreifen und Sonnenbrille sind geblieben – und seine Wortwahl: „That’s so radical, dude!“, lässt Shaun seine Entourage wissen, während er sein bayerisches Spiegelbild betrachtet.

Der Lederhosenkauf ist Teil eines Touristentags, den Shaun White sich in München gönnt. Kurz zuvor hat der 21-Jährige einen wichtigen Snowboardcontest in der Schweiz gewonnen, nach einem Kurzbesuch bei Red Bull Deutschland geht es nach Österreich ins Hauptquartier des Sponsors, danach zurück in die USA. Ein strammer Zeitplan, wie immer auf seinen terminbepackten Reisen. Wenn er schon mal in Europa ist, will jeder sein Stück Shaun haben. Denn Shaun White ist eine Brettsport-Erfolgsmaschine.

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Foto: Christian Helten

Mit sechs Jahren bekam er seinen ersten Sponsorenvertrag von Marktführer Burton, mit 14 wurde er Snowboardprofi. Er dominierte internationale Contests und gewann dort fünfstellige Preisgelder und Autos, bevor er überhaupt einen Führerschein hatte. Mit dem „Shaun White Album“ erschien 2004 eine Film-Biographie über sein Skate- und Snowboardleben – noch vor seinem 18. Geburtstag. Der endgültige Durchbruch zum Weltstar kam 2006, als er olypmisches Gold im Snowboarden holte. Zwischen seinem Finalsieg und der Abschlussfeier der Spiele jettete Shaun nach New York für ein Covershooting des Rolling Stone und nach Los Angeles zur Talkshow von Jay Leno. Und es könnte noch besser kommen: Bei den Sommerspielen 2012 wird voraussichtlich auch Skateboarden olympisch werden. Shaun hätte damit die Chance, als ein Athlet in die Geschichte einzugehen, der sowohl bei Sommer- als auch Winterspielen eine Medaille geholt hat.

Auch auf seiner privaten Besichtigungstour in München ist Shaun White immer ein Stück weit Star. Für das Foto vor dem Rathaus – geknipst von einem Fotografen, den Sponsor Burton allein dafür bezahlt, Shaun auf allen Reisen zu begleiten – tauscht der Medienprofi seinen Starbucks-Becher gegen eine Dose Red Bull. Den Kameramann, der die München-Tour für den Energydrink-Hersteller filmisch dokumentiert, scheint er gar nicht wahrzunehmen. Shaun White stört es nicht, im Mittelpunkt zu stehen, und er bemüht sich kein bisschen, unerkannt und unauffällig zu bleiben.

Mit ihrer Lautstärke und Rockstar-Körpersprache unterhalten Shaun und sein Gefolge das Trachten-Kaufhaus. Sie probieren ausgiebig Lederhosen, Hüte und Wanderstöcke und haben einen Riesenspaß dabei. Den Rest des Tages läuft er in seinem neuen Trachten-Outfit durch die Stadt, übt Schuhplattler-Luftsprünge in der Fußgängerzone und testet das Hirschleder auf seine Skateboard-Kompatibilität. Der Informationsgehalt seiner Besichtigungstour durch die Münchner Innenstadt ist für Shaun zweitrangig. Ob ihm vom Alten Peter aus die umliegenden Gebäude erklärt werden oder die Legende vom Teufelstritt in der Frauenkirche – sämtliche Informationen dienen vor allem als Ansatzpunkte für Witze und Blödeleien, die es im Minutentakt hagelt.

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Foto: Christian Helten

Ernsthaftigkeit wird von einem Snowboardstar kaum erwartet. In einem Geschäft, wo ein verwüstetes Hotelzimmer nicht zum Skandal und dem Ende von Sponsorenverträgen führt, sondern dem Sportler lediglich mehr Glaubwürdigkeit verleiht, muss ein millionenschweres Ausnahmetalent kein tiefes kulturelles Interesse heucheln. Lederhosen, Hawaii, Shauns Blick auf Leute und Lebensart ist da schon genauer. Vor allem der in München häufig zur Schau gestellte Reichtum und das damit verbundene Stilbewusstsein fallen ihm auf: „Die Leute und vor allem die Mädchen haben mehr Klasse als bei uns in den Staaten. Hier sieht man verdammt viele Style-Queens.“

 

Nicht nur die haben es ihm angetan. Shaun findet die Stadt sehr entspannt („wahrscheinlich wegen des guten Biers“) und könnte sich durchaus vorstellen, eine Weile in München zu wohnen. Auch wenn er zunächst wieder abreist, seine Lederhosen will er gar nicht mehr ausziehen: „Dude, I’m definitely flying home in this“, verkündet Shaun und prophezeit der Tracht augenzwinkernd eine Karriere in den USA. „Leicht möglich, dass Lederhosen in den Staaten bald der heiße Scheiß werden.“ Immerhin hat Snoop Dogg sie schon bei den MTV-Awards getragen, und es ist möglich, dass Shaun seine Münchner Lederhosen-Erfahrungen für seine nächste Kollektion nutzt. Den Slogan weiß er schon: „Designed bei Hans Weiß.“

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