Wann genau ist man eigentlich erwachsen?

Die Eltern sterben oder man besitzt plötzlich ein Raclette - es gibt diesen einen Moment, an dem die Jugend endet.
Von Dirk von Gehlen
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Illustration: Dirk Schmidt

Die Raclette-Euphorie

Ende November gab es Raclette-Geräte im Angebot. Eines zu kaufen und damit durch die Stadt zu laufen, war gar nicht komisch. Als ich aber Freunde zum Essen einlud und wir alle um das Raclette saßen, dachte ich: Ein solches Gerät zu haben ist etwas sehr Erwachsenes. Ich finde Raclette-Essen so erwachsen, weil das ein typisches Familienessen ist. Oder das, wozu sich zwei Pärchen an Silvester treffen. Deshalb fühlte es sich fremd an, mit Freunden drum herum zu sitzen. Ein Raclette-Gerät ist so eine Sache, die man normalerweise in einem etablierten Haushalt findet. Weil ich so oft umgezogen bin, besitze ich nichts Etabliertes; keinen Staubsauger, nicht mal eigenes Geschirr. Das Raclettegerät ist nun etwas, was ich an festem Hausstand besitze. Ich weiß, es wird immer mitkommen, wenn ich umziehe. Ich glaube, das Raclette-Gerät hat mich nicht wirklich erwachsener gemacht, aber in dem Moment, in dem ich's aufstelle, fühle ich mich doch ein bisschen so. Das ist gar nicht negativ. Erwachsen werden ist irgendwie ankommen. Nicht, dass man genug hat vom Leben, aber dass man diese Rastlosigkeit ein bisschen ablegt. Das ist die Art von erwachsen werden, die ich möchte. Es dauert aber noch eine Weile, bis es bei mir soweit ist. Ein Raclette-Gerät ist ein Anfang.

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Illustration: Julia Schubert

Der Väter-Punkrock

Seit ich ein Kind habe, bin ich wieder jung. Ich sage nicht: jugendlich. Denn jugendlich war ich, als ich für alle Fragen der Zukunftsplanung nur stolze Verachtung übrig hatte, aufschneiderische Bücher von Henry Miller las und mich schlecht ernährte. Demnach bin ich gottlob (wegen Tütenspaghetti) oder leider (wegen des Zukunft-schleich-dich-Gefühls) schon seit fast zehn Jahren nicht mehr jugendlich. Was ja nicht heißt, dass Sex, Drugs und Rock'n'Roll seither für meine Glücksökonomie unwichtig wären. Hat sich daran etwas geändert, seit ich einen Sohn habe? Natürlich muss ich nun auf das ein oder andere Bier verzichten. Aber der Reiz des allabendlichen Kneipenstehens hat sich vor etwa zwei Jahren sowieso in kalten Rauch aufgelöst. Und wenn ich nun vormittags den Kleinen durch die Gegend schiebe, komm ich mir sogar recht jung vor. Aber das Alter ist ja eine recht relationale Angelegenheit. Man ist so jung, wie die anderen um einen herum alt sind. Dummerweise auch umgekehrt: Zuletzt habe ich mich mit meinen 14 Semestern unter all den lebensfrohen Studienanfängern doch recht alt gefühlt. Ganz anders jetzt: All' die jungen Eltern, die mir auf meiner Tour entgegenkommen entpuppen sich bei näherem Hinsehen als locker 35. Verglichen mit denen kann ich mich mit meinen 30 Jahren und unserem runtergerockten Babywagen schon fast wieder so punkig fühlen wie damals, als ich im Club noch der Jüngste war.

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Illustration: Julia Schubert

Der erste Tod

Vor einem halben Jahr wurde bei meinem Vater eine akute Form der Leukämie festgestellt. Als wir Kinder für ein Wochenende anreisten, machte er noch Scherze, als ich eine Woche später wieder ankam, lag er im künstlichen Koma, vier Wochen nach der Einlieferung ins Krankenhaus. Die Woche darauf starb er bei dem Transfer zu einer Professorin, unserer letzten Hoffnung. Seither hat sich viel geändert und gleichzeitig auch gar nichts. Ich kenne alle unterschiedlichen Formen von "mir geht's nicht gut" und habe mich die ersten Monate überwinden müssen, Leute zu sehen. Mitleidige Blicke sind mir unerträglich, obwohl ich mich oft genug selbst bemitleide. Die Wochen danach funktioniert man wie eine Maschine. Man erledigt das Notwendige, zwingt sich wenig nachzudenken, lässt sich hängen, rappelt sich wieder auf, kämpft mit schlechtem Gewissen, wenn man sich ertappt, Spaß zu haben, und versucht es so zu schaffen, wie der Vater es gewollt hätte. Etliche Leute sagen mir, dass sie stolz auf mich sind. Und eigentlich möchte ich etlichen Leuten nur sagen, dass sie keine Ahnung haben. Wenn ich erwachsen bin, weil ich die Verantwortung für meinen Vater übernommen habe, weil ich Sachen geschafft habe, die ich mir nie zugetraut habe, weil ich mein Leben auf die Reihe bekomme und immer noch nach vorne schaue - dann ja. Dann bin ich verdammt erwachsen geworden. Ob ich mich erwachsen fühle? Nein. Ich fühle mich hilflos wie nie zuvor und hätte unendlich gerne den Vater im Rücken, dem natürlich nichts etwas anhaben kann.

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Illustration: Julia Schubert

Der lange Lauf zu mir selbst

"Mein Körper ist ein Tempel." Solche Weisheiten stehen in der Bibel, und die Leute, die sie ausgesprochen haben, habe ich früher wenn nicht gar verachtet, dann zumindest belächelt. Aber wenn ich diese Metapher bemühe - handelt es sich dann in meinem Fall um einen bereits verfallenden Tempel? Habe ich schon zu viele und zu lange Nächte verbracht? Mit zu buntem Neonlicht und zu lauter Musik? Ein wenig Mäßigung wäre vielleicht angebracht. Oder besser noch: Es gilt, dem körperlichen Verfall aktiv entgegenzuwirken. Und zwar schnell. Nach längerer Suche finde ich meine Laufschuhe im Keller. Eine einzige blütenweiße Anklage. Keine Schlammspritzer, keine Abnutzung der Sohlen, nichts. Und das aus vermeintlich gutem Grund, denn an einem Sonntagmorgen durch den Raureif joggen gehört nicht auf meine Agenda. Und doch gibt es immer mehr Freunde und Bekannte, die mir euphorisiert von den während des Dauerlaufs ausgeschütteten Endorphinen erzählen. Und mich am liebsten gleich noch mit ins Kneipp'sche Kaltwasserbad zerren wollen. Sowieso ist Wassersport der beste Einstieg in die Welt adulter Körperertüchtigung. Meine gelegentlichen Ausflüge ins Schwimmbad kann ich jedoch kaum als ernsthafte Auseinandersetzung mit der eigenen Anatomie gelten lassen. Eher noch als selbst verordnetes Wellnessprogramm für das schlechte Gewissen. Trotzdem, der Anfang ist gemacht, ich weiß ja jetzt, wo die Laufschuhe sind.

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Illustration: Julia Schubert

Zu alt für Kalifornien

"Beverly Hills 90210" hab ich früher immer gemocht. Als eine Freundin mir von der neuen amerikanischen Serie "O.C. California" erzählte und sie mit "Beverly Hills" verglich, hab ich mir gleich die erste Staffel auf DVD ausgeliehen. Die Geschichte hat mich ziemlich schnell gepackt. Aber immer, wenn ich mir überlegte, wen ich besser finde, Seth oder Ryan, wurde mir klar: Das wäre Verführung Minderjähriger. Die Schauspieler mögen älter sein als ich, aber die Figuren sind erst 16. Sie könnten meine kleinen Brüder sein, nicht meine Liebhaber. Sie gehen zur High School, wohnen zu Hause und müssen um Mitternacht im Bett sein. Wenn nicht, gibts Hausarrest. Ich wohne alleine, bin längst mit der Schule fertig und keiner schickt mich um zwölf ins Bett, ich gehe freiwillig. Seth, Ryan und die anderen aus O.C. sind Jugendliche, und weil meine Lebenswelt nichts mehr mit ihrer zu tun hat, heißt das wohl: Ich bin erwachsen.

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Illustration: Julia Schubert

Und wenn man dann erwachsen ist:

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