Foto: Nico Schimmelpfennig

Ich treffe Jan Stöhlmacher hinter Transsilvanien. Jan ist der Chef der „Boo-Crew“, er und seine Leute sind die Erschrecker in den Horrorattraktionen zum Halloween-Event im Heidepark, dem größten Freizeitpark in der niedersächsischen Pampa.

Dass es eine Nachfrage am Erschrecktwerden gibt, verstehe ich. Aus diesem Grund gibt es Geisterbahnen und Horror-Filme. Und seit Halloween auch in Europa immer beliebter wird, ist der Grusel vielen Menschen eine willkommene Abwechslung zum Alltag, in dem die meisten natürlich niemals Gefallen daran fänden, einem Horror-Clown zu begegnen. Aber ein Kick, ein bisschen Gefahr mit dem Wissen, dass das alles nicht echt ist – das mögen die Menschen. 

Wo aber liegt eigentlich der Reiz am Erschrecken? Ich will von der Boo Crew erfahren, warum ihnen das Angstmachen Spaß macht. Sie tun es ja nicht für Geld wie die Geisterbahnbetreiber auf dem Oktoberfest. Es ist ihr Hobby. Wer andere gerne zum Weinen bringt, muss doch ein Sadist sein, oder? Noch bin ich mir da sicher.

„Wir sind ein großer Haufen von Beknackten, denn was wir machen, ist unser Hobby“, sagt Jan. Die Boo-Crew sind nicht nur ein paar Erschrecker, die als irrer Horrorclown oder blutrünstige Irrenärztin in einer Geisterbahn hocken. Die 120 Mitglieder bauen, komponieren und konzipieren auch die Angst. Jedes Jahr denken sie sich neue Mazes aus, so nennen Profis die Grusellabyrinthe zum Durchgehen. Angstmachen ist ein ganzjähriges Hobby, von der Idee bis zur Eröffnung dauert es knapp zwölf Monate, spätestens ab Februar arbeitet das Bauteam der Crew. „In dieser Zeit verbringen wir unsere Wochenenden im Freizeitpark, kommen Freitagabend und bauen bis Sonntagabend“, erzählt Jan. Montags sind sie dann wieder Studenten, Ärzte, Lehrer. Vom Park bekommt die Boo-Crew zwar ein Budget für den Bau, die Kostüme und Schminke. Aber bezahlt wird niemand, schließlich ist es ihr Hobby. „Die ganze Arbeit machen wir, weil es uns Spaß macht.“ Alles für sechs Abende im Jahr.

Doch warum so viel Aufwand für ein paar Stunden Erschrecken? „Wenn die Gäste Spaß haben, ist das unsere Belohnung“, sagt Jan. Er freut sich, wenn die Besucher an ihre Grenzen kommen. So wie der harte Typ, der gestern am Ende windelweich und weinend auf dem Boden saß, wie Jan erzählt. In manchen Fällen bricht aber selbst die Boo-Crew ab. Sie wollen keine Grenzen überschreiten. „Doch wir gehen sehr nah an sie ran“, sagt Jan.

Ich überlege, wie sehr Schadenfreude süchtig macht. „Sadisten sind wir aber definitiv nicht.“ Jan spricht von der Freude, Menschen an ihre Grenzen zu bringen. Ob das Spiel mit den Limits der Reiz hinter allem ist?

Jan führt mich in ein nicht mehr genutztes Restaurant. Wo früher Steaks auf dem Teller landeten, schminken sie heute Fleischwunden. Der alte „Dämonengrill“ ist das Hauptquartier der Erschrecker. Die Holzvertäfelung und Sitzecken im Hauptquartier lassen sich stellenweise nur noch erahnen, überall ist eine absurde Menge Equipment verteilt auf den Tischen und Polsterbänken: Walkie-Talkies und andere Technik in Wäschekörben, kistenweise Theaterschminke und Kunstblut.

Seit 2004 machen sie das schon, „damals wussten wir nicht so richtig, was wir tun“, sagt Jan. Mittlerweile ist die Boo-Crew ein eigenständiger Verein – und wurde über die Jahre immer professioneller. Es gibt ein Schmink- und Technikteam, Kostüme werden vor dem Gebrauch „eingedreckt“, Erschrecker pinseln schwarzen Speziallack auf ihre Zähne.

Zur Vorbereitung will mir Jan unbedingt noch das Grand Hotel Morton zeigen. Bevor ich selbst ran darf, soll ich bei den Profis abgucken. Das Horror-Hotel war letztes Jahr die große Neuigkeit der Boo Crew, ihre bisher vielleicht aufwendigste Story.

Ich zucke zusammen, spaßig ist das nicht. Nur Stress. Blanker Stress

Doch ich verstehe noch immer nicht, wie ich dabei als Gast echte Angst bekommen soll, schließlich sind es alles Schauspieler, anfassen ist eh verboten, das Hotel ist hobbymäßig zusammengeschraubt und die meisten Requisiten sind von Ebay. Wieso sollte ich da mehr als müde zucken? Doch Jan lächelt bloß, als er mich zum Grand Hotel Morton führt.

Der Concierge brüllt nach dem Liftboy. Zusammen mit zwei Frauen betreten wir die enge Hotelkulisse. Der Liftboy bugsiert uns in eine Aufzugattrappe. Wir betreten einen langen Flur, klappernde Türen, schwerer Teppichboden. Ein grauenhaftes Zimmermädchen. Der Kohlekeller, im Ofen werden sicher Leichenteile verfeuert. Ich weiß nicht, was hinter der nächsten Ecke wartet. Ich weiß nicht, wer hinter mir steht. Jede neue Türschwelle wird für mich zur meterhohen Überwindung. Alles verschmilzt zu schaurigem Bilderbrei. Gestalten zischen mich an, ihre Worte verhallen in meinem Kopf, ihre blutigen Gesichter direkt vor meinem. Ich zucke zusammen, spaßig ist das nicht. Nur Stress. Blanker Stress. Für mich der Horror. „Okay, danke. Reicht mir!“, höre ich mich sagen. Ich bin mir sicher: Nicht zu erfahren, was hinter den Schweinehälften im Vorratsschrank auf mich wartet, wäre für mich auch völlig okay. Jan will davon nichts wissen. Geh ruhig mal weiter, bedeutet er mir.

Als wir die Treppe am Ausgang runterstolpern, fällt mir auf, wie leise es draußen im Freizeitpark ist. Mein Herz schlägt heftig. „Das war krass“, sage ich. Und meine natürlich bloß die Attraktion, den Aufwand, die detailverliebten Zimmer. Da ist kein Triumphgefühl, den Horror überstanden zu haben.

„Es macht Spaß auf der dunklen Seite“, sagt Jan.

Wir gehen zurück zum Dämonengrill, einkleiden, endlich kann ich erschrecken. „Es macht Spaß auf der dunklen Seite“, sagt Jan. „Tob dich aus, lass den Freak in dir raus!“ Gleich bin ich also verantwortlich für die Beklemmung zahlender Gäste. Angst als Dienstleistung – mit einer wichtigen Rolle für mich!

Meine letzte Rolle war der Lehrer in der „Häschenschule“, damals war ich in der fünften Klasse. Heute werde ich zum Horrorclown.

Jasmin sucht mir das Outfit zusammen, sie herrscht über den Kostümfundus der Boo-Crew. Die junge Frau mit blondem Pferdeschwanz und Brille entscheidet, dass ich mich einen schwarz-weißen Clowns-Einteiler mit Flatterkragen zwänge, dazu einen grünen und gelben Ringelsocken und weiße Handschuhe.

Dazu will ich unbedingt eine dieser Glatzenkappen mit bunten Haarbüscheln. Ab jetzt werde ich also jedes Kopfjucken wehrlos ertragen müssen.

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Foto: Nico Schimmelpfennig

Verkleiden ist lustig, aber langsam wird es ernst. Und ich ratlos. Was mache ich da eigentlich gleich, wenn die ersten Besucher in der Attraktion auf mich zu kommen? Wie mache ich Angst? „Am besten du machst etwas regelmäßig und dann bewegst du dich plötzlich auf die Gäste zu!“, empfiehlt Annika, die mich vorher noch mit Airbrush und Lidstrich gruselig geschminkt hat. „Du kannst zum Beispiel erstmal an einer Stelle auf und ab hüpfen.“ Das klingt ein bisschen wie damals in der Häschenschule. Nicht sehr gruselig.

Vom Stuhl nebenan mischt sich Eileen ein, die gerade einer Ballerina eine Latexwunde verpasst. „Als Clown ist irres Lachen auch super! Mach einfach das, was du selbst gruselig findest“, sagt Eileen. Sofort sprudeln aus mir ein paar Testlacher, mit weit aufgerissenen Augen. Das könnte klappen. Aber was, wenn auch beim zehnten Versuch immer noch keiner schreit, denke ich. Ein kleiner Clown mit Antennenzöpfchen schaut vorbei. „Bei meiner Premiere bin ich nach der ersten Gruppe weinend raus“, erzählt er. „Ein Typ hat mir vor Schreck ins Gesicht geboxt.“ Wird ja immer besser.

Gedämpftes Gekreische kündigt meine ersten Gäste an

Es geht raus in den Park, raus in die Blicke. Wir müssen einen Umweg nehmen. Das klebrige Kunstblut tropft mir aus dem Bart, Blicke bleiben haften. Einige Besucher machen lieber zwei schnelle Schritte rückwärts, weichen mir aus. Ich fange an, einzelne Gästen mit aufgerissenen Augen zu verfolgen und sehe wie die Leute auf mich reagieren. Fast verliere ich den Anschluss an Jan.

Neben dem Ausgang von Obscuria schlagen wir uns ins Gebüsch, an verhängten Bauzäunen entlang, dahinter wabern Nebelschwaden, flackern irre Lichter, wummern beängstigende Bässe. Eine Mischung aus Kirmes und Kriegsgebiet. Die Attraktion ist bereits geöffnet, das Gruseln hat begonnen, die Dämmerung noch nicht ganz.

Gedämpftes Gekreische kündigt meine ersten Gäste an. Jetzt gilt’s. Ich hüpfe lachend um sie herum, mache eine plötzliche Bewegung auf eine junge Frau zu und... nichts. Irritierte Blicke, keine Angst. Ich meine, ein kleines bisschen Unbehagen zu erkennen, mehr nicht. Unangenehm ist das gerade nur für mich. Welcher Horrorclown hält sich bitte den Bauch vor Lachen? Das laute Lachen ist nur eins: bescheuert.

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Foto: Nico Schimmelpfennig

Jans Ratschlag kommt mir in den Kopf. „Tob dich aus!“ Es wird langsam dunkel und mein Lachen wilder. Statt rumzuhopsen, probiere ich jetzt mehr. Ich lege mich auf die Ringe der großen, schwarzen Metallkette am Rand, wiege langsam den Kopf von rechts nach links, starre die vorderste Person einer Gruppe mit aufgerissenen Augen an. „Lass den Freak in dir raus!“

Bevor die Nächsten kommen, schwinge ich mich auf den großen Metallmülleimer, die vor dem Pavillon steht. Wie ein Cowboy darauf sitzend, schlage ich die Blechklappe zwischen meinen Beinen. Erst langsam, dann immer schneller. Das metallene Krachen erfüllt noch den ganzen Platz, da spurte ich schon mitten in das auseinandergehende Grüppchen. Mädchen verkrallen sich in den Armen ihrer Freunde, die mir ihre möglichst kalte Schulter zeigen und sich abwenden – aber auch ihre Schritte geraten ins Stocken.

Ich bin im Rausch, meine Droge ist ihre Angst

Zwischen zwei Gruppen meint Miterschreckerin Jelle bloß: „Du kannst sofort bei uns anfangen!“ Ich bin ein furchtbar stolzer Horrorclown. Normalerweise müsste ich ein Casting überstehen, um Teil der Crew zu werden.

Mit jeder Gruppe wird mein Lachen schriller, lauter, irrer. Der Hals schmerzt, egal. Mein Herz pocht heftig, immer neue Dinge fallen mir ein.

Ich schreie ihnen winkend ein irre hohes „HUHUUUU“ entgegen, dann rase ich auf sie zu. Oder ich schmeiße wild kichernd Laub in die Luft, lasse sie ein paar Meter ziehen, um mich dann erst vor ihren Gesichtern in einen irren Wahn zu lachen.

Wer möglichst schnell weitergeht, dem stelle ich nach, komme still von hinten und gehe bis auf wenige Zentimeter vor ihre Gesichter ran. Ich bin im Rausch, meine Droge ist ihre Angst.

Am Ende habe ich den Dreh raus: Ich hocke wie Gollum auf einer alten Turbine an der Seite, springe plötzlich runter und auf Gruppen zu. Oder ich liege bäuchlings auf dem Boden in der Platzmitte, stütze mein Horrorgesicht auf die Hände, baumel mit den Beinen in der Luft und starre die nächste Gruppe an. Dann der Lachanfall, rein in die Gruppe. Ich lasse sie vorbeiziehen, werde ganz still. Und verfolge sie die nächsten 30 Meter.

Nach zwei Stunden stolpere ich nass vom Schweiß entkräftet aus Obscuria. Ich habe Menschen an ihre Grenzen gebracht, sie haben gezuckt, geschrien und gewimmert. Viele haben zusammen gelacht vor lauter Panik, sich gegenseitig Mut zugesprochen oder gejohlt, wenn der andere erschrak. Alles wegen mir. Das mitzuerleben, ja der Grund für ihr Horror-High zu sein, war nicht nur aufregend. Dieses Spiel mit den Urängsten war auch verdammt befriedigend.

Während andere für die nächste Grenzerfahrung mit 200 über die Autobahn rasen, Koks nehmen oder anderes Dummes tun, bloß um „sich zu spüren“, bin ich als blutiger Clown bemalt über den Asphalt gerobbt.

Jan hatte recht: Erschrecken macht verdammt viel Spaß.

Noch Stunden später sitze ich high und erschöpft in der Bahn, mit zerzausten Haaren und einem debilen Dauergrinsen. Nur die Smokey Eyes und das Blut in meinem Bart erinnern mich daran, dass ich nicht komplett irre bin.

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