Die bedrohliche Macht des Nachthungers

Oder: Warum der Hunger der Feind des Exzesses ist.
Von Quentin Lichtblau
Foto: photocase/mys

Beim Weggehen hat der Einzelne ja eigentlich keine Rechte mehr. Wenn Menschen um die Häuser ziehen, verschwimmen ihre betrunkenen Hirne im Bestfall zu einer temporären Einparteiendiktatur, die den Willen zur Nacht mit einer unbeirrbaren Vehemenz vorantreibt. Entschuldigungen wie "zu müde", "zu betrunken",  "morgen früh raus" oder "mein Freund wird mich hassen" sind ab einer gewissen Uhrzeit – oder einem gewissen Zustand – schlicht ungültig. So lange noch irgendwo Musik aus einer Anlage und Bier aus dem Zapfhahn läuft, muss es auch weitergehen, so die stille Übereinkunft, Garantie für einen grandiosen Abend.

Leider gibt es in dieser perfekten Ordnung des Exzesses aber ein winziges Schlupfloch, das diese Übereinkunft aushöhlt: der Nachthunger. In jeder Gruppe befindet sich mindestens ein schwaches Glied, das früher oder später die schrecklichen Worte "wir können schon noch weiterziehen, aber ich muss irgendwo was essen" ausspricht. Gefährlich ist dieser Satz deswegen, weil er meistens nicht ignoriert wird und sich daher virenartig in der Gruppe ausbreitet. Der Hunger macht die Menschen schwach.

Sofort verdrängt er den Kontrollverlust und ersetzt ihn durch ein kleines, betüddelndes Großmütterchen: "Hast du vorhin schon genug zu Abend gegessen, Junge? Solltest du nicht zwischendurch mal deinen Elektrolyt-Haushalt auffüllen? Wie willst du mit deinen Freunden mithalten, wenn sie frisch gestärkt weiterziehen?", fragt sie den gerade noch sorglos schlendernden Feiernden, dessen Gedanken eigentlich nur dem nächsten Getränk galten. Eine Falle.

Der Nachthunger macht nüchtern und rational. Er tötet den Rausch.

Das Ende des Abends ist nun bereits absehbar. Auf drei perfide Arten zersetzt der Hunger die Nacht, obwohl sie so großartig hätte werden können:

1) Der Nachthunger sät Zwietracht, er sprengt die vorher beschworene Einigkeit. Im Gegensatz zum gemeinsamen Interesse an Bier und Schnaps können die Gelüste beim Nachthunger in der Gruppe völlig unterschiedlich ausfallen. Reicht dem einen eine Breze vom Späti, verlangen andere direkt nach einem Familien-Scharwarmateller. Endlose Diskussionen sind die Folge.

2) Der Nachthunger nimmt dem Abend die Geschwindigkeit. Falls die Diskussion um die richtige Mahlzeit die Gruppe noch nicht gesprengt hat, tut der Andrang am jeweiligen Imbiss sein Übriges. Sei es der Bergwolf in München oder der Köfteladen am Kottbusser Tor: Das Phänomen wird von der Gastronomie nur unzureichend aufgefangen, die hungrigen Horden ballen sich vor den wenigen guten Nachthunger-Läden. Die Wartezeiten sind teils länger als am Berghain. In der aussichtslosen Lage wird den vorher noch weggewischten Entschuldigungen von Müdigkeit oder Frühschicht am nächsten Tag plötzlich stattgegeben, die Gruppe schrumpft.

3) Der Nachthunger macht nüchtern und rational. Er tötet den Rausch. Ist es wirklich so eine fantastische Idee, die WG-Party am anderen Ende der Stadt zu überfallen, obwohl niemand den Gastgeber kennt? Lohnt es sich, für den nächsten Club um halb fünf noch Eintritt zu zahlen? Ist der Mensch, der mir da mit seinem Tabouleh im Mundwinkel entgegengrinst, wirklich die Frau meiner Träume? Ist das die Nacht der Nächte? Unnötige Fragen, die beim Einsetzen der Nüchternheit auch beim zähesten Feiertier für Zweifel sorgen.

Spätestens, wenn die eben noch dynamische Gruppe mit vollen Bäuchen auf den Imbisshockern trotz ballerndem Guetta-House langsam zusammensackt, ist die Luft raus. Dann bringt der Satz "vielleicht packen wir's lieber, oder?", ein einvernehmliches Nicken. Ist ja auch wirklich schon spät.

Die Wege trennen sich. Der Vorhang fällt. Der Nachthunger, das überflüssigste Gefühl beim Feiern, hat gewonnen. Beim nächsten Ziehen im Bauch also anders vorgehen. Ein Wegbier holen und die betüddelnde Großmutter mit einem großen Schluck dorthin spülen, wo sie hingehört: Zum wohlverdienten Katerfrühstück.

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