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Illustration: Daniela Rudolf

Wer auf einem Festival oder auf einer Party Drogen nimmt, der verspricht sich davon mehr Spaß. Das funktioniert nicht immer: Bei einem schlechten Trip kann von einem Kreislaufkollaps bis hin zu Angstzuständen einiges schiefgehen. Dann ist es gut, wenn jemand da ist, der auf einen aufpasst und einem hilft, diese miese Phase zu überstehen.

Dieser Jemand kann zum Beispiel Anette Hofmann sein. Sie ist Tripsitterin und betreut Menschen, die halluzinogene Drogen genommen haben. Sie engagiert sich für Eclipse e.V., einen Verein für akzeptierende Drogenarbeit und psychedelische Krisenintervention, der jedes Jahr auf dem Fusion Festival eine Ambulanz mit 150 ehrenamtlichen Helfern einrichtet.

jetzt: Tripsitting, das klingt ein wenig nach Babysitting für Menschen auf einem Drogentrip. Kommt das hin?

Anette Hofmann: Ich nenne es lieber "Begleitung". Es geht darum, dass man da ist und jemanden, der auf einem schlechten Trip ist, aus der Reizüberflutung holt und im Hier und Jetzt hält.

Wie machst du das?

Manchmal reicht es schon, jemandem eine Tasse Tee und eine Banane zu geben. Viele, die zu uns in die psychedelische Ambulanz kommen, sind völlig ausgetrocknet. Auf Drogen vergisst man oft das Essen und Trinken. Es hilft auch, wenn man jemanden zudeckt: Eingewickelt hat man ein besseres Körpergefühl. Wir reden den Leuten gut zu und sagen: "Du hast irgendwelche Substanzen genommen, deshalb geht es dir schlecht. Das geht wieder weg, wir passen solange auf dich auf." Wir versuchen dann herauszufinden, ob jemand bekannte Gesichter, also seine Freunde, um sich braucht, oder ob die zu hysterisch sind und alles noch schlimmer machen. Und Vitamin C hilft auch.

Löst ihr den Leuten dann Brausetabletten auf?

Das auch, aber am besten ist es, wenn man Obst isst. Wir bereiten Teller mit aufgeschnittenen Orangen, Mandarinen, &#196;pfeln und Birnen vor. Bei Speed und MDMA kommt es oft zu Wadenkrämpfen, da geben wir Magnesium. Manche brauchen auch eine Art Beschäftigungstherapie.<br 

Wie sieht die aus?

Manche laufen über das Gelände und sammeln jeden Fussel vom Boden auf. So jemandem drücken wir auch mal einen Müllsack in die Hand und sagen: "Sammle doch alle Zigarettenstummel!" Dann ist der total froh, dass er eine Beschäftigung hat, und macht auch noch den Platz sauber. Oder wir lassen ihn Aschenbecher ausleeren oder in der Küche Geschirr abtrocknen. Das kommt immer darauf an, welchen Draht man zueinander aufgebaut hat. Wir machen auch Spaziergänge oder gehen zusammen tanzen. Und wir haben immer eine Schreibmaschine dabei.

Anette Hofmann, 50, ist gelernte Krankenschwester. Sie war selbst süchtig, studierte nach einer Therapie Sozialpädagogik und ließ sich zur Suchttherapeutin ausbilden. Seit 15 Jahren begleitet sie Menschen auf Drogentrips.

Anette Hofmann, 50, ist gelernte Krankenschwester. Sie war selbst süchtig, studierte nach einer Therapie Sozialpädagogik und ließ sich zur Suchttherapeutin ausbilden. Seit 15 Jahren begleitet sie Menschen auf Drogentrips.

Foto: Kathrin Hollmer

Eine Schreibmaschine?

Ja, wir lassen die Leute einfach schreiben. Das ist meistens unzusammenhängendes Zeug, aber sie haben etwas in den Händen, eine Aufgabe, auf die sie sich konzentrieren müssen, und sind abgelenkt.

 

Wie kommt jemand auf einem Trip überhaupt zu euch?

Manchmal bringen Fremde jemanden vorbei, der auf der Tanzfläche zusammengebrochen ist, oder Freunde, die dann sagen: „Wir sind selbst drauf, kümmert euch um den!“

 

„Wie sich ein Trip entwickelt, hat viel mit dem Setting zu tun.“

 

Und dann darf er in eurem Zelt bleiben.

Ja. Wir haben mehrere Zelte für verschiedene Stadien, es gibt ein Chill-Zelt und zwei Ambulanz-Zelte. Wenn jemand Ablenkung braucht, bleibt er im Chill-Zelt. Bis zu 60 Leute haben darin Platz, es ist beheizt und wir kochen Chai-Tee. Alles ist mit Tüchern abgehängt, es gibt Kissen, nettes Licht – nichts, das Angst machen könnte. Wie sich ein Trip entwickelt, hat ganz viel mit dem Setting zu tun. Wenn wir aber merken, dass jemand gerade keine Menschen um sich herum erträgt, bringen wir ihn in eins der Ambulanz-Zelte.

 

Was passiert da?

Wir haben eins für Frauen und eins für Männer, um Übergriffe zu vermeiden. Gerade auf MDMA ist das, was man verharmlosend „Kuschelbedürfnis“ nennen könnte, sehr hoch. Auch bei GHB, dem sogenannten Liquid Ecstasy, das die Grenzen verschwimmen lässt, kann es zu Übergriffen kommen. In den Ambulanz-Zelten ist für jeden ein Begleiter abgestellt, der Puls und Atmung überwacht, zu essen und zu trinken gibt, beruhigt. Und dann haben wir noch ein Zelt, in dem man sich massieren lassen kann, wenn man körperlich verspannt oder verkrampft ist. Die Zelte sind, zumindest nachts, ziemlich ausgelastet.

 

Auf welchen Drogen sind die Leute, die ihr begleitet?

Meist auf LSD oder MDMA, oft sind es Überdosierungen oder beim Mischen ist was schiefgelaufen. Am gefährlichsten ist die Verbindung mit Alkohol, besonders Alkohol und GHB. Pilze sind beliebt, manchen wird es damit aber zu bunt oder sie wirken zu lange. Ketamin ist auch beliebt und synthetische Cannabinoide, bei denen Paranoia, Angstzustände und Beklemmungen auftreten können. Die Leute denken teilweise sogar, sie sterben jetzt. Die meisten haben aber Kreislaufprobleme, dann lagern wir ihre Beine hoch.

 

Was macht ihr, wenn jemand umkippt?

Wenn jemand bewusstlos wird, so ausgetrocknet ist, dass er eine Infusion braucht, oder auch nach Stunden nicht zur Ruhe kommt, bringen wir ihn zu den Sanitätern, die auf der Fusion im Zelt nebenan sind. Die medizinischen Helfer sind froh, dass wir uns um die psychischen Probleme kümmern, dafür ist bei ihnen, wo es oft ums nackte Überleben geht, einfach keine Zeit. Und wir sind froh, dass für physische Komplikationen eine Absicherung da ist. Ein junger Mann hatte mal einen Herzinfarkt. Das hatte nichts mit Drogen zu tun, aber seine Freunde haben ihn zu uns gebracht, weil sie nicht wussten, was sie mit ihm machen sollen. Wir haben ihn zu den Sanitätern gebracht, und er wurde mit einem Hubschrauber ins Krankenhaus geflogen.

 

 "Wenn zwei auf Speed im Laber-Flash sind, setzen wir die  zusammen. Wenn uns schon die Ohren wehtun, unterhalten die sich immer noch blendend."

 

Wie lange ist jemand normalerweise bei euch in der Ambulanz?

Meistens sind die Leute innerhalb einer Schicht, also in vier bis fünf Stunden, wieder stabil und können wieder tanzen gehen. Manche schlafen sich sechs, sieben Stunden aus. Die kann man zwischendurch auch alleine lassen, überprüft nur immer wieder ihren Puls, deckt sie zu, bringt ihnen frischen Tee, aber lässt sie sonst in Ruhe. Es gibt auch Trips, die tagelang dauern.

 

Wie kommt das?

Bei einigen neuen psychoaktiven Substanzen können Trips immer wieder von vorne anfangen. Vor zwei Jahren gab es auf der Fusion komische blaue Pillen, keiner wusste, was drin ist. Wir haben Leute, die welche geschluckt hatten, aus der Ambulanz entlassen, und am nächsten Tag kamen sie wieder mit neuen Halluzinationen und Angstzuständen, ohne dass sie noch mal was genommen hatten. Bisher musste noch keiner in die geschlossene Psychiatrie, aber wir haben schon wirklich schlimme Fälle gehabt.

 

Zum Beispiel?

Wenn jemand in der Vergangenheit etwas Schlimmes erlebt hat, Gewalt in der Familie oder Partnerschaft oder sexuellen Missbrauch, können die Traumata durch Drogen, gerade LSD, wieder aufbrechen. LSD und MDMA werden im Ausland auch in der Therapie eingesetzt, damit die Leute sich besser öffnen und erinnern können. Wenn das auf einer Party passiert, ist das der unpassendste Ort, den man sich vorstellen kann. Oft nehmen junge Frauen psychoaktive Substanzen und projizieren ihre Angst auf den Freund oder Partner – und sehen ihn dann als Feind.

 

Was macht ihr in so einer Situation?

Wir sorgen dafür, dass die Frauen erst einmal mit gar keinen Männern mehr in Kontakt kommen, begleiten sie aufs Klo, schaffen einen Schutzraum für sie. Bricht so ein Trauma auf, will man alles erzählen. Das müssen wir aufhalten, weil es zu einer Retraumatisierung kommen kann: Die Person würde ihr Trauma dann ein zweites Mal erleben.

 

„Wir wollen niemanden therapieren, sondern die Leute wieder partyfit machen.“

 

Wie verhindert ihr das?

Wir holen sie in die Gegenwart, fragen, was sie gut kann, was sie an sich mag, oder geben ihr einfache Anweisungen, zum Beispiel, ihre Beine zu spüren, sich auf ihren Körper zu konzentrieren. Alles, was sie wegbringt von ihrer Geschichte, ist gut.

 

Gibt es auch lustige Trips?

Sagen wir „nett“. Wenn zwei auf Speed im Laber-Flash sind, setzen wir die zum Beispiel zusammen. Wenn uns schon die Ohren wehtun, unterhalten die sich immer noch blendend.

 

Hilft dir deine eigene Erfahrung mit Drogen bei der Arbeit?

Jeder, der schon mal Drogen genommen hat, weiß, wie schnell man abstürzen kann und was man dann braucht. Darum werten wir eigene Erfahrungen als Pluspunkt, aber es ist keine Voraussetzung, um mitzumachen. Viele arbeiten im sozialen Bereich, als Psychiater, Psychologen, Sozialpädagogen, Krankenschwestern, andere haben aber gar keine Ausbildung in der Richtung. Wir bieten jedes Jahr einen Workshop für neue Helfer an. Es hat aber auch viel mit Gefühl zu tun.

 

Inwiefern?

Wichtig ist, dass jemand empathisch ist und Respekt gegenüber dem Konsumenten hat. Man muss spüren, wie nah man jemandem kommen darf – immerhin kommen manche mit Angstzuständen zu uns. Wichtig ist auch, dass man hinter unseren Grundsätzen steht: Uns geht es nicht darum, jemanden zu therapieren, sondern darum, die Leute wieder partyfit zu machen. Wir halten Drogen nicht für böse. Wir sind eine Art Reisebegleitung.

 

Informiert ihr die Leute auch über sicheren Konsum?

Im Chill-Zelt liegen Flyer zu allen Substanzen, nach denen werden wir oft gefragt. Man kann sich auch Leerkapseln, Ziehröhrchen, Unterlagen und Alkoholtupfer zum Saubermachen mitnehmen, damit man nicht immer auf dem dreckigen Zeug ziehen muss, und auch Kondome. Wir werden auch oft gefragt, was man mischen kann, und predigen dann immer, nur bei einer Substanz zu bleiben, und wenn der Turn vorbei ist, das auch zu akzeptieren. Das Nachlegen ist fatal.

 

Sollten auf einem Festival nicht eigentlich die Freunde, die zusammen da sind, aufeinander achtgeben?

Wenn alle in der Gruppe drauf sind, kann es gut sein, dass keiner mehr weiß, was zu tun ist, wenn es einem plötzlich schlecht geht. Darum ist es besonders bei psychoaktiven Drogen wie Ketamin, LSD oder GHB gut, wenn einer dabei ist, der nichts genommen hat. Früher haben die Leute mehr aufeinander aufgepasst, Fremde haben gefragt, ob alles in Ordnung ist, wenn sich jemand nicht mehr ausgekannt hat. Heute ist alles anonymer, auch deshalb hat sich Eclipse gegründet, um das ein wenig zu übernehmen, gerade auf der Fusion mit 80 000 Besuchern. Manchmal liegt einer irgendwo, und keinen interessiert es, ob er noch atmet.

 

 

Dieses Interview ist Teil des SZ-Schwerpunkts „Die Recherche“ zum Thema „Alkohol, Cannabis, Crystal: Wann hört der Spaß auf?“ Mehr Infos und Beiträge unter sz.de/rauschundrisiko.

 

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