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Vegetarier-Demenz, Buletten-Battle und Tatortreinigung: Nach Mitternacht folgt die Nahrungsaufnahme ganz eigenen Gesetzen. Das Phänomen Nachtessen von A bis Z.
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A wie Aus dem Topf
Weithin akzeptierte Technik des Nachtessens, bei der der klassische Weg über den Teller abgekürzt wird und Chili, Gulasch oder -> Nudelsalat direkt aus dem Kochgefäß in den Mund geführt werden. Anwendung für gewöhnlich im letzten Drittel von WG-Partys, die zur Verschmutzung sämtlicher verfügbarer Teller und Schüsseln geführt haben (siehe auch -> Lex Barillae). Häufig beobachtete Hilfsmittel: Holzlöffel, Teigschaber, Schlagzeugsticks.
 
B wie Buletten-Battle
Wettstreit zwischen ehrgeizigen Zulieferern eines Party-Buffets, wessen mitgebrachtes Nachtessen denn am schnellsten von den Gästen verzehrt wird. Grobes Foul im Buletten-Battle: Die Verunstaltung des gegnerischen Brownie-Tellers durch einen beherzten Schuss Löwensenf. Je nach regionaler Herkunft auch bekannt als -> Käseigel-Krieg.
 
C wie CO2-Bilanz
Beliebte Nachtgerichte im Klimasünder-Vergleich. Döner: 1890 Gramm CO2-Äquivalent (Kalb) bzw. 490 Gramm (Pute), Currywurst: 495 Gramm, Burger: 2160 Gramm, Leberwurstbrot: 132 Gramm.

D wie Durstmacher
Bezeichnung für das Nachtessen, das Barkeeper den Gästen reichen. Ob Nüsschen oder Salzstangen, Chips oder Oliven – wichtigster Bestandteil des Durstmachers ist Salz. Durstmacher gelten unter Wirtschaftsexperten als Paradebeispiel für Win-Win-Situationen: Barbetreiber machen mehr Umsatz, Nachtesser fühlen sich zuvorkommend behandelt (-> Elektrolyte). Nur Hygienefanatiker wenden sich grundsätzlich von Schalen voller Durstmacher ab, „weil die doch total voll mit Keimen sind“.
 
E wie Elektrolyte
Gelöste Salze, denen beim Nachtessen eine entscheidende Rolle zukommt: Ein Elektrolyt-Mangel (die sogenannte „Elektro-Lücke“), versehentlich herbeigeführt durch übermäßigen Getränkekonsum, gilt als sicherer Auslöser eines schweren Katers am Folgetag. Eine lückenlose Versorgung mit Elektrolyten ist deshalb unter geübten Nachtessern oberstes Gebot (-> Hühnerbrühe).
 
F wie Fünf-vor-Döner
Bislang noch weitestgehend unerforschte Zeitanomalie: Meint die Dauer zwischen Betreten der Fressbude und dem ersten noch am Tresen ausgeführten Döner-Biss (-> Papier im Mund, -> Mehrmaliger Wangenbiss, innseitig). Gemessen wird je nach Veranlagung und Verfassung in den Einheiten „Minuten“, „Menschen in der Schlange, die zuerst drankommen“ oder „Male, die das Kleingeld noch herunterfällt, bevor man bezahlt hat“. Seltsamerweise fühlt sich die Zeit jedes Mal gleich lang an, was von Experten auf das sogenannte „Boah, gleich gibt’s Fleisch“-Paradoxon zurückgeführt wird.
 
G wie Grundlage
Das Gerücht, ein gutes Nachtessen ersetze ein mittelgutes Abendessen zu Beginn der Nacht und umgekehrt, hält sich hartnäckig, ist aber gefährlicher Unsinn.

H wie Hühnerbrühe
Behelfsmäßiger Ersatz für Nachtessen, wenn sich nach einer Party sonst nichts mehr Ess- oder Überbackbares in der Küche findet (-> Lex Barillae). Professionellen Nachtessern ist Hühnerbrühe auch ein willkommenes Dessert nach dem eigentlichen Nachtessen (und sogar nach dem Zähneputzen), um den Körper mit einem rettenden Schwung -> Elektrolyte zu versorgen.

Auf der nächsten Seite: I wie Indizien-Atem bis O wie "Ohne Zwiebeln, bitte".



I wie Indizien-Atem
Wichtiger Hinweisgeber auf nicht mehr oder nur noch verschwommen rekonstruierbare Ereignisse der vergangenen Nacht. Der Geschmack, der im Mundraum beim Aufwachen dominiert, liefert bisweilen wichtige Erkenntnisse darüber, wo der Weg nach der Party hinführte (-> „Ohne Zwiebeln, bitte“), beziehungsweise was die unidentifizierbaren Reste im -> Jack LaLanne’s Power Juicer eigentlich genau sind. Der Indizien-Atem führt häufig zu unangenehmen Erkenntnissen (-> Vegetarier-Demenz).
 
J wie Jack LaLanne’s Power Juicer
Namentlich am besten bekanntes Exemplar der Gattung „Sonst ungenutzte Küchengeräte, die beim Nachtessen plötzlich zum Einsatz kommen“. Der Juicer ist unter ihnen eines der empfehlenswerteren, da die Verletzungsgefahr (-> Tatortreinigung) im Vergleich zu Stabmixer und George Foreman Grill („Lean Mean Fat-Reducing Grilling Machine“) relativ gering ist.

 

K wie Käseigel-Krieg
Siehe auch -> Buletten-Battle.
 
L wie Lex Barillae
Lackmustest für die Qualität einer Feier. Die dogmatischste Form der Lex Barillae besagt: Ist noch was mit Tomate im Haus, war’s kein geiles Fest. In gemäßigten Kreisen gibt es noch Abstufungen beziehungsweise Haltungsnoten, je nachdem ob nur die Nudelsoßen oder auch das Ketchup aus sind.
 
M wie Mehrmaliger Wangenbiss, innseitig
Gängigste Verletzung beim Nachtessen, trifft Kreisliga-Kauer ebenso wie Champions-League-Esser. Häufigste Ursache: Spontanausdehnung der Dauer von -> Fünf-vor-Döner. Auf Platz zwei: Hektisches Weiteressen trotz des Warnsignals -> Yoghurt im Schritt.
 
N wie Nudelsalat
Der Hidden Champion im -> Buletten-Battle. Macht zwar optisch weniger her als ein Käseigel, hat aber unschlagbare Vorteile: Wegen der Mayonnaise bietet er eine hochgradig funktionale -> Grundlage, ist aufgrund seines Aggregatzustands exakt in der Mitte zwischen fest und flüssig auch mit wenig Kauleistung gut schluckbar (-> Mehrmaliger Wangenbiss, innseitig) und mit jeglichem verfügbaren Esswerkzeug, notfalls sogar händisch, konsumierbar.
 
O wie „Ohne Zwiebeln, bitte“
Satz, der nach zwei Uhr morgens nie fällt (-> Indizien-Atem).

Auf der nächsten Seite: P wie Papier im Mund bis Z wie Zombie-Moment.



 
P wie Papier im Mund
Störfall, weniger gravierend als der -> mehrmalige Wangenbiss, innseitig, aber wie dieser verursacht durch allzu gieriges Nachtessen. Meist handelt es sich dabei um die Umverpackung, die bei ambulant verzehrbarem Nachtessen (Currywurst, Pizza, Köttbullar) fast immer aus Papierserviette oder Pappteller, seltener auch Alufolie, besteht.
 
Q wie Quinoa
Auch bekannt als Andenhirse oder Inkareis, ist Quinoa berühmt für ihren Mineralienreichtum sowie ihre Leistung als Senkerin von Blutfettwerten. Selbiges macht sie zum Liebling vegan-fortschrittlicher Salatmixerinnen, im Umkehrschluss aber auch zum einzigen Lebensmittel, das nachgewiesenermaßen noch nie von einem Nachtesser verzehrt wurde (-> Vegetarier-Demenz).
 
R wie Reue
Kommt erst morgen, oder auch: heute egal. (-> „Ohne Zwiebeln, bitte“)



S wie Stauraum
Das Fassungsvermögen eines Magens nach zwei Uhr morgens entspricht dem exakt 9,3-Fachen seines Volumens bei Tageslicht. Warum, weiß niemand.
 
T wie Tatortreinigung
Problematik, die sich vor allem bei Nachtessen in WG-Küchen ergibt, weil sich am nächsten Morgen nie jemand erinnert, wer noch mal die Hackfleischbällchen in den -> Jack LaLanne’s Powerjuicer geworfen hat. Die Tatortreinigung wird bei jüngeren Nachtessern häufig von der Mutter übernommen, die samstagmorgens Tee kochen will, und zieht nicht selten längliche Streitgespräche nach sich, in denen das Wort „Internat“ vorkommt.
 
U wie Überbacken
Größtmögliche Veredelung eines jeden Nachtessens. Das Überbacken verleiht jedem Gericht augenblicklich Hitze und zusätzlichen Fettgehalt. Außerdem weist das Überbacken einen eleganten Weg aus scheinbar aussichtslosen Situationen: Sogar ein ledriges altes Stück Toastbrot wird mit Hilfe von Gratinierkäse und einer Mikrowelle zum gelungenen Nachtessen.
 
V wie Vegetarier-Demenz
Plötzlich auftretender Erinnerungsverlust von Vegetariern, die während oder nach Partys ihr erlerntes und gewohntes Verhalten ablegen und beim Nachtessen vor Wonne röhrend in fetttriefende Dürüm Kebabs oder Triple-Bacon-Burger beißen.
 
W wie „Wir öffnen erst in zehn Minuten“
Stets vom Duft frischer Brötchen begleiteter Satz, in aller Regel geäußert von Bäckerlehrlingen, die gerade die ersten Croissants des Tages in die Auslage räumen.
 
X wie “X-tra scharf!”
Ausruf an der Fressbude. Gilt als Erkennungsmerkmal von Gruppen fortgeschrittener Nachtesser, die sich im sportlichen Wettkampf gegenseitig die nach oben offene Schärfeskala hinaufjagen. Führt mitunter zu unkoordinierten Löschversuchen (-> Yoghurt im Schritt) und ist in Extremfällen noch am nächsten Morgen anhand des -> Indizien-Atems erkennbar.
 
Y wie Yoghurt im Schritt
Unerwünschte Nebenwirkung des Nachtessens, die einen späteren nonchalanten Wiedereintritt in die Feiergemeinschaft deutlich erschwert. Sogar eigens für die Nacht gebügelte weiße Armani-Jeans werden durch Joghurt im Schritt schlagartig konterkariert.
 
Z wie Zombie-Moment
Augenblick der Klarheit. Trifft den Erleuchteten meist etwa zwölf Minuten nach -> „Wir öffnen erst in zehn Minuten“. Nicht selten gehen ihm voran: -> Fünf-vor-Döner, -> Papier im Mund, -> Yoghurt im Schritt und -> Mehrmaliger Wangenbiss, innseitig. Erkenntnis: „Oh. Ich bin es ja, der hier nicht ins Bild passt.“

Text: jetzt-redaktion - Jakob Biazza, Christian Helten, Jan Stremmel; Illustration: Katharina Bitzl