Rund 3740 Euro brutto für die Physikerin

Cora, 30, erforscht die Vergangenheit und die Zukunft des Universums und liebt es, an der Grenze des menschlichen Wissens zu kratzen.
Protokoll von Charlotte Bastam

Cora mag an ihrem Beruf besonders den Austausch mit Kollegen.

Foto: privat / Illustration: Manuel Kostrzynski

Die Forschung

Ich forsche im Feld der Kosmologie an der Universität Cambridge. Im Grunde arbeite ich an der Schnittstelle zwischen theoretischer Physik und Astrophysik. Das heißt, ich stelle erst an der Tafel und später am Computer viele Berechnungen an, um zu verstehen wie Galaxien angeordnet oder sogar entstanden sind. Unsere theoretischen Vorhersagen vergleichen wir mit Computersimulationen, um uns auf die Analyse von astronomischen Datenmengen echter Beobachtungen vorzubereiten. Damit testen wir, wie gut unsere Modelle die Galaxienverteilung in fundamentale Erkenntnis über die Zusammensetzung und Historie unseres Universums übersetzen. Mit diesen Berechnungen soll man dann die Verteilung dieser Galaxien besser analysieren können und herausfinden, wie sie entstanden sind und was in Zukunft passiert. Dafür kartieren große Teleskope auf der Erde oder in Weltraumsatelliten Milliarden von Galaxien. Aktuelle Beobachtungen legen nahe, dass unser Universum sich immer schneller ausdehnt und so möglicherweise bald keine neuen Strukturen mehr entstehen. Wir sind also sowohl unserer Vergangenheit als auch der Zukunft auf der Spur.

Ich sitze aber nicht nur den ganzen Tag in meinem Elfenbeinturm im Büro und rechne. Ich organisiere auch Seminare oder halte Lehrveranstaltungen für Studenten ab.

Ein wichtiger Teil meines Jobs ist auch der Austausch mit anderen Forschern und Studenten. Wie wichtig das ist, habe ich bereits während meines Studiums durch die Veranstaltungen der jungen Deutschen Physikalischen Gesellschaft ( ein Verein, der Physiker*innen seit Jahrzehnten miteinander vernetzt und als Lobby dient, Anm. d. Red.) gelernt. In Cambridge gibt es jeden Tag bei uns im Institut um elf Uhr umsonst Kaffee. Hier treffen sich alle und unterhalten sich über ihre aktuellen Forschungsprojekte. Auch Konferenzen sind wichtig, um mit anderen über Forschungsstände zu sprechen und sich inspirieren zu lassen. Außer diesen Terminen kann ich mir meine Zeit größtenteils selbst einteilen. Wann ich meinen Forschungen hinterhergehe bleibt somit im Prinzip mir überlassen.

 

Der Weg

In der Schule war ich immer sehr gut in Mathe, Chemie und Physik. Eigentlich hat mich auch die Mathematik interessiert, aber die Physik erschien mit realitätsbezogener. Deswegen habe ich mich dann für ein Diplom-Studium an der TU München entschieden. Dort habe ich erst einmal gelernt, wie viel einfacher das in der Schule noch war. Denn das Studium und die Inhalte waren hart. Gleich am ersten Tag meinte der Professor, dass wir die Personen rechts und links von uns am Ende des Studiums nicht mehr sehen würden. Und tatsächlich haben viele abgebrochen. Das liegt aber nicht nur am Stoff, sondern auch an der hohen Eigenverantwortlichkeit im Studium. Im Diplom-Studiengang hatten wir weder Anwesenheitspflicht in den Vorlesungen noch mussten wir Übungsblätter abgeben. Du warst selbst dafür verantwortlich, ob du dranbleibst oder nicht. Zum Glück haben sich alle gegenseitig unterstützt und zusammen gelernt und gearbeitet. Die Mathematik konnte ich aber trotzdem nicht ganz sein lassen und habe deswegen nebenher noch Mathe studiert. Später habe ich dann auch den Master in theoretischer und mathematischer Physik an der LMU München begonnen. Dort bin ich dann auch auf das Feld der Kosmologie gekommen, in dem ich anschließend auch meinen Doktor gemacht habe. Dabei hat mir mein Engagement in der Deutschen Physikalischen Gesellschaft sehr geholfen, persönlich wie fachlich zu wachsen und ein starkes Netzwerk aufzubauen. Auch wenn mir damals schon bewusst war wie unsicher der Unibetrieb ist, wollte ich unbedingt an der Uni und in der Forschung bleiben. Aber das heißt auch, sich viel zu bewerben. Während meines Doktors in München, habe ich mich auf nahezu 70 verschiedene Stellen weltweit beworben. Und ich war froh, dass ich am Ende zwischen zwei in Europa wählen konnte. Ich hatte wirklich Sorge, dass nichts funktionieren würde und ich meinen Traum von der Unikarriere erst mal aufgeben muss.

 

Die Motivation

Es ist einfach unglaublich spannend und faszinierend, an der Grenze des menschlichen Wissens zu kratzen. In meinem Beruf kann ich fundamentale Dinge lernen und selbst entdecken. Und all das geschieht in einem regen Austausch mit anderen Wissenschaftlern. Überall wo ich hinkomme, sind die Leute interessiert und hochmotiviert mit ihren Themen weiterzukommen. Egal ob ich mich mit Studenten bei uns an der Uni in der Kaffeerunde unterhalte oder mit anderen Physikern bei einer Konferenz in Japan, alle wollen mehr wissen. Gerade in der Kosmologie geht es viel darum, wie Galaxien und damit auch das Fundament von Existenzen entstehen. Dem Ursprung auf der Spur zu sein, ist gleichzeitig spannend und sehr motivierend.

 

Die Herausforderungen

Eine der größten Schwierigkeiten im Unibetrieb ist die Unsicherheit. Denn unbefristete Stellen gibt es kaum – zumindest nicht für Postdoktoranden. Deswegen muss ich mich ständig darauf einstellen, mich neu zu bewerben und dass nicht nur für zwei oder drei Projekte. Diese Unsicherheit und der Konkurrenzkampf sind schon hart. Vor allem, wenn ich alle zwei bis drei Jahre mit einem potentiellen Ortswechsel konfrontiert werde und ich aber eigentlich nicht zu weit von meiner Familie, Freunden und Partner entfernt sein möchte.

Auch die hohe Eigenverantwortlichkeit ist manchmal ein schwieriges Thema. Denn es liegt auch an mir, wie viel ich von meiner Zeit und Energie in meine Projekte investiere. Niemand kontrolliert, wann ich in der Uni erscheine. Dadurch habe ich viele Freiheiten, aber muss mir auch meine ganze Zeit selbst einteilen. Somit kommt auch der meiste Druck von mir selbst. Schließlich will ich weiterkommen und etwas mit meinen Forschungsergebnissen erreichen. Ich nehme meine Arbeit immer im Kopf mit und bekomme ständig E-Mails von Kollegen weltweit. Da wird es oft schwer, abzuschalten.

Das Geld

Auch in England ist mein Gehalt an einen Tarif für wissenschaftliche Mitarbeiter geknüpft. Ich bekomme als Postdoktorandin zurzeit 3300 Pfund brutto im Monat. Das sind momentan rund 3740 Euro. In Deutschland bekommt man tariflich als Postdoktorandin etwas mehr mit ungefähr 4200 Euro brutto. Dafür habe ich hier ein Stipendium, mit dem ich fast umsonst auf dem Campus wohnen kann.

Die Frage, die auf Partys immer gestellt wird

Als ich noch in München studiert habe, wurde ich oft gefragt: „Willst du dann als weibliche Physikerin später einmal Bundeskanzlerin werden?“ Viele scheinen Frauen in der Physik als erstes mit Angela Merkel zu verbinden - leider. Dabei gibt es auch andere Frauen, die einen Doktor in der Physik haben und in ihren Forschungsbereichen tolle und wichtige Arbeit leisten. Bundeskanzlerin ist also nicht die einzige Karrieremöglichkeit für eine Physikerin.