Das blaue Wunder

Verena kommt aus der bayerischen Provinz und hat bunte Haare. Als "Verena Schizophrenia" hat sie im Internet mehr Publikum als das ZDF. Über eine neue Kategorie Star: die Normalo-Prominenz.
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Die Hände des Mädchens zittern, während sie mit dem Zeigefinger auf ihrem Smartphone hin und her wischt. „Verena Schizophrenia, ich fasse es nicht!“ Sie betrachtet ein Selfie, das sie gerade aufgenommen hat: links Verena, 1,55 Meter groß, überall tätowiert, blaue Haare und das Gesicht voller Piercings, rechts das kleine blonde Mädchen mit Dirndl. „Ist doch ganz hübsch geworden“, sagt Verena. Das Mädchen kichert, Verena umarmt sie, dann gehen sie getrennter Wege weiter übers Straubinger Gäubodenfest: der Promi und sein Fan.

Verena Geiß, Künstlername „Schizophrenia”, gelernte Kinderpflegerin, ist 22 Jahre alt und ein Star. Keiner, den man aus dem Fernsehen kennt – Verena kann weder besonders gut singen noch schauspielern. Trotzdem bewundern sie Zehntausende. Wenn sie ein Foto postet, schreiben 13-jährige Mädchen darunter: „Du bist so abartig schön! Kannst du nicht mal ein Fantreffen organisieren?” Und Jungs schreiben: „Du bist noch schöner als meine Freundin.” Verenas Facebook-Seite hatte eine halbe Million Fans – bis sie sie im Frühjahr deaktivieren musste. Damals musste Verena lernen, dass Fans zum Problem werden können.

Verena ist also berühmt, und „modeln” ist vielleicht noch die passendste Bezeichnung für das, was sie tut, um diesen Ruhm zu erklären. Der Begriff „Scene Model” beschreibt junge Frauen, die ein Nischen-Schönheitsideal vertreten. Sie fallen auf mit Piercings und Tattoos, haben keine klassischen Modelmaße. Verenas Laufstege sind die sozialen Netzwerke, Youtube und Instagram. Sie befüllt sie von ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung aus, in Straubing, einer niederbayerischen Kleinstadt. Zwischen rosa Wänden und Fotocollagen fotografiert und filmt Verena sich täglich selbst. 2009 hat sie sich auf Youtube angemeldet – „aus Spaß” sagt Verena, während sie durch ihre Wohnung führt. Auch heute filmt eine Freundin jeden ihrer Schritte. Dass eine Reporterin und eine Fotografin zu Besuch waren, kann sie vielleicht später in einem Video verwerten. Verenas Künstlername „Schizophrenia” stammt aus einem Song einer Band namens Brokencyde, die sie damals gut fand. Heute würde sie den nicht mehr so wählen. Aber ihn jetzt zu wechseln wäre Wahnsinn. „Verena Schizophrenia”, das ist ihr Leben – und mitterweile auch ihre Marke. Die kann man nicht einfach ändern.

Ihre Karriere zum Star beginnt mit Videos, die nichts Spektakuläres zeigen: Sie und eine Freundin wackeln gelangweilt zum Tick-Tack einer Uhr. Sie verziert Möbel mit Regenbögen. Der Alltag eines Teenagers in Niederbayern. Irgendwann nimmt Verena ein „Make-up-Tutorial” auf – sie filmt, wie sie sich schminkt. 300 000 Mal wird dieses Video angeschaut. Viele Sieger von „Deutschland sucht den Superstar” erreichen mit ihren professionellen Videoclips weniger Klicks. „Keine Ahnung, warum die Leute sich das damals angeguckt haben”, sagt Verena heute. Sie spricht ruhig, wirkt selbstbewusst, aber nicht wie eine Entertainerin. Unter Verenas Schminkvideo fragen Mädchen damals in den Kommentaren: Wie sie ihre Haare so blau bekomme? Welches Make-up sie benutze? Sie wollen aber auch wissen, wer genau Verena ist. Und sie antwortet, macht neue Videos und Fotos. Bei Facebook gründen sich erste Fanseiten mit bis zu 15 000 Fans. In Foren schreiben Mädchen: „Wie kann ich ein Site-Model werden wie Verena Schizophrenia?” 2011 gibt sie den Wünschen ihrer Fans nach und übernimmt eine Fanseite als ihre eigene.

Nach der Trennung von ihrem Freund beschimpfen manche Verena als "Schlampe". Dabei haben sie sie noch nie getroffen.

Ein Mädchen vom Rand des Bayerischen Walds, das sich gut schminken kann, wird auf einmal berühmt. Ihre Fans leben in ganz Deutschland, auch im Ausland schaut man ihre Videos. Die meisten Fans sind Mädchen in der Pubertät. Mit dem Erfolg werden Verenas Videos professioneller – und persönlicher. Auf Youtube kann man sie mittlerweile beim Feiern im bayerischen Wald beobachten („Follow me around – Party in Zwiesel”), mit ihr ins Piercingstudio gehen („Septum-Piercing! <3”) oder ihren Bruder kennenlernen („Lady Gaga-Playback Medley! <3”). Ihr größter Erfolg sind aber „Hauls” – Videos, in denen Verena ihre Einkäufe bewertet. Sie spricht mit großem Ernst über Materialien von Pullovern oder sagt: „Dieses Deo ist von Balea, das ist eine Marke, die ich wirklich liebe. Das hier ist neu und riecht nach Himbeere und Zitronengras.” Die Videos werden zehntausendfach geklickt. Die Fans wollen auch nach Himbeere und Zitronengras riechen und so an Verenas Leben teilhaben. Als sie eines Tages postet, dass sie und ihr Freund sich getrennt haben, bricht für viele eine Welt zusammen: „Ihr seid doch ein so schönes Paar gewesen”, oder: „Wie kannst du Schlampe das tun?”

In ihrer Wohnung macht sich Verena bereit für das Gäubodenfest. Sie schreibt auf Instagram, wohin sie gleich geht. Es ist ihre tägliche Routine.

Mit der Gier der Fans nach Informationen aus ihrem Privatleben hat Verena lange gespielt. Irgendwann wurden sie sauer, wenn Verena ihre Fragen nicht beantwortete. Sie beschimpften sie als „stinkfaul”, wenn sie drei Tage auf einen Post warten mussten. Dass Verena zur gleichen Zeit als Kinderpflegerin arbeiten und ihr Abitur nachholen musste, behielt sie für sich. Inzwischen weicht sie auch bei Nachfragen zu ihrer Familie oder ihrem Freund aus. Sie hat dazugelernt.

„Vielleicht habe ich indirekt auch selbst Schuld, dass manche Leute fiese Sachen schreiben, wenn ich ihnen mein Privatleben so ausliefere”, sagt Verena. „Das macht es ihnen leicht, an mir Fehler zu finden. Dabei sind die doch menschlich.” Weil ihr Youtube-Kanal so beliebt ist, bekommt sie manchmal Klamotten oder Kosmetik geschickt. Ihr Schlafzimmer ist deshalb mittlerweile ein begehbarer Kleiderschrank, Verena schläft im Wohnzimmer auf der Couch. „Für die Produkte bin ich sehr dankbar, Extensions sind teuer. Ich sage dann aber natürlich trotzdem in den Videos ganz ehrlich, wenn ich ein Produkt schlecht finde”, sagt sie. Manche behaupten, dass sie für die Hauls von den Herstellern bezahlt würde. Verena streitet das ab. Tatsächlich wirkt sie nicht wohlhabend – bei Telefonaten bittet sie um Rückruf, weil ihr Guthaben nicht ausreicht, an der Wand hängen sauber aufgepinnte Einkaufsbelege.

Trotzdem glaubten immer mehr Fans, Verena würde mit ihrem Ruhm viel Geld machen. Dazu las sie in den Kommentaren immer öfter eine neue Art der Abwertung: den Vorwurf, sie sei ein schlechtes Vorbild. Weil Verena gerne feiern geht und auch mal einen Pullover trägt, auf dem „Dope” steht. Ein Vorwurf, der auch jungen Stars wie Miley Cyrus immer wieder gemacht wird – allerdings mit dem Unterschied, dass Miley Cyrus Talente hat, die für Mädchen nachahmenswert sein könnten: Sie schauspielert und singt und tanzt. Verena teilt einfach nur ihren Alltag.

Im Frühjahr 2014 machen Verenas Kritiker ihre Karriere kaputt. Damals geht ein anonymer Blog online, der angebliche Vergehen von Verena sammelt. Bilder, auf denen sie sich dünner retuschiert haben soll. Screenshots, die beweisen sollen, wie sie in Facebook-Kommentaren Fans anmotzt. Der Blog animiert dazu, weiteres Material gegen Verena zu sammeln. Die Begründung: Man wolle ihr doch nur zeigen, dass sie sich für ihren pummeligen Körper nicht schämen müsse.

Die Seite hat schnell mehr als 30 000 Fans, Hasskommentare überfluten Verenas Facebook-Seite. Fans verlangen „Beweise”, dass sie sich nicht dünner macht. Manche schreiben, sie seien enttäuscht, dass Verena so ein schlechtes Vorbild sei. Eine Zeit lang kämpft Verena dagegen an. Sie beantwortet Fragen und löscht die schlimmsten Kommentare. Sie erstattet Anzeige gegen die unbekannten Blogbetreiber. Sie weint viel, sagt sie. Aber irgendwann wird sie müde. Sie geht den letzten Schritt und deaktiviert ihre Facebook-Seite. Mit einer halben Million Fans. Das sind deutlich mehr als das ZDF auf Facebook hat.

Wer will schon Rihanna auf ihrer Yacht sehen, wenn er sich auch mit normalen Leuten vergleichen kann?

Verena versteht den Ärger ihrer Fans auch heute nicht: „Das in den Videos, das bin doch nur ich”, sagt sie. „Ich freue mich, wenn die Leute meine Videos mögen, aber ich verlange dafür keine Extrabehandlung.” Vielleicht ist das aber auch das Problem: Wäre Verena Schizophrenia eine reine Kunstfigur, könnten die Kommentare an ihr abperlen. Aber eine Kunstfigur macht keine Videos aus dem eigenen Schlafzimmer und stellt niemandem ihren Bruder vor. So trifft der Hass die echte Verena.

Zurück auf dem Gäubodenfest, Straubing. Die meisten Menschen tragen Dirndl und Lederhosen. Sie drehen sich um nach der blauhaarigen Frau. Mädchen tippen einander in die Seite, wenn sie Verena sehen. Manche fragen nach einem Foto. Verena kennt das: „Ich freue mich, meine Zuschauer zu treffen”, sagt sie.

Warum also hat ausgerechnet sie so einen Erfolg? Für die Antwort überlegt Verena lange. „Vielleicht”, sagt sie, „weil die Leute merken, dass ich genau so ein Leben habe wie sie.” Vermutlich hat sie Recht. Youtube-Kanäle von Normalo-Prominenten, etwa Pärchen, die zusammen in den Supermarkt gehen oder streiten, sind zur Zeit erfolgreich. Weil durchschnittlichen Menschen der Vergleich mit anderen Durchschnittsmenschen manchmal lieber ist als der mit echten Promis: Wer will schon Rihanna täglich auf einer anderen Yacht sehen, wenn er auch am Leben eines Menschen teilhaben kann, der sich nur in der Haarfarbe von ihm selbst unterscheidet?

Bald beginnt Verena eine Ausbildung, dann bleibt zwangsweise weniger Zeit für Videos und Fotos. Ihre Facebook-Seite hat sie vor kurzem allerdings wieder aktiviert. „Ich hab alles Private gelöscht und nur noch professionelle Fotos und Videos stehen lassen”, sagt sie. Die ersten Kommentare sind nett, manche schreiben, sie würden über ihre Rückkehr gerade vor Freude weinen. Bei Youtube war Verena nie offline. In einem ihrer letzten Videos sammelte sie Vorschläge der Fans für ein Spiel, das sie im nächsten Video spielen will. Es heißt „Wahrheit oder Pflicht”. Die Fans wollen unter anderem, dass sie Nutella mit Senf isst und sich ein rohes Ei auf den Kopf schlägt. Verena hat mitgemacht."

Text: charlotte-haunhorst - Foto: Tanja Kernweiss

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