Mama, ich bin wieder da!

Wie ist es, nach dem Studium wieder bei den eigenen Eltern einzuziehen? Unsere Autorin hat es gemacht – und findet es nicht ganz so schlimm wie es klingt.
Von Fiona Webersteinhaus
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Foto: cydonna / photocase.de

Am Tag, an dem ich meine Taschen und meinen Kram aus drei Studienjahren die Treppen hochschleppte, war mir nicht klar, auf was ich mich eingelassen hatte. Ich hatte nie eine wirkliche Entscheidung gefällt. Der Wiedereinzug bei meinen Eltern nach dem Studienabschluss sollte ja nur ein Zwischenstopp sein. Ein Auftanken, bevor ich mich ins Berufsleben stürzen würde. Auch meine Eltern waren angetan. „Endlich mal wieder Leben im Haus“, seufzte mein Vater. Inzwischen weiß ich allerdings, dass er sich vor allem wegen des finanziellen Aspekts freute. Er spart sich mit meinem Einzug den Zuschuss zu meiner bisherigen Miete.

Meine Freunde waren skeptisch bis verständnislos, als ich ihnen erzählte, dass ich wieder bei meinen Eltern einziehen wolle. Vielleicht zurecht. Die Übergangslösung, in der ich seit nun fünf Monaten wohne, scheint sich in die Länge zu ziehen: Eine Arbeitsstelle findet sich doch nicht so leicht. Bewerbungen schreiben dauert. Und Nebenjobs kosten Zeit und bringen wenig Geld.

Zuhause bei den Eltern reduziert sich Privatsphäre auf ein Minimum. Das Haus ist zu klein, als dass man sich unbemerkt durchs Leben schleichen könnte. Deshalb sind diese Fragen inzwischen Teil meines Alltags: „Wann kommst du wieder?“, beim Abendessen. „Warum bist du so spät erst wieder da?“, wenn ich mich nachts so leise wie möglich am Treppengeländer hochziehe, weil aus dem Feierabendbier fünf Stunden an der Theke geworden sind. „Und, was sind so deine Pläne für den Tag?“, wenn ich am Frühstückstisch sitze. Es ist wie damals, als ich noch klein war.

Allerdings stellt das Mobilfunktelefon dem Kommunikationsdrang meiner Eltern Möglichkeiten zur Verfügung, die es zu meinen Kindertagen noch nicht gab. Sie rufen mich jetzt an und geben durch, dass sie in fünf Minuten wieder zu Hause sind. Sie teilen mir mit, dass sie noch kurz im Supermarkt um die Ecke sind. Was ist mit meinen Eltern passiert, die „Informationsoverload“ schrien, wenn einmal zwei Telefone gleichzeitig klingelten? Was ist aus den Digital Immigrants geworden, die sich verbal von „E-miehl“ zu „I-mehl“ hocharbeiten mussten? Ich wünsche mir meine alten Eltern zurück.

All mein Tun steht jetzt unter Beobachtung. Mein Bewerbungsfortschritt zum Beispiel, schließlich hatte ich beim Einzug klargestellt, dass ich schnellstens ausziehen würde; sobald ein Job gefunden ist. Doch die gut gemeinten Vorschläge – „Bewirb dich doch einfach mal als Quereinsteiger bei anderen Unternehmen!“, – sie helfen nicht. Meine Mutter trennt sogar Ausschreibungen aus der Zeitung, die sich an promovierte Juristen oder Diplom-Volkswirte richten – ich habe aber einen geisteswissenschaftlichen Abschluss. Immerhin ist mein Vater vorsichtiger geworden, seit er meine Schwester ermutigt hatte, sich als Übersetzerin in Delmenhorst zu bewerben. Ihre Arbeit beinhaltete hauptsächlich die Übersetzung von Sexspielzeug-Werbung und anderen pornographischen Anzeigen.

Der Körperform ist der stets prall gefüllte Kühlschrank nicht zuträglich

 

Jetzt, wieder eingezogen, entdecke ich Neues an mir. Ich bin meinen Eltern ähnlich geworden. Die Besserwisserei zum Beispiel. Oder der Drang, sich überall einzumischen. Oder der Tick, die Taschentücher in den Ärmel zu stecken – ich wusste nicht, dass meine Mutter es genauso macht. Dann der Hang zum Zuspätkommen und die Vorliebe, stehend zu frühstücken und ein Krümelfeld zu hinterlassen – ganz mein Vater und ich erkenne es erst jetzt. Langsam kommt es mir so vor, als sei ich bloß ein Amalgam aus den schlechten Eigenschaften meiner Eltern.

Aber das Zuhausewohnen hat auch Vorteile. Die Wäsche riecht nach Persil, sogar Schlüpper und Socken werden gebügelt, die Blusen werden komplett gestärkt und nicht nur der Kragen glatt gezogen. Im Gegenzug erwartet meine Mutter von mir eine ähnliche Akribie bei der Hausarbeit. Das ist gewöhnungsbedürftig, weil ich einer wassertropfenfreien Duschkabine nicht den gleichen Stellenwert zuordne wie meine Mutter. Ich sehe auch keinen Sinn darin, überall Laken hinzulegen, wo ein Straßenschuh den Fußboden berühren könnte. An manchen Tagen merke ich von „Hotel Mama“ leider wenig. Denn im Vergleich zu der gleichnamigen Kabel Eins-Dokumentation lässt meine Mutter es gar nicht erst so weit kommen wie Mutter Janine aus der Sendung, die sich mit ihrem rauchenden Sohn Marvin herumschlagen muss. Beim gemeinsamen Fernsehschauen sprach ich sie darauf an. „Mama, schau mal“, sagte ich im Spaß: „Der Marvin, der macht auch gar nichts.“ Meine Mutter murmelte etwas von „nur schlafen und essen“ und „faul“ und verließ den Raum. Ich unterließ es zu fragen, was und wen sie genau meinte.

Aber ich dachte über den stets prall gefüllten Kühlschrank und die Speisekammer meiner Eltern nach. Der Körperform ist die bunte Vielfalt an Essbarem nämlich nicht zuträglich. Die Konsistenz meines Körpers hat sich seit meinem Einzug von „fester Brotlaib“ in Richtung „aufgegangener Hefeteig“ entwickelt. Die Essbarrieren, die mich während meines Studiums rank gehalten haben – der Gang zum Supermarkt, der leere Geldbeutel – sie fallen jetzt weg. Kekse, packenweise in der Vorratskammer, rufen leise aber bestimmt nach mir. Und abends nach dem Essen gibt es, „um den Magen zu schließen“, Käse vom Wochenmarkt. Wenn zu meiner Studienzeit der ja!-Käse für mich so etwas wie das Festtags-Upgrade zum Milbona war – dann ist das elterliche Käsefach nun das Paradies.

Doch nun zum Schwierigsten: Gelüste körperlicher Art kann man im Elternhaus weniger gut ausüben. Sicher, Sex ist ganz natürlich – aber im Haus meiner Eltern verflüchtigt sich jedes Zeichen aufkommender Lust. Erst recht, wenn das Bett direkt über dem Schlafzimmer meiner Erzeuger steht und dazu noch ein Fabrikat ist, welches schon zu preußischen Zeiten als Beispiel guten deutschen Handwerks galt. Hätte ich einen festen Partner, wäre es vielleicht anders. Aber jetzt steht jede sich entwickelnde Liaison unter genauer Beobachtung. Jedes Date wird im Fastforward-Modus auf Stufe drei einer Beziehung katapultiert: Der familiäre Anhang wird sofort und zu Beginn des Kennenlernens zur eigenen Persönlichkeit dazugeliefert.

Fühle ich mich nun als Versager, weil ich zurück ins Elternhaus ziehe? Meine Antwort variiert. Beim Vergleich mit Bekannten, die in ihren eigenen vier Wänden leben und diese auch zahlen können, empfinde ich das Zusammenleben mit Mutti und Vati als erdrückend. Gedanken, dass ich ein desolater Spacken ohne Freunde, ohne Arbeit und mit einem mickrigen Sexualleben bin, sind mir nicht unbekannt. Wenn ich hingegen, eingewickelt in eine Steppdecke, auf dem Sofa liege und mit meinen Eltern Tatort schaue und alle eine Tasse Kräutertee in den Händen halten – dann kann ich mir manchmal vorstellen, noch zwanzig Jahre hier wohnen zu bleiben. Diese Gemütlichkeit ist aber ein gefährlicher Zustand. Ich will nicht mit 48 Jahren, wie Susan Boyle, aus dem Elternhaus in eine Castingshow flüchten, weil es die einzige Möglichkeit ist, zu entkommen. Vorher muss etwas passieren. Ich muss ausziehen.

Und warum man unbedingt ausziehen sollte:

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