3500 Euro brutto für die Oboistin

Marion, 27, hat großes Glück mit ihrer unbefristeten Stelle und muss nicht mehr ständig zum Vorspielen.
Protokoll von Charlotte Bastam

Foto: privat; Bearbeitung: jetzt

Die Musikschule

Zur Oboe kam ich durch Zufall. Als ich sechs war, wurden in unserer Musikschule zu Hause in Frankreich Instrumente vorgestellt. Die Oboe gefiel mir einfach, seitdem sind wir miteinander verbunden. Mit 15 entschied ich mich, damit in einem Orchester mitzuspielen. Meine Musikschule organisierte einen Austausch mit einer anderen Schule in Lettland. Dort habe ich die ganze Zeit im Orchester gespielt und gemerkt, wie erfüllend das für mich ist. Nach dem Abitur wollte ich in Deutschland studieren, da hier die Ausbildungsmöglichkeiten für Orchestermusiker gut sind und es mehr als in Frankreich gibt. Meine erste Wahl war die Hochschule in Stuttgart, da der Professor für Oboe dort besonders gut ist. Zur Bewerbung gehört ein Vorspielen. Ich habe es glücklicherweise gleich in Stuttgart geschafft, für meinen Master klappte auch mein Wunschort Leipzig. Das ist aber nicht immer so. Andere müssen von Vorspiel zu Vorspiel, bis sie einen Platz bekommen.

An der Hochschule hatte ich neben Oboenunterricht auch Stunden in Theorie, Musikanalyse und Gehörbildung. Das wird aber immer weniger im Laufe des Studiums. Denn irgendwann ist es vor allem wichtig, dass man übt. Bei mir waren das ungefähr vier Stunden am Tag.

Während des Studiums musste ich schon zu Vorspielen, auch Probespiele genannt, um einen Job bei professionellen Orchestern zu ergattern. Ich habe zunächst ein einjähriges Praktikum in Freiburg absolviert, um den Einstieg in die Orchesterwelt zu finden. Das ist völlig üblich, damit man sich anschließend auf richtige Stellen bewerben kann. Zu meinem jetzigen Orchester, dem Bochumer Sinfonieorchester, kam ich auch eher zufällig. Die Stelle war unbefristet, ich habe vorgespielt und wurde genommen.

Das Orchester

Mein Tagesablauf hängt davon ab, ob ich Dienst habe oder nicht. Denn ich nehme nicht an jeder Aufführung teil. Wir sind vier Oboen im Orchester, aber meistens werden nur zwei oder drei gebraucht. Deswegen wird bei uns rotiert oder es werden auch mal Projekte getauscht und ich habe oft eine oder mehrere Wochen frei. Danach habe ich aber auch wieder mehrere Wochen am Stück Proben und Auftritte. Je nach Projekt habe ich bis zu drei Aufführungen die Woche. Für ein neues Stück fangen wir drei oder vier Tage vorher an gemeinschaftlich zu proben. Davor habe ich das Stück allerdings bereits alleine eingeübt. Die Probe läuft so ab: Um zehn Uhr muss ich mit meiner Oboe bereit sein. Vorher habe ich mich meistens schon eine halbe Stunde lang eingespielt, denn zum Probenbeginn muss alles sitzen. Danach probt das Orchester zweieinhalb bis drei Stunden gemeinsam. Das gleiche passiert dann noch mal am Nachmittag. Die Leitung übernehmen der Chefdirigent oder auch verschiedene Gastdirigenten. Ab und zu spielen wir auch ein Programm unter der Führung des ersten Geigers, unseres Konzertmeisters. Wenn ich nicht an den Stücken teilnehme, übe ich ein paar Stunden am Tag für mich zu Hause. Ich vergleiche meine Arbeit gern mit der eines Sportlers: Der hat auch nicht immer einen Wettkampf, muss aber trotzdem fit bleiben. Und so ist das auch mit mir und meiner Oboe. 

Das Probespiel

Auf manche Stellen beim Orchester bewerben sich um die 30 Menschen, obwohl es nur eine Stelle gibt. Der Druck, die Beste zu sein, ist also hoch. Wenn du die Stelle bekommen hast, ist es aber noch nicht vorbei. Zunächst hast du ein einjähriges Probejahr, bei dem am Ende das gesamte Orchester abstimmt, ob du bleiben darfst. Denn das Zusammenspiel ist ungemein wichtig. Jeder Musiker hat eine bestimmte Klangfarbe, die zu den anderen Kollegen passen muss. Ein Diplom zu haben, ist in meinem Job also gut, aber am Ende ist das Studium nur eine jahrelange Vorbereitung für weitere Vorspiele. Ich musste mich also in meinem Leben schon öfter beweisen. Für feste Stellen habe ich bereits mindestens 20 Probespiele gemacht. Jetzt hat es aber erstmal geklappt. Im Mai ist mein Probejahr erfolgreich zu Ende gegangen und ich darf fest in Bochum bleiben.

Das Geld

Als Einstiegsgehalt bekomme ich in Bochum 3500 Euro brutto. Mein Gehalt steigt mit den Jahren und der Erfahrung. Mit dieser Summe bin ich tatsächlich gut dabei. Denn die Verdienstmöglichkeiten als Orchestermusiker sind sehr unterschiedlich. Bei den Rundfunkorchestern verdient man noch besser, aber an anderen Institutionen dafür deutlich schlechter. Es verdienen auch nicht alle Musiker in einem Orchester das Gleiche. Denn ein Orchester ist sehr hierarchisch aufgestellt, der Verdienst kommt sehr auf die Position an. Die erste Geige und die Solo-Bläser verdienen zum Beispiel am besten. Trotzdem stimmt das Bild des armen Musikers nicht so ganz. Es kommt einfach darauf an, wie man angestellt ist. Als freier Musiker kann man übrigens auch gut verdienen. Allerdings ist das ein ganz anderer Beruf, da man ständig Kontakte knüpfen muss. Der Verdienst ist hier viel unsicherer.

Die Leidenschaft

Ich liebe die Abwechslung. Ich darf Stücke aus allen möglichen Epochen spielen. Denn wir haben nicht nur klassische Musik im Repertoire, es gibt auch ab und zu Projekte mit Jazz- oder Covermusik, Uraufführungen neukomponierter Stücke oder Aufführungen mit Schauspielern. Je nachdem muss ich mich immer wieder neu auf die Musik einstellen. Am liebsten mag ich Kammermusik und Stücke aus der romantischen Epoche. Mozart macht mir auch viel Spaß, vor allem wenn wir ohne Dirigent spielen. Doch das Schönste ist immer, wenn bei vollem Haus am Ende das gesamte Publikum aufsteht und klatscht. Dass unsere Musik ankommt und wirkt, ist schließlich das Ziel.

Die Frage, die auf Partys immer gestellt wird

Während meiner Studienzeit wurde ich oft gefragt: „Okay, du studierst Musik. Aber was machst du dann mal wirklich?“ Anscheinend können sich einige Menschen nicht vorstellen, dass man damit auch wirklich arbeiten kann und sogar Geld verdient. Jetzt ist das anders. Als Orchestermusikerin wird zumindest anerkannt, dass das ein echter Beruf ist.

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