1200 Euro brutto für den Busfahrer

Kevin, 22, ist Busfahrer – die Krise gerade ändert seinen Job radikal.
Protokoll von Marius Fuhrmann

Foto: Privat / Bearbeitung: jetzt

Die Motivation

Angefangen hier zu arbeiten habe ich vor allem, weil ich den Chef gut kenne und wir ein tolles Team haben. Ich habe auch nicht das Gefühl, mein Potenzial zu verschwenden, weil ich Abitur gemacht habe und Busse fahre. In ein paar Jahren will ich BWL studieren, das ist die optimale Voraussetzung, den Betrieb später vielleicht einmal zu übernehmen. Ich bin ein kommunikativer Mensch, mir macht es Freude, mit so vielen verschiedenen Menschen zu tun zu haben. Der Job ist sehr abwechslungsreich, Alltagstrott gibt es nicht. Man lernt auch sehr viel über fremde Kulturen, bei uns im Betrieb arbeiten 25 Fahrer aus 16 Nationen. Da gibt es große Unterschiede bei der Organisation, der Arbeitsweise und der Arbeitsmoral, das ist schon spannend, auch wenn es manchmal nervig ist. Wenn ich am Steuer sitze, habe ich aber immer gute Laune.

Der Alltag

Ich hasse das frühe Aufstehen, jeden Tag aufs Neue. Aber man gewöhnt sich dran. Oft stelle ich mir den Wecker auf 3:30 Uhr und bin um 4:15 Uhr im Büro, damit ich schon mal ein paar Sachen erledigen kann – Personalangelegenheiten, Lohn, Buchhaltung, Organisation. Um die Uhrzeit stört mich keiner. Wir sind ein Subunternehmen einer Verkehrsgesellschaft in Nordrhein-Westfalen. Ab sechs Uhr fahre ich die Frühschicht, weil da die meisten Leute, insbesondere Schüler, unterwegs sind. Das machen alle Kollegen so, auch wenn sie eigentlich im Büro arbeiten. Mittlerweile kenne ich alle Strecken auswendig, und das sind mehr als 50. Wenn es notwendig ist, springe ich auch schon mal ein, um die Busse aufzutanken. Das mache ich am Betriebshof der Verkehrsgesellschaft, der nur wenige Hundert Meter entfernt liegt. Ich bin wirklich mit Leidenschaft dabei, deswegen bleibe ich oft bis spätabends, weil wir als Kollegen noch zusammen essen oder so.

Der Werdegang

Nach dem Abitur habe ich ein Semester Bauingenieurwesen studiert, das war aber nichts für mich. Parallel habe ich nach einem Nebenjob gesucht und bin hier bei dem Busunternehmen gelandet. Da habe ich Bürokram und anfallende Arbeiten erledigt. Weil das immer mehr wurde, habe ich schließlich eine Ausbildung als Kaufmann für Büromanagement begonnen. Irgendwann habe ich gemerkt, dass es besser ist, selbst Bus fahren zu können, wenn man den anderen Fahrern ständig Anweisungen gibt. Also habe ich den Führerschein der Klasse D und D1 gemacht, für leere Busse und Busse mit Fahrgästen. Wenn man jünger ist als 24, darf man das eigentlich nur machen, wenn man eine Ausbildung zum Berufskraftfahrer macht. Ich habe aber eine Sondergenehmigung vom Straßenverkehrsamt bekommen. Den Lkw-Führerschein mit Anhänger habe ich parallel gemacht, weil das insgesamt günstiger war. Ich darf jetzt mit 22 alles fahren, was rollt – außer Panzer.

Das Geld

Derzeit bekomme ich für 40 Stunden in der Woche ein Gehalt von 1200 Euro brutto. Da ich aber am Wochenende zusätzliche Schichten übernehme, um mir etwas dazuzuverdienen, bekomme ich noch 450 Euro dazu. Meist fahre ich alle zwei Wochen die Schicht am Samstagmorgen und am Sonntagabend. Ein Busfahrer, der bereits seit Jahren fährt, kann aber durchaus bis zu 3100 Euro brutto verdienen. Ich kenne aber viele, die lieber weniger verdienen wollen, da ihnen sonst staatliche Zuschüsse wie der Kinder- oder Wohngeldzuschlag gekürzt werden würden. Die wollen aber trotzdem Vollzeit arbeiten. Je nachdem, für welches Unternehmen man fährt, bekommt man Zuschüsse am Wochenende. Diese Schichten sind oft unbeliebt. Wir haben aber keine Probleme, Fahrer dafür zu finden. Viele von ihnen sind Muslime, die wollen lieber donnerstags und freitags frei haben, weil der Freitag für sie der Feiertag ist.

Die Fahrgäste

Am wichtigsten ist bei den Fahrgästen, freundlich zu bleiben. Denn wie man in den Wald hinein ruft, so schallt es zurück. Wer sich ganz offensichtlich ohne Ticket vorbeischmuggeln will, den spreche ich aber drauf an. Busfahrer sind übrigens gar nicht so unaufmerksam, wie viele denken: Die meisten realisieren es durchaus, wenn man ihnen ein kopiertes Ticket oder seine Bankkarte hinhält. Aber sie sprechen einen meist nicht drauf an, um Verspätungen oder Ärger zu vermeiden. Ich mache es trotzdem, man kann ja nicht zu viel Willkür walten lassen. Ich sage außerdem immer „Guten Morgen“ und das wirkt auch: Bei mir bleibt nie Müll im Bus liegen oder es werden Nothammer geklaut. Wer unfreundlich gegenüber den Fahrgästen ist, kriegt halt die Quittung dafür: An Karneval hat ein Kollege spätabends die Tickets aller Fahrgäste überprüft, sogar mit Ausweisen. Und wenn er die Leute nicht erkennen konnte, weil sie geschminkt waren, hat er sie nicht mitfahren lassen – reine Schikane. Aber so sah der Bus am Ende auch aus, jeder hat seinen Müll aus den Taschen geholt und auf den Boden geworfen.

Das Coronavirus

Kurz gesagt: Für die einzelnen Fahrer ist die Situation viel angenehmer, für die Unternehmen schwierig. Die Fahrgäste steigen nur noch in der hinteren Tür ein und aus, der vordere Bereich ist seit Wochen durch Flatterband abgesperrt. Wir kontrollieren oder verkaufen auch keine Tickets mehr. Ich persönlich weiß nicht, ob das was bringt. Das Virus ist ja noch nicht so gut erforscht. Gefährdet fühle ich mich jedenfalls nicht. Im Büro habe ich jetzt doppelt so viel zu tun wie vorher: Kurzarbeitergeld, Soforthilfe, Absagen und Stornierungen sowie die sich ständig verändernden Pläne durch die Verkehrsgesellschaft. Wie überall ist der Linienbetrieb ausgedünnt, es sind viel weniger Menschen unterwegs. Keine Schüler mehr, nur noch Leute, die zur Arbeit, zum Arzt oder zum Einkaufen wollen. Es sind rund 70 Prozent weniger Fahrgäste. Das bedeutet aber auch 70 Prozent weniger Umsatz, die Busse bringen halt nur Geld, wenn sie fahren. Unser Betrieb kommt bisher aber gut klar, wir mussten noch keine Kündigungen aussprechen und danach sieht es auch nicht aus. Es gibt aber auch Unternehmen, die mussten schon Mitarbeiter entlassen. Trotzdem haben wir auf Kurzarbeit umgestellt und die Soforthilfe für Unternehmen des Landes NRW beantragt. Eigentlich wollten wir Investitionen tätigen, das geht jetzt nicht.

Die Frage, die auf Partys gestellt wird

Viele Leute fragen als Erstes, ob ich keine Hobbys hätte, ich fahre ja schließlich auch in meiner Freizeit. Als nächstes kommt dann aber: „Kannst du mich nach Hause bringen?“ Denn meistens buchen Bekannte einen Bus, wenn sie zu einem Junggesellenabschied oder so etwas wollen. Ich fahre sie dann zu den Partys und feiere mit – natürlich ohne dass ich Alkohol trinke. Am Ende kann ich dann tatsächlich alle nach Hause bringen. Wenn wir dann vorher noch bei McDonald's halten, sind alle begeistert. Mir macht das aber großen Spaß und es hat auch was für sich, der Beliebteste im Bus zu sein.

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