Betreff: WG-Zimmer!!!

Wer ein einigermaßen schönes und bezahlbares WG-Zimmer zu vergeben hat, wird von Bewerbungsmails überflutet. Mithilfe dieser Typologie lassen sich die Absender durchschauen und in fünf Ordnern sortieren.
Text: Daniela Gassmann, Illustrationen: Katharina Bitzl

Der Überhebliche 

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Illustration: Julia Schubert

Das sucht er:

Penthouse, Loft oder einfach Altbau, dann aber auf jeden Fall was mit Stuck und Fischgrätparkett. Wenn dann noch die Lage stimmt und die Dachterrasse  genug Platz für seine 50 besten Freunde bietet, ist er recht zufrieden. 

Das schreibt er:

„Über mich gibt es enorm viel zu erzählen. (...) Meine Welt ist groß: In meiner Freizeit reise ich viel. Ich war praktisch schon überall. (...) Vielleicht habt ihr schon von mir gehört, in München kennt mich eigentlich jeder. DJ bin ich nämlich auch. Letztens hab ich paar Schnäpse mit Matthias Schweighöfer geschüttet, das war krass. (...) Ich hab Dienstag zwischen 17.00 und 17.30 Uhr Zeit fürs Casting!“ 

Was er damit wirklich sagt:

Wann darf ich einziehen und wie könnt ihr mich überzeugen? 

So kreuzt er zum Casting auf:

Mit Verspätung. Er hatte nämlich noch ein heißes Date mit dem C-Promi aus der zweiten Staffel von Germany’s Next Topmodel. Name ist ihm leider entfallen. 

Seine Chancen:

Arroganz ist unsympathisch. Aber seine (angeblichen) Connections kommen gut bei WGs an, die von der großen Hollywood-Karriere träumen oder auf Matthias Schweighöfer stehen.

Der Unterwürfige

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Illustration: Julia Schubert

Das sucht er:

Ein beliebiges Zimmer, in dem es wärmer und schöner ist als unter der Brücke. Und zwar bis nächsten Montag. 

Das schreibt er:

„Ich würde das Zimmer sofort nehmen – auch ohne Besichtigung!!! Ich bin bereit, 50 Euro auf die Monatsmiete aufzuschlagen, schließlich ist 600 ja auch so eine schöne gerade Zahl. ;) Übrigens: Ich koche, backe und putze für mein Leben gern. Wenn ihr wollt, kann ich alle Hausarbeiten übernehmen. Ansonsten bin ich anpassungsfähig.“ 

Was er damit wirklich sagt:

Ja, ich bin verzweifelt. Bestechung ist meine letzte Chance. 

So kreuzt er zum Casting auf:

Mit einer Flasche Wein und riesiger Pralinenpackung. Außerdem bringt er noch einen selbstgemachten Kuchen mit. 

Seine Chancen:

Punkten kann er nur bei reinen Zweck-WGs und Bewohnern in Geldnot.

Der Pseudo-Spaßvogel

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Illustration: Julia Schubert

Das sucht er:

Endlich was eigenes, obwohl es bei Mami auch nett war. Mit den Mitbewohnern will er Sekt Orange trinken, Monopoly spielen und „Wer wird Millionär“ gucken. Nach 21 Uhr sollte in der WG nicht geduscht oder auf dem Flur geratscht werden. 

 

Das schreibt er:

„Hallöle! ;-DD Ich habe euch ein Backrezept für den perfekten Mitbewohner (nämlich mich :-D ) zusammengestellt. Also: Zuerst mischt man 60 kg gute Laune mit 4 Semestern Studium der Kommunikationswissenschaft. Damit der Teig gelingt, fügt man dann eine Prise Sauberkeit sowie eine Messerspitze Humor hinzu. ;-DD“ 

 

Was er damit wirklich sagt:

Ich habe einfach meine Charakterisierung aus der Abi-Zeitung abgeschrieben, weil mir sonst nichts einfiel. Seitdem ist eh nicht viel passiert. 

 

So kreuzt er im Casting auf:

Im Kopf die Witze, die er vor dem Spiegel geübt hat. Im linken Arm den O-Saft, im rechten den Sekt – unter der Woche natürlich alkoholfreien.

 

Seine Chancen:

Landet die Mail im Posteingang von leidenschaftlichen Brettspielern, Jauch-Fans oder Senioren, dann ist ihm die neue Küche für sein Rezept sicher. Ansonsten eher nicht.

 

Der Copy-Paster

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Illustration: Julia Schubert

Das sucht er:

Hauptsache vier Wände und ein Dach. Der Rest ist ihm latte. 

 

Das schreibt er:

17.30: „Hi Thomas, ich würde mir gerne das Zimmer in der Schwanthalerstraße ansehen. Klingt super! Ich bin 22 Jahre alt, studiere Maschinenbau und trinke manchmal Bier. Ciao...“ 17.32: „Sorry, Brigitte!!! Hab da wohl was veplant. Lass dich nicht verwirren, ich meinte in meiner ersten Mail schon eure WG in der Chiemgaustraße. Wirklich! Also dann, ciao!“ 

 

Was er damit wirklich sagt:

Ich scheiß' drauf, wie ihr heißt und wer ihr seid. Hauptsache ich finde endlich 'ne neue Bude.  

 

So kreuzt er zum Casting auf:

Selbst wenn ihn doch jemand einlädt: Gar nicht. Er hat sich in der WG geirrt und ist aus Versehen zu Thomas in die Schwanthalerstraße geradelt.

 

Seine Chancen:

Nicht vorhanden. Ein und dieselbe Mail wird in über 100 Papierkörbe wandern.

 

Der Jammerlappen

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Illustration: Julia Schubert

Das sucht er:

Eine Wohlfühloase mit Menschen, die immer für ihn da sind. Nicht, dass er ständig rumheulen würde, aber man sollte sich in harten Zeiten als Wohngemeinschaft schon mal in den Arm nehmen. 

 

Das schreibt er:

„Mein Vermieter setzt mich in fünf Wochen auf die Straße und die Wohnungslage ist wirklich deprimierend. Langsam kommt die VERZWEIFLUNG. Ich dachte schon, es wäre aussichtslos. Dann habe ich euere WG-Anzeige entdeckt – ihr seid echt meine LETZTE CHANCE! Also bitte, bitte ladet mich zum Casting ein!!!!“ 

 

Was er damit wirklich sagt:

Ich bin ein armes Würstchen und niemand will mich haben. Könnt ihr das mit eurem Gewissen vereinbaren, mich auf die Straße zu setzen? 

 

So kreuzt er zum Casting auf:

Mit Hängeschultern und verquollenen Augen. Dabei hat er eine große Packung Taschentücher. 

 

Seine Chancen:

Außer Mutter Theresa und Menschen mit ausgeprägtem Beschützerinstinkt sehr mies. Niemand will sich von der personifizierten schlechten Laune kostbare Casting-Zeit klauen lassen.

 

 

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