Das Kind im Wok

Wenn man Kinder kriegt, ist die WG-Zeit vorbei? Muss nicht sein! Unsere Autorin muss es wissen, denn sie lebt in einer Siebener-WG: sechs Frauen und ein Baby.
Von Pia Rauschenberger

Glückliches Baby = glückliche Mitbewohnerinnen.

Foto: przemekklos/photocase.de; Illustration: Katharina Bitzl

Wir sitzen am Küchentisch. Mara fallen die Augen zu. Juli streckt sich. Mia und Miri seufzen. Es ist Sonntagabend und alle sind müde. Manche wegen der durchtanzten Nacht, andere wegen einer Abgabefrist für die Uni. Alle sind müde? Nein. Eine ist wach. Mascha liegt im Arm ihrer Mama Klara und quiekt aufgeregt. Früher hätten wir uns an so einem Sonntagabend vor den Fernseher gehauen. Jetzt sind alle Augen auf Mascha gerichtet, die ihre Zunge rausstreckt und wie Joe Cocker mit den Händen fuchtelt. Das ist lustig und beruhigt – besser als Tatort. 

Den Fernseher hat sowieso eine Mitbewohnerin mitgenommen. Sie ist ausgezogen, weil sie sich nicht vorstellen konnte, ständig von einem Kind umgeben zu sein. Als Klara vergangenen Sommer auf einem WG-Plenum erzählt hat, dass sie schwanger ist und trotzdem bei uns wohnen bleiben will, gab es einige Bedenken: Kann das gut gehen, ein Kind in einer Sechser-WG? Müssen wir uns dann ändern? „Ist das nicht ein bisschen umständlich?“ und „Dann musst du aber leise und sauber sein, oder?“, fragten auch einige unserer Freunde, als wir von Klaras Schwangerschaft erzählten.  

Leise sein? Manchmal schwierig. Vor allem in einer WG, in der wir uns nachts im Flur noch schnell die Geschichte von dem einen Typen aus dem Workshop zu Ende erzählen wollen oder betrunken gegen die Garderobe stolpern und dabei Krach machen. In der wir sowieso gerne Krach machen, viele Freunde einladen und Zigaretten am Küchenfenster rauchen. Sauber sein? Das ist auch so eine Sache. Über den Putzplan wird bei jedem WG-Plenum diskutiert. Schon bevor Klara schwanger wurde.  

Trotzdem wollte Klara nicht mit ihrem Freund zusammenziehen, sondern bei uns bleiben. Manche Menschen wundert das, mich eigentlich nicht. Denn das ist es doch, was die meisten Leute vom Kinderkriegen abhält: die Angst, dass dann alles vorbei ist. Die Jugend, das gute Leben, die wilde Zeit. Alle Welt versucht ihr Bestes, aber am Ende bleibt doch dieses Unbehagen, plötzlich nur noch von der neuen Kleinfamilie umgeben zu sein. Statt WG-Talk über Kneipen-Geschichten nur noch Unterhaltungen über Zähne und Impfungen. Statt gemeinsamer WG-Party-Pläne nur noch absprechen, wer wann Windel kaufen geht.    

Die WG fühlt sich jetzt familiärer an, die Mitbewohnerinnen sind von einem Zauber aus Zartheit umgeben

Die Schwangerschaft war aufregend und anstrengend. Vor allem für Klara. Sie war schwanger, aber wir immer noch dieselben: Miri, Mara, Juli, Mia und Pia, die Krümel in der Küche und ihre Klamotten im Bad hinterließen. „Das ist etwas eklig hier“, sagte Klara einmal. Zweimal. Mehrmals. Manchmal haben wir das verstanden. Manchmal aber auch nicht. Wir haben uns Mühe gegeben, aber unser Leben ist eben ganz normal weitergegangen, mit Studium, ersten Jobs und Beziehungsproblemen.  

Das tut es immer noch. Wir sind mal laut, mal leise, mal traurig, mal lustig – wie immer. Den Putzplan halten wir immer noch nicht ein, wir haben immer noch oft Besuch von Freunden und planen große Partys. Es sind eher Kleinigkeiten, die sich geändert haben: Auf unserer Waschmaschine gibt es jetzt eine Wickelauflage und manchmal steht ein Stubenwagen in der Küche. Und Klaras Alkoholpause hat mehrere WG-Mitglieder inspiriert. Zumindest vorübergehend. An diesen Details merkt man: Hier wohnt jetzt auch Mascha. Zusammen mit ihrer Mama und ihren fünf Tanten, die ihr alle irgendwas beibringen wollen: Klettern, Nähen, Auflegen. Bis jetzt können wir für sie vor allem eins tun: sie rumtragen. Wenn sie länger schreit, wird sie wie eine heiße Kartoffel zu ihrer Mutter gebracht: „Hier! Schnell! Ich glaub’, die muss gestillt werden!“    

Am meisten hat sich vielleicht die Atmosphäre geändert. Die WG fühlt sich familiärer an, wir Mitbewohnerinnen sind von einem Zauber aus Zartheit umgeben. Wenn Mascha morgens neben der Zeitung auf dem Küchentisch liegt, machen wir entzückte Geräusche.    

Klara hat für unsere Euphorie nur ein müdes Lächeln übrig. Einmal kackte Mascha beim Wickeln quer durchs Zimmer. Wir mussten lachen, als wir davon hörten. Die Eltern lachten mit – hinterher war es auch für sie lustig. Ich habe oft das Gefühl, nur die Sonnenseiten mitzubekommen. Da ist einfach dieses süße Baby zum Anschauen und Gernhaben. Alles, was nervig ist, stehen Eltern und Kind hinter Klaras verschlossener Zimmertür durch.  

Als ich für zwei Monate aus Berlin wegmuss, bin ich traurig. Mascha ist sechs Wochen alt. In zwei Monaten wird sie doppelt so groß sein wie jetzt. Zumindest in meiner Vorstellung. Zum Glück schickt Klara Fotos: Mascha mit einem Schild „Ich bin jetzt zehn Wochen alt!“, Mascha in unserem Wok auf dem Küchentisch. Wieder bekomme ich nur die Sonnenseiten mit.  

Vielleicht denke ich deshalb, dass ich es genauso machen würde. Mit Freundinnen wohnen und eine Familie haben – das muss sich nicht ausschließen. Vielleicht bekommen wir alle irgendwann Kinder und leben trotzdem noch zusammen. Ich finde, sobald Mascha sprechen kann, darf sie beim WG-Plenum mit abstimmen, wann die nächste Party stattfinden soll.

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