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Foto: PolaRocket / photocase / Collage: Daniela Rudolf

Kiki Schirr ist 29 Jahre alt, sie arbeitet als freie Autorin und lebt in San Francisco. Anfang des Jahres beschloss sie, dass 2018 das Jahr werden sollte, in dem sie 100 Absagen auf Bewerbungen kassieren würde. Das „Rejection Project“ war geboren. Doch schon nach kurzer Zeit stellte Kiki fest, dass sie ihr selbstgestecktes Ziel wohl nicht erreichen würde. Wie es dazu kam und warum ihr Ansatz besonders Frauen zugute kommen würde, hat sie uns erklärt.

jetzt: Kiki, Anfang des Jahres hast du ein Experiment begonnen: Du wolltest innerhalb eines Jahres 100 Absagen auf Bewerbungen sammeln. Was war die Idee hinter diesem Projekt?

Kiki: Ende 2017 wurde sehr deutlich, dass das Unternehmen, das ich gegründet hatte, niemals genug abwerfen würde, um davon leben zu können. Ich musste also wieder zurück in die „echte Arbeitswelt“ und war deswegen ziemlich nervös. Also habe ich beschlossen, erst mal eine Weile freiberuflich zu arbeiten. Das Problem dabei ist, dass man nur so viele Aufträge bekommt, wie man sich selbst besorgt. Ich wollte mich damit also gewissermaßen selbst zwingen, möglichst viele und vor allem interessante Aufträge zu bekommen.

War das Projekt eine Reaktion auf Zurückweisung oder auf die Angst vor Zurückweisung?

Eigentlich war es nur eine etwas exzentrische Idee, die ich hatte. Mir wurde klar, dass ich sehr viele Absagen bekommen würde. Normalerweise reagiere ich darauf mit großem Bestürzen. Ich wollte das umdrehen und Absagen als eine Art Ehrenabzeichen betrachten und 100 von ihnen sammeln.  

Wie haben Freunde auf deinen Plan reagiert?

Ich habe zwar zu Beginn auf Twitter über das Experiment geschrieben, aber eigentlich wusste nur meine Freundin, wie ernst ich dieses Projekt genommen habe. Ich habe extra einen Ordner gebastelt, ein sehr farbenfrohes Cover darauf gemalt und angefangen, all meine Absage-Briefe auszudrucken. Sie fand das etwas verrückt, vor allem, als ich im Januar und Februar wirklich eine Menge Druckertinte verbrauchte.

Du bist Autorin - schreiben ist schwer, vor allem, wenn man damit fertig ist und den Text abgibt und dafür Kritik erntet. War das für dich eine Art Therapie, dich so oft wie möglich dieser Situation auszusetzen?

Auf jeden Fall. Und es gab sehr eindeutige Ergebnisse: Zunächst mal merkte ich, dass ich mich durch dieses Projekt für sehr viel kompliziertere und gewagtere Projekte bewarb, als ich es sonst gewagt hätte. Langfristig begann ich auch, Ablehnung völlig anders zu betrachten - und nicht mehr persönlich zu nehmen.

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Foto: Privat

Wurde es mit der Zeit einfacher?

Und wie! Ehrlich gesagt war ich ab März ziemlich genervt, weil ich nicht genug Absagebriefe bekam. Ich fing sogar an, einige potentielle Auftraggeber zu bedrängen, ob ich denn nun genommen werde oder nicht - und sogar dieses Verhalten führte komischerweise dazu, dass ich mehr Zusagen bekam, weil ich damit zeigte, dass ich mich für die Stelle wirklich interessierte. Im Laufe des Projekts wurde mir zudem klar, dass ich alleine dadurch, dass ich signalisiert hatte, offen für neue Aufträge zu sein, neue Jobangebote bekommen habe.  

Wurdest du auch schneller darin, die Bewerbungen selbst zu schreiben?

Ich bin jetzt superschnell darin, die Unterlagen auszufüllen, das Bewerbungsschreiben zu formulieren und das ganze andere Bewerbungs-Zeug zu machen. Mein Tipp: benutzt Chrome und nützt deren Autocomplete-Information, so dass ihr nicht mehr ununterbrochen eure Adresse neu eingeben müsst.

Du hast geschrieben, dass du dich im Laufe des Projekts für ganz verschiedene Jobs beworben hast. Warum?

Das Projekt selbst hat mich dazu gebracht, ich begann, zu experimentieren.  Ich habe mich sogar im Bereich Venture Capital beworben - und dabei eine meiner ersten Absagen kassiert.  

Welche Jobs waren das außerdem?

Erst mal muss ich sagen, dass ich mich nie für einen Job beworben habe, den ich nicht machen wollte oder nicht beherrscht hätte. Selbst der Job im Venture Capital-Bereich wäre für Anfänger gewesen und jemand hätte mir am Anfang die Hand gehalten. Ich habe mich tatsächlich für viele Jobs beworben, die ich schon immer toll fand, aber für die ich mich nie qualifiziert genug gefühlt hatte. Bei einem Job habe ich mich beworben, weil ich das Team so toll war. Seit ein paar Wochen verhandeln wir über das Gehalt, aber die Chancen stehen nicht schlecht, dass ich den Job bekomme - und für mich ist es schon der Wahnsinn, dass sie mich überhaupt in Betracht ziehen.  

Ich habe das Gefühl, es ist ein sehr weibliches Phänomen, dass wir uns nur dann für einen Job bewerben, wenn wir auch garantiert alle Qualifikationen mitbringen - wohingegen Männer eher denken: Ich bringe jetzt nicht alle geforderten Qualifikationen mit, aber ich bewerbe mich einfach trotzdem. Ist das auch deine Erfahrung?

Und ob! Auch in den Antworten auf meinen Tweet spiegelt sich das wider. Menschen, die wirklich kein Problem damit haben, sich für Jobs zu bewerben, die außerhalb ihrer Qualifikationsebene sind, sind immer männlich. Ich weiß nicht, wie viel davon kulturell bedingt ist oder wie viel davon angeboren ist, da bin ich keine Expertin. Aber ich kann eines sagen: Ladies, lasst uns von jetzt an nach den Sternen greifen, okay?

Wie viele Absagen hast du eigentlich genau bekommen?

Schwierig zu sagen. Ich habe nämlich irgendwann Mitte März meinen Aktenordner ausgeleert, weil ich ihn für ein anderes Projekt brauchte und seitdem habe ich den Überblick verloren. Bis dahin hatte ich 23 Absagen gesammelt und danach kamen schon noch ein paar rein, aber lang nicht so viele wie am Anfang.  

Und wie viele Jobangebote?

Ich glaube, es waren seit Januar definitiv mehr als 30 Angebote. Ich habe so wahnsinnig viel geschrieben, dass mittlerweile die Buchstaben von meiner Tastatur abgehen.

 Hast du alle Jobangebote angenommen?

Alle Aufträge, an die ich durch eine Bewerbungen gekommen bin, habe ich auch ausgeführt. Das kam mir nur fair vor. Allerdings habe ich durchaus viele Angebote abgelehnt, die ich nicht durch eine Bewerbung bekommen habe, sondern die mir so angeboten wurden. Ich würde empfehlen, dass man extrem selektiv sein sollte bei solchen Jobs, weil die oft sehr unspezifische Anforderungen und Bedingungen haben.

Wie hat sich dein Leben seit Beginn des Experiments verändert? Ich habe sehr viel weniger Angst, dass ich meine Miete nicht zahlen kann, haha! Aber noch sehr viel entscheidender ist, dass ich ein sehr viel größeres Selbstbewusstsein habe, was meinen Beruf angeht, als noch im Dezember.    

Verdienst du jetzt eigentlich viel Geld?

Ja. Ich hätte niemals gewagt, mehr als zehn Cent pro Wort für meine journalistische Arbeit zu verlangen. Mittlerweile verdiene ich ziemlich oft zehnmal so viel. Zum Teil liegt das natürlich an den Aufträgen, denn Ghostwriting ist ziemlich lukrativ.

Was würdest du Menschen raten, die sich vor dem Bewerbungsprozess fürchten?

Betrachtet Absagen nicht so, als würde jemand euch persönlich ablehnen. Viele Anzeigen für Autoren werden nur pro Forma veröffentlicht - in Wahrheit haben sie schon längst den passenden Kandidaten gefunden. Die größte Chance bei der Jobsuche hat man, wenn man all seinen Freunden sagt, dass man sucht. Die haben vielleicht Freunde, die etwas anbieten. Es gibt Studien, die zeigen, dass diese persönlichen Zweit- und Dritt-Kontakte die wertvollsten sind. Also nehmt euch die Zeit, gute und wertvolle Freundschaften aufzubauen. Außerdem sollte man sein Twitter- und LinkedIn-Profil ausbauen und immer einen aktuellen Lebenslauf in der Hinterhand haben.

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